
Dienstag Abend. Es ist Anfang Januar. Draußen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Die Luftfeuchtigkeit verwandelt sich zu Reif, der allem anhaftet, was sich ungeschützt im Freien befindet. Es ist fast windstill, und schneit ein bißchen. Winter-Wonderland. Weihnachtszauberwetter nach Weihnachten - wie fast jedes Jahr. Beim Betrachten der weißen Landschaft außerhalb meines warmen Wohnzimmers bekomme ich den Eindruck, daß die ganze Welt angehalten worden ist. So still scheint es draußen zu sein.
In meinem Haus dagegen ist es gemütlich. Im Ofen brutzelt schon das leckere Essen, auf das ich mich schon in der Arbeit gefreut habe. Eine gute Flasche Wein atmet auf dem Wohnzimmertisch vor sich hin. Der Schwedenofen verbreitet Wärme, und ein angenehmes Licht. Essenduft schwebt durch die Räume.
Nina Simone säuselt mir leise Ihre Lieder ins Ohr. Meine Katzen sitzen auf der Fensterbank, und schauen erstaunt nach draußen, wo das ungemütliche Wetter seinen Lauf nimmt. Es ist perfekt. Na ja, fast perfekt.
Denn ich mach mir Gedanken über Gott und die Welt, während ich alleine auf mein Essen warte, das im Ofen schlummert. Ich mache mir Gedanken über mein Liebesleben...
"...und plötzlich habe ich dann diesen Smilie auf meinem GR-Profil. Witzig! Genauso, wie ich es schon in meinem Thread "Das Hamsterrad" beschrieben hatte. Ein unverfänglicher Smilie, der eine Kettenreaktion auslöst. Freundlich wie ich bin schreibe ich natürlich zurück, und bedanke mich artig. Is ja wohl klar. Gehört sich einfach so. Obwohl ich gestehen muß, daß mir der Zusender wirklich ganz gut gefällt: Ein blondes Bärchen mit einem toll geschwungenen Mund, und faszinierenden Augen. Aber mal wieder so weit von mir entfernt, wie die Sonne vom Mond. Egal, ich schreibe trotzdem! Und wie schon fast geahnt kommt ein Dialog zustande. Wir tauschen Nettigkeiten aus, schicken uns Fotos. Der Mann weckt mein Interesse, und ich sichtlich auch seines.Ich komme mir vor wie ein Teenager! Der Ofen läutet. Das Essen ist fertig. Das Geräusch reißt mich aus meinen Gedanken, die ich aber auch noch nicht abschütteln kann, als ich in der Küche bin, und mir das leckere Menü auf meinen Teller portioniere. Während ich mein Abendessen zu mir nehme, grüble ich weiter.
Ja, es scheint, er ist ein toller Typ - nicht nur von der Optik. Dann mein naive Idee, ihn zu besuchen. Wir machen uns nur eine schöne Woche. Ohne Hintergedanken. Einfach mal schauen was sich daraus entwickelt...
Und was hat sich mal wieder daraus entwickelt? Genau! Wir haben uns total verliebt. Toll!
Und jetzt? Wie soll das weitergehen? Ich kann ja schlecht hier meine Zelte abbrechen. Meinen Job, mein Haus, meine gewohnte Umgeben aufgeben, und ans andere Ende von Deutschland ziehen. Dann ist wieder alles vorbei, und ich kann wieder schauen, was ich dann mache. Ein totaler Gehirnpfurz, dahin zu fahren! Andreas, Du hättest es eigentlich besser wissen sollen in deinem Alter. Aber wenn er doch Mr. Right ist? Was dann?"
"Wie ist es wohl bei anderen, wenn sie eine Beziehung zu jemanden eingehen? Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle? Ist es so, daß rationelle Gründe für eine Partnerschaft mehr Gewicht haben, als das Bauchgefühl? Ist es besser, sich einen Freund zu suchen, der in der Nähe wohnt, und mit diesem Menschen dann in einer Partnerschaft zu leben, die ein Kompromiss aus Nutzen und Liebe darstellt? Wie muß ich mir das vorstellen? Gäben die Faktoren, die einen dazu veranlassen, mit jemanden eine Beziehung einzugehen 100%, wie wäre wohl da die Aufteilung? Und was würde ich als relevant betrachten?
