Eine der wohl häufigst gestellten Fragen der Menschheit ist die nach dem Sinn des Lebens. Die Frage nach dem "Warum bin ich hier auf der Welt" bewegt. Jeder möchte doch, daß sein Sein auf diesem Planeten einen Hintergrund hat, oder? Es wäre doch zu unspektakulär, wenn man als Mensch einfach nur auf die Welt kommt, vor sich hin lebt, und dann wieder abtritt, ohne, daß ein großer Plan dahinter steht.Aber auch, wenn dem nicht so ist (...und davon bin ich ehrlich gesagt überzeugt...), dann versucht man doch, wenn es soz. nicht ein anderer für einen erledigt hat, selbst mit seinem Leben etwas sinnvolles anzufangen.
Was "sinnvoll" ist, ist dabei so individuell, wie wir selbst. Dem einen reicht es, so viel Geld zu verdienen, das es zum Leben reicht. Andere wollen so viel Geld wie möglich zusammen raffen. Wieder anderen ist Geld total schnuppe, und sie streben Ziele wie Selbstverwirklichung, soziales Engagement, oder beruflichen, oder gesellschaftlichen Aufstieg incl. Machtposition an.
Um für mich diese Frage zu beantworten, muß ich wohl ein wenig in meiner Vergangenheit graben. Im Alter von 20 Jahren schien mein Leben endlos zu sein. Alles lag noch vor mir. Kollegen, die damals mein jetziges Alter hatten, sagten solche Sachen wie:
"...an Deiner Stelle würde ich mich doch noch mal um einen anderen Job umschauen, bei dem was Du so kannst. Ich brauche das nicht mehr machen. Für sowas bin ich schon zu alt..."Und es stimmte. Damals war ich wirklich noch so verdammt jung. Zu dieser Zeit war ich von Kollegen umgeben, die ausnahmslos älter waren als ich. Ich war soz. das Nesthäkchen in unserer Firma. Die Zeit vor mir schien ein immer währender Fluß zu sein, dessen Ende man nicht einmal erahnen konnte. Warum also irgendetwas überstürztes Tun? Warum jetzt einen anderen Job suchen? Ich hatte doch noch alle Zeit der Welt.
Natürlich hatte ich auch damals Pläne. Nicht greifbare Fernziele. Wie, daß ich irgendwann einmal eine eigene kleine Werkstatt haben wollte, in der ich meinem Autoschrauber-Hobby nachgehen konnte. Ich wollte in einer schönen Wohnung, oder in einem Haus wohnen. Am besten zusammen mit dem hübschesten Mann der Welt. Und wir würden glücklich dort leben, bis ans Ende unserer Tage. Ein Ende, daß genauso nebulös in meinem Gehirn herum waberte, wie meine restliche Zukunftsplanung. Ich lebte im hier, und jetzt. Und das war gut so, denn ich dachte nicht im Traum daran, was wohl mein Lebenssinn zu sein hatte.
Jeder, der schon ein gewisses Alter erreicht hat, wird mir bestätigen können, daß, je älter man wird, desto schneller ein Jahr von dem drauffolgenden abgelöst wird. Wochen, und Monate flitzen nur so an einem vorbei. Aufgefallen ist mir das zuerst nicht. Klar, die Jahre vergingen, jedoch ohne, das ich mir darüber Gedanken gemacht hätte. Ich wurde älter, aber auch das war kein Problem. War halt so. Kein Grund, sich Gedanken über sein Leben zu machen.
Wie ich in einem meiner ersten MLC-Threads schon geschrieben hatte, tauchten diese Gedanken aber irgendwann einmal bei mir auf. Sie lassen mich bis zum heutigen Tage nicht mehr los.
Einer der Gedanken: Was mache ich eigentlich hier? Mit hier meine ich dabei nicht die Örtlichkeit, an der ich mich gerade aufhalte, sondern, welchen Zweck hat mein Leben? Oder besser gesagt: Hat es einen Zweck?
Auch über diese Frage habe ich mich schon einmal hier ausgelassen. Damals hatte ich die These aufgestellt, daß für viele Menschen der eigene Lebenssinn darin besteht, einen Partner für´s Leben zu erwischen, und mit diesem dann alt und grau zu werden.
Der Sinn eines Lebens scheint wohl darin zu bestehen, sich selbst gesteckte Ziele zu erreichen. Dabei gibt es jedoch mehrere grundlegende Probleme:
- Was machen, wenn das gesteckte Ziel so ungreifbar entfernt ist, das es nie erreicht werden kann?
- Was ist, wenn sich während eines Lebens die Ziele ändern?
- Was ist, wenn man sein Lebensziel erreicht hat?
- Was ist, wenn man kein Lebensziel hat?
