...oder auch: Warum wir uns oft zu unrecht jemanden gegenüber verpflichtet fühlen.Neulich in einem Möbelhaus...
Schon beim Betreten des Ladens fällt mir eine Gruppe junger Erwachsener auf. Eingekleidet sind alle 5 in lockeren weißen T-Shirts, Jeans, und Turnschuhen. Mit einem Lachen auf dem Gesicht werfen sich die 5 zwischen Reklamations-Desk und Kassen abwechselnd einen Ball zu, und haben sichtlich Spaß an ihrer sportlichen Betätigung. "Offenkundig wieder mal eine der Aktionen, mit denen der Möbelgigant junge Leute zum Kauf ihrer Möbel animieren möchte", dachte ich mir, und beachtete die Gruppe nicht weiter, sondern gab mich dem Einkaufswahnsinn hin.
Obwohl ich nichts kaufen wollte, vielen wie von selbst ein paar Dinge in den Einkaufswagen - Markthalle sein Dank! Also ab zur Kasse, zahlen, und sich dann noch einen der berühmten HotDogs gönnen. Gerade als ich mit meinem bis zur Oberkante mit Gurken, und Röstzwiebeln beladenen Snack zur Ausgangstür schreiten wollte, stand plötzlich eine vorhin bereits erwähnten, jungen Frauen vor mir, und bremste mich und meinen Einkaufswagen mit den Worten:
"Was haben wir den Schönes heute gekauft? Da sind doch bestimmt Artikel im Wert von mind. 50 Euro drin?"Immer noch in der Annahme, es handelt sich bei dieser Frau um einen Mitarbeiter des Ladens erwiderte ich, daß die Waren in meinem Einkaufswagen weniger als die besagten 50 Euro gekostet hätten. Davon unbeeindruckt wurde mir erwidert, ob ich wüßte, das man mit nur 50 Euro auch viel sinnvollere Dinge tun könnte. Ein wenig über die Frage erstaunt entgegnete ich, daß ich meinen Einkauf trotz ihrer Skepsis für sinnvoll hielt. Ab diesem Zeitpunkt des Gesprächs wurde mir klar, das es sich bei der ambitionierten, jungen Frau nicht um eine Mitarbeiterin des Möbelhauses handelt, sondern ich einer Drückerkolonne in die Arme gelaufen war - mit der Folge, das meine Stimmung ein wenig kippte. Ich war schon sehr gespannt, was jetzt wohl kommen würde....
"Mit einer kleinen Spende von nur 20 Euro monatlich könnten Sie zum Beispiel unsere Organisation unterstützen. Wir setzen uns für den Umweltschutz ein. Damit Waale nicht mehr gejagt werden können. Damit die Wälder in dem Amazonas-Gebieten nicht gerodet werden müssen. Damit unsere Kinder eine Zukunft haben. Sie möchten doch sicherlich auch ihren Nachkommen eine einigermaßen intakte Welt hinterlassen, oder? Wäre es nicht auch für sie viel sinnvoller ihr Geld für diesen Zweck auszugeben, als für die Dinge, die in ihrem Einkaufswagen liegen?Ein vorwurfsvoller Blick traf mich in die Augen. Ich konnte noch gar nicht zu einem Widerspruch ansetzen, da wurde mir auch schon ein Tablet-PC unter die Nase gehalten.
"Da, sehen Sie, zu welchen Grausamkeiten der Mensch fähig ist. Und wir möchten das beenden. Sie doch bestimmt auch, oder?"Auf dem Bildschirm ihres Tablet sah man Männer, die Delphine in eine Bucht trieben, und dort mit Stangen, und Messern umbrachten. Das nächste Bild zeigte einen Holzfäller, der auf einer gerodeten Waldlichtung stand. Rote Erde unter seinen Füßen, eine Zigarette im Mundwinkel. Er hatte eine riesige Kettensäge lässig auf seine Schulter gelegt, und grinste frech in die Kamera. Mir wurde weiter erklärt:
"Dieses Ausbeuten der Natur muß aufhören. Doch wie soll man das ohne finanzielle Unterstützung schaffen? Das traurige an der Sache ist ja, das eigentlich, gerade bei uns im reichen Deutschland, genug Geld da wäre. Aber anstatt zu helfen, kaufen die meisten Leute lieber Dinge ein, die sie evtl. gar nicht unbedingt brauchen, und bald wieder wegwerfen. Ist doch verrückt, oder?"Ich gebe zu: Die Argumentation der jungen Frau war richtig. Wir kaufen wirklich oft irgendeinen Müll, den wir nicht brauchen. Wir schätzen oft viele Sachen nicht, die für uns selbstverständlich sind. Uns geht es hier im Vergleich zu anderen Menschen wirklich gut. Ich finde es vorbildlich, wenn sich jemand für seine Überzeugung einsetzt. Dennoch veränderte sich ab diesem Zeitpunkt des Gesprächs meine gereizte Stimmung in Ärger.
"Schauen Sie mal hier. Wenn Sie mir ihre Kontodaten geben, kann ich für sie hier und jetzt sofort einen Dauerauftrag einrichten, mit dem sie, ohne das sie sich zukünftig darum kümmern müssen, einen Betrag ihrer Wahl monatlich an unsere Organisation spenden können. Die meisten unserer Mitglieder geben so zwischen 30 und 50 Euro..."Ich hatte mich so über die Dinge gefreut, die ich gekauft hatte. Nichts Elementares, sondern einfach nur ein paar Deko's, die mein Wohnzimmer verschönern sollten. Staubfänger, die mir, jedes Mal, wenn ich sie ansehe, eine Freude bereiten. Eine Freude, die ich mir gegönnt habe, da ich mein Geld dafür hart erarbeitet habe.