Ich stelle mir das wie ein Balken-, oder Kuchen-Diagramm vor. Wie in einer Wahlreportage in den Nachrichten. Dort, wo der Nachrichtensprecher vor diesem Diagramm steht, daß hinter ihm an die Wand geworfen wird, und er so etwas sagt wie...
"...die Liebe hat es bei dieser Wahl leider nur auf 50 % geschafft, während aber die Nähe zum Freund schon mit 30 % einen ausschlaggebenden Teil zur Wahlentscheidung beigetragen hat. Die restlichen 20% wurden von dem Wähler auf die Gemeinsamkeiten, den Humor, und den gesellschaftlichen Status des neuen Freundes verteilt. Wir sind gespannt, ob diese Verteilung auch in den nächsten Jahren für ein stabiles, und robustes Beziehungsklima ausreichen wird..."
Es ist wohl oft nicht so wie in den Rosa Filmen, die ihren Namen von der DVD-Hülle haben, in denen sie verbreitet werden. Sog. romantischen Komödien. Werden sehr oft von weiblichen Publikum gesehen. Meist handelt der Film davon, daß sich ein Mann und Frau nach längerem, amüsanten hin-, und her in einander verlieben, und letztendlich dann ein Paar werden - unabhängig von irgendwelchen rationellen Aspekten einer Beziehung. Ich habe noch nie einen Film gesehen, in dem der Mann sagt: "Schatz, Du bist zwar die Frau meines Lebens. Aber Du wohnst so arsch-weit weg von mir...das wird wohl nix mit uns beiden!"Diese Unsicherheit frustriert mich! Warum zum Henker muß eine Beziehung zu einem anderen Menschen immer so kompliziert sein? Als ich den letzten Bissen meines Abendmahls mit einem Schluck Wein herunterspüle, bin ich durch meine dauernde Grüblerein ein wenig angepisst. Eine Mischung aus Aggressivität, und Melancholie. Genervt, weil das Leben einfach nicht so ablaufen will, wie ich es gerne hätte. Auch wenn ich mich noch so bemühe. Andererseits bin ich aber auch gespannt, wie mein Leben weiter gehen wird. Ob ich mit dem hübschesten Mann der Welt doch noch zusammenkommen werde, oder ob diese Freundschaft auf Grund der äußeren Einflüsse zum Scheitern verurteilt ist.
Die Filme enden immer da, wo es eigentlich anfangen würde, interessant zu werden. Nämlich da, wo man sieht, wie die beiden Verliebten ihren Alltag meistern. Da, wo sie zu ihm, oder er zu ihr zieht. Da, wo man sehen könnte, ob diese Beziehung tatsächlich auch einem Alltagsleben stand hält. Ob diese Verliebtheit sich in wahre Liebe wandelt. So wie man es für sich gerne hätte. So, wie ich es für mich gerne hätte!
Ich bin zerrissen, und auf eine kranke Art auch neugierig. Durch meine bisher gelebten Partnerschaften weiß ich, wie schnell sich die Verliebtheit zwischen zwei Menschen auflösen kann. Wie aus einem Paar eine Zweckgemeinschaft wird. Doch das möchte ich nicht! Ich möchte, das sich meine Verliebtheit in Liebe wandelt. Doch ich habe Angst, das das nicht klappen könnte. Das ich einen anderen Menschen dazu nötige, seine gewohnte Umgebung, seinen Job, und seine sozialen Bindungen aufzugeben, nur, um bei mir zu sein. Oder ich alles hier aufgebaute aufgebe, um zu meinem neuen Schatz zu ziehen. Doch wie wird es dann weiter gehen?
Während ich die Spülmaschine mit meinem dreckigen Geschirr fülle hänge ich weiter meinen Gedanken nach...