Bei Punkt Nr. 2 ändern sich die Lebensziele. Was vorher noch die Erfüllung der Träume war, ist nun bedeutungslos. Prioritäten werden anders gesetzt. Ideen über den bisherigen Lebensstil werden komplett über den Haufen geschmissen, und durch neue Erkenntnisse wird ein neuer Masterplan für die Zukunft geschmiedet. Den Umzusetzen ist wieder ein Ziel, das es zu erreichen gilt. Solange diese Ziel nicht erreicht ist, macht das Leben Sinn.
Ist man, wie unter Punkt 3. bereits erwähnt, in der Situation, daß man seine gesteckten Ziele bereits erreicht hat, ist das auch nicht schlimm, solange man sich neue Ziele setzt. Solange man als Mensch einer Idee nach jagen kann, ist eigentlich alles in Ordnung, solange diese Idee für einen selbst sinnvoll erscheint.
Schlimm wird es eigentlich nur bei Punkt 4.: Man hat keinen Plan. Man hat kein greifbares Ziel. Man streunt umher wie ein ausgesetzter Hund, und weiß nicht, wo man hin soll mit seiner Energie. Man probiert neue Dinge aus, oder arbeitet altgewohnte, vertraute Rituale des Lebens ab, fühlt sich dabei aber wie bei einer Fließband-Arbeit. Nichts scheint tatsächlich das zu sein, was man eigentlich machen wollte. Die Ziele, die man erreicht, sind im Grunde genommen nicht die eigenen Ziele. Es sind Ziele von anderen, die man aber braucht, um überleben zu können. Um als vollständiges Mitglied in der Community der Gesellschaft anerkannt zu werden. Der einzige Sinn dieser Tretmühle besteht darin, zu leben. Es fühlt sich falsch an. Der Sinn des Lebens ist das wahrlich nicht!
Da ich mich zur Zeit in der Gruppe 4 Punkt 0 befinde, fällt es mir schwer, in meinem Leben einen Schritt vor den anderen zu setzen. Alles scheint extrem mühsam, und scheint im Ergebnis bedeutungslos. Außerdem werde ich das Gefühl nicht los, das sich alles in meinem Leben zu wiederholen scheint. Ich komme mir ein wenig vor wie Bill Murray in "Und täglich grüßt das Murmeltier", nur mit dem Unterschied, das Orte, Menschen, und Dinge ausgetauscht werden. Kann das sein? Bewege ich mich im Kreis, und bin deshalb von meinem Leben gelangweilt?
Mein Problem: Ich trauere meiner Vergangenheit, also der Zeit vor der MLC, hinterher. Ich kann meine Sehnsucht nach den schönen Momenten dieser Zeit einfach nicht abschütteln, so sehr ich mich auch bemühe. Dabei fühle ich mich wie ein lebender Untoter. Als wenn ich in einem Reich zwischen Leben und Tod gefangen bin.
Vielleicht ist das der wahre Grund, warum ich momentan keinen neuen Lebensinn für mich finden kann - weil ich mit dem Vergangenen noch nicht abgeschlossen habe. Meine alten Ziele, die mir jetzt oft bedeutungslos erscheinen, sind noch aktiv, und versperren den Platz für noch unbekannte, neue Ziele, die somit in einer Warteschleife über meinem Leben kreisen. Neue Ziele, die so unscharf sind, daß ich meine geistigen Augen noch so sehr zusammen kneifen kann, ohne jedoch ein klares Bild von diesen Zielen zu bekommen. Meine Vergangenheit mit meinen alten Zielen versperren mir die Sicht auf Neues. Es ist, als wenn ich versuchen würde, ein Geschehen hinter einer Milchglasscheibe zu erkennen. Erst, wenn ich die Scheibe zerschlagen habe, werde ich sehen, was sich dahinter verbirgt. Doch dazu fehlt mir z. Zt. das passende Werkzeug.
Wann werde ich diesen Punkt der Stagnation einmal überschreiten? Seit mehr als 2 Jahren befinde ich mich in dieser Stand-By-Position. Irgendwann einmal muß doch dieser Mist vorbei sein, oder? Es nervt! Es nervt mich dermaßen, daß ich es schon oft in Gedanken bereut habe. Das ich mich dazu habe hinreißen lassen, die Zügel meines Lebens wieder selbst in die Hand zu nehmen. Auch wenn ich mir fast sicher bin, das mein altes Leben mich auch nicht glücklicher gemacht hätte. Fast! Dieses Quentchen Ungewißheit bleibt, will nicht verschwinden, und ist der Grund dafür, daß mich meine Vergangenheit fest umklammert, und nicht frei gibt. Die Sichtbarriere, die mir den Blick auf ein neues Leben verwehrt.
Wegen der schlechten Sicht werde ich also damit forfahren das zu tun, was auch blinde Menschen machen müssen: Ich taste mich vorwärts, und versuche, mir dabei nicht die Schienbeine blutig zu schlagen. Immer in der Hoffnung, eins meiner neuen Ziele im Nebel zu finden - auch, wenn es vielleicht sogar ein altes Ziel ist. Wir werden sehen...
Foto im Text:
Joker 74 , "Almost an angel"
http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
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