Wie man sich vielleicht vorstellen kann, war meine Freude über die günstig erworbenen Wohnungsartikel nun verflogen. Vielleicht ohne es zu wissen, zog sich die Mitarbeiterin dieser Organisation meinen Zorn auf sich. Doch warum hat mich diese Frau so auf die Palme gebracht? Abgesehen davon, daß sie meine Vorfreude auf die Mitbringsel zerstörte, hat das noch einen anderen Hintergrund:
Ich hasse es, wenn jemand versucht, mir ein schlechtes Gewissen einzureden!
Die Argumentations-Methode kennen wir alle. Es beginnt schon früh. In unserer Kindheit findet dieser Psycho-Hebel bei uns bereits Verwendung. Wenn beispielsweise die Mutter zu dem Kind sagt:
"Du mußt Deine Spinat aber aufessen, sonst ist der Papa gaaaanz traurig."Oder später im Beruf:
"...klar Herr Meier. Machen sie jetzt ruhig Feierabend. Ist ja kein Problem. Wir bleiben hier, und machen noch ein paar Stunden länger. Ist kein Problem für uns.."Ich weiß, ich bin sehr empfänglich für diese Art der Manipulation durch andere. Zumindest war ich das lange Zeit. Doch warum ist das so? Warum lasse ich mich beeinflussen, obwohl ich dabei nicht glücklich bin? Was ist es, was mich dabei so wütend werden läßt?
Ein Erklärungsversuch
Warum ein Erwachsener einen anderen in dieser Art maßregelt ist meist relativ einfach. Der Akteur versucht den Angesprochenen in seinem Sinne zu beeinflussen, um die eigenen Interessen durchzusetzen, oder um sich die eigene Meinung bestätigen zu lassen. Man wird soz. gegen seinen eigenen Willen in eine Richtung gestoßen, die man selbst nicht einschlagen würde. Als Angesprochener beginnt man dabei, über seinen eigenen Standpunkt nachzudenken, und diesen in Frage zu stellen.
Jemanden ein schlechtes Gewissen einzureden bedeutet, daß der Initiator dem anderen durch die Blume attestiert, daß dieser nicht in der Lage ist, seine eigenen Entscheidungen treffen zu können. Man wird als "Angesprochener" gegenüber dem anderen herab gesetzt. Man fühlt sich klein, dumm, und unreif, wogegen einem der "Auslöser" souverän, klug, und selbstsicher scheint. Man beginnt, an sich zu zweifeln. Hat der andere vielleicht wirklich recht mit dem was er sagt?
Man gerät in eine passive Situation. Muß evtl. sogar anfangen, sich für seine Entscheidungen zu rechtfertigen. Man steht mit dem Rücken zur Wand, wird in eine Ecke gedrängt, und muß dann versuchen, sich aus dieser geistigen Abwehrsituation zu befreien. Dieses "sich-rechtfertigen-müssen" nervt. Es kostet Energie. Energie, die ich persönlich nicht für einen derartigen Schwachsinn verbrennen möchte. Und das ärgert mich. Ich will mich nicht für meine Entscheidungen rechtfertigen müssen. Es sind meine Entscheidungen!
Ich gehe davon aus, daß selbstsicherere Menschen nicht so häufig in die Falle des schlechten Gewissens treten. Im Gegensatz zu Menschen, die oft an sich selbst, und auch an ihren Entscheidungen zweifeln. So, wie es oft bei mir der Fall ist. Dabei hat mir die Geschichte meines Lebens gezeigt, daß ich mit der überwiegenden Anzahl meiner Entscheidungen richtig gelegen habe. Kein Grund eigentlich für Selbstzweifel. Eigentlich.
Man kann an sich arbeiten. Man kann aktiv die Situation verbessern. Ich weiß das, da diese Veränderung bei mir eingesetzt hat. Zu dieser Veränderung kam es bei mir, indem ich weniger nachgebe. Öfters nein sage, meinem Gefühl folge, und, auch wenn es unbequem wird, versuche, meinen Standpunkt zu vertreten. Wenn ich eine Entscheidung getroffen habe, versuche ich nicht mehr, diese gegenüber jedem zu verteidigen. Sondern ich versuche, mit den daraus entstehenden Konsequenzen positiv umzugehen - auch, wenn es manchmal nicht leicht ist.
Man entscheidet sich dann gegen seinen eigenen Instinkt, da man Angst hat. Angst davor, was Schlimmes passieren wird, wenn man dem Ruf seines eigenen Ichs folgt. Wie als Kind. Wenn man Angst davor hat, das der Papa wirklich gaaaanz traurig ist, wenn man seinen Teller nicht leer ißt, und einen der Papa dann nicht mehr lieb hat.
Wenn man es jedoch einmal geschafft hat, dieser Angst nicht nachzugeben, und dem Unglück ins Auge zu schauen, wird man merken, daß die Konsequenzen seines Ungehorsams meist doch nicht so schlimm sind, wie man es sich in Gedanken aufgemalt hat. Und das hilft.
Je öfter mir das gelingt, desto selbstsicherer werde ich dabei. Und desto öfter kann ich ohne ein schlechtes Gewissen zu meinen Entscheidungen stehen - egal, was andere davon halten.
Probiert es einfach mal aus.
Foto im Text:
David Shankbone , "Day 50 Occupy Wall Street November 5 2011 Shankbone 2"
http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
Alle Bilder stammen aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de
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