Heutzutage ist es nicht schwer, jemanden kennen zu lernen. Internet, und neue Medien sei Dank. Die Auswahl an paarungswilligen Partner ist groß wie nie. Die Partner-Selektion perfektioniert. Doch selbst vor dieser Zeit hatte ich nie die Angst davor, niemanden kennen zu lernen, und als Einsiedlerkrebs mein Leben auf dieser Welt beschreiten zu müssen. Ich habe in meinem Leben genug Männer kennen, und lieben gelernt. Auch habe ich genug Beziehungen mit anderen Männern hinter mir. Ich denke, genau das ist mein Problem!
Durch meine Erfahrungen sind in der Zwischenzeit meine Ansprüche an eine Partnerschaft gestiegen. Nur mit jemanden zusammen zu sein, um mit jemanden zusammen zu sein, reicht mir nicht mehr. Meine Naiviät ist der Erkenntnis gewichen, das nichts für die Ewigkeit zu sein scheint. Ich weiß auch, daß nur die reine Verliebtheit für eine längere Partnerschaft nicht ausreicht. Das auch andere Aspekte des Zusammenlebens für eine erfolgreiche Partnerschaft notwendig sind.
Dieses Wissen raubt meiner Verliebtheit ihren Zauber. Ich habe das Gefühl, daß es mir dadurch nicht mehr möglich ist, mich in so einer Absolutheit zu verlieben, wie ich es noch mit 20 Jahren gemacht habe. Ich habe die Angst, das ich durch meine nüchterne Betrachtung einer evtl. entstehenden Beziehung keine Chance geben werde, da die von mir vorher festgelegten Kriterien nicht erfüllt werden. Ich denke einfach zu weit voraus. Ich plane, und plane, und plane... Ich male mir Szenarien aus, welche Entscheidung welche Auswirkungen haben könnten. Wie man dann im jeweiligen Fall das Beste aus der Situation machen könnte. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr weicht meine Verliebtheit der Erkenntnis, daß ich es doch lieber bleiben lassen sollte, weil das alles doch sowieso nicht funktionieren wird - Verliebtheit hin, oder her!
Doch natürlich mache ich weiter. Dabei möchte ich jedoch zukünfitg mit jemanden zusammen sein, bei dem ich sofort den Eindruck habe: Ja, wir beiden sind wirklich, und wahrhaftig für einander bestimmt. Kein fauler Kompromiss, sondern eine Art Bestimmung. Wie das Paar auf dem Foto. Solche Partnerschaften gibt es tatsächlich. Ich kenne selbst einige, aber ich muß ehrlich zugeben, das so etwas leider nur selten vorkommt. Bei diesen Paaren sieht man auch nach vielen Jahren noch, daß es einfach paßt. Das beide dafür geboren worden sind, um sich zu treffen, und um ein Paar zu werden, daß das Leben miteinander teilt. Blödsinnigerweise habe ich durch meine Erfahrungen nun ebenfalls diesen Anspruch an eine Beziehung. Ist das noch normal? Bin ich auf einem kitschigen Romantik-Trip? Oder ist der Großteil der mich umgebenden Menschen einfach so anspruchlos? Das sie froh sind, jemanden abbekommen zu haben, und sie mit diesem "Jemand" so gut wie´s möglich ist zusammen leben? So wie bei einer geplanten, vorherbestimmten Ehe?
Ich erwarte nicht auf meine Fragen einen Antwort zu bekommen. Wird wohl wieder mal ein Feldversuch werden, den ich am eigenen Leib "erfahren" muß - na, toll! Während draußen die Welt einzufrieren scheint, werde ich mein Gehirn auf Masse legen. Der Fernseher wird nun dafür Sorgen, daß die Gedanken in meinem Kopf terminiert werden, und ich nach einem weiteren Gläschen Wein die nötige Bettschwere bekomme, um mich der Nachtruhe hinzugeben. Und wer weiß: Vielleicht sieht meine Beziehungswelt morgen schon wieder ein wenig sonniger aus. Ich würde mich freuen...
Foto im Text:
Priem , "Eis ist lecker"
http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
Alle Bilder stammen aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de
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