Mittwoch, 28. Dezember 2016

Ein Blick zurück

Silvester ist nicht mehr weit. Obwohl dieser Tag genauso wie alle anderen Tage des Jahres mit Sonnenauf-, und Sonnenuntergang beginnt, und endet, so scheint dieser Tag doch etwas magisches zu haben. Veranlaßt er doch viele Menschen dazu, sich an diesem Tag anders zu verhalten, als sonst üblich - mich eingeschlossen.

Genau wie Weihnachten halte ich den Silvester-Tag prinzipiell für absolut überbewertet. Dabei amüsieren mich die anderen Menschen, wie sie die Rituale dieses Jahresendtages abarbeiten. Und damit meine ich noch nicht einmal die Sache mit dem Feuerwerk, oder, für die politisch korrekten Mitbürger, die Spende an eine wohltätige Organisation.



Da ist zum Beispiel die Sache mit den Glückwünschen. Damit meine ich die Kurzform von "Ich wünsche Euch einen guten Rutsch ins neue Jahr", die dann in etwa so aussieht: "...und rutscht´s fei guad nei...", oder "...kommt gut ins neue Jahr hinein...", oder die besonders spaßige Version "...wir sehen uns dann erst wieder nächstes Jahr (hahaha)...".
In meinen Ohren hören sich diese Glückwünsche immer so an, als würde man sich voneinander in eine höchst ungewisse, angstmachende Zukunft verabschieden. So in etwa...
...ich sehe Menschen auf einer Raumschiff-Rampe einer transorbitalen Raketen-Abschußstation stehen, die auf Grund der Zerstörung der Erde nun diesen Planeten verlassen müssen. Sie wissen nicht, ob sie sich jemals wieder lebendig begegnen werden. Dabei ist auch ein Liebespaar, daß sich hier auf der Rampe voneinander trennen muß. Dramatische Geigenmusik wird unter diese Szene gelegt, wie bei einem Film aus den 50ern. Beide liegen sich in den Armen, beide haben Tränen im Gesicht. Er drückt sich fest an sich, küsst sie, schaut ihr tief in die Augen. Und er verabschiedet sich von ihr mit sanfter Stimme, mit der er zu ihr sagt: "...und rutscht's fei guad nei...".
Okay, ist ein Blödsinn! Ich weiß...

Doch warum diese übertriebenen Glückwünsche, diese Theatralik? Was bitte sehr, außer daß man im Vollrausch von der Bierbank fällt, oder man sich eine Verletzung durch eine startende Silvester-Rakete zuzieht, soll den beim Wechsel von einem Tag auf den anderen eigentlich passieren, hhhmmm? An den 364 Tagen zuvor hat´s ja eigentlich auch ganz gut geklappt. Diese Dramatik ist doch stellenweise irgendwie ein wenig lächerlich.

Oder die Sache mit den guten Vorsätzen. Warum braucht man einen Tag wie Silvester, um mit dem Rauchen aufzuhören? Gerade Silvester, wo man in der Regel doch eher mit anderen zusammen feiert, der Alkohol in Strömen fließt, und man genau dann plötzlich in einer Art verschrobener Moral auf die Idee kommt, man muß jetzt seine halbvolle Schachtel Zigaretten zerknüllt in den Papierkorb werfen. Man kasteit sich den Rest des Abends damit, seinen Gedanken an eine Zigarette hinterher zu hängen, drückt aber dann gleichzeitig jedem, der es nicht hören will, die Story ins Knie, daß man ab jetzt nicht mehr raucht, aber eigentlich genau jetzt Lust auf eine Kippe hätte. Macht sowas Sinn? Eigentlich nüscht.

Gut, ich gebe zu: Silvester gibt einem die Möglichkeit ein wenig inne zu halten, und das voran gegangene Jahr Revue passieren zu lassen. Meist ist es erstaunlich, was innerhalb eines Jahres so alles passiert ist. Besonders bei Menschen wie mir, die in ein Jahr unvernünftigerweise so viel hinein packen, daß, wäre ein Jahr ein Koffer, man sicherlich den Reißverschluß nicht mehr zu bekommen würde.
Dieser Stopp-Start-Punkt, der einmal im Jahr auftaucht, ist ein wenig wie eine Pinkelpause auf einer langen Autoreise, wo man nachsieht, wie viele Kilometer man in welcher Zeit schon herunter gerissen hat, und welche Strecke noch vor einem liegt. Ein Anlaß zu sehen, wo man sich befindet, was man geschaffen hat, und was noch vor einem liegt.

Abgesehen von dem bisher Geschriebenen löst Weihnachten und Silvester bei mir auch noch etwas anderes aus. Obwohl ich immer anderen gegenüber beteuere, daß Tage wie Weihnachten, und Silvester für mich keine Bedeutung haben (...das sagt mir mein Verstand...), so legt sich beim Eintreffen dieser Ereignisse ein Schatten auf meine Seele, den ich weder beschreiben, noch richtig begreifen kann. Die Ursache dieser dunklen Stimmung könnten die schlimmen Dingen sein, die mir in der Vergangenheit im Monat Dezember, bzw. an den dortigen Feiertagen widerfahren sind. Vielleicht liegt es aber auch daran, daß ich durch meine Erziehung, und eine Art gesellschaftlichen Zwang, der sich tief in mein Unterbewußtsein gegraben hat, veranlaßt werde, mich Ritualen zu unterwerfen, die mir im Bewußtsein eigentlich zuwider sind. Ich nun Dinge tue, die ich, wie oben bereits geschrieben, eigentlich eher als kurios, statt als sinnvoll erachte.

Obwohl mein Verstand mir sagt, daß es sich bei diesen beiden Tagen nur um die Nr. 358 und 365 des laufenden Jahres handelt, fühle ich mich trotzdem komisch, ein wenig melancholisch, und evtl. sogar traurig.
Und obwohl ich wegen der voran gegangenen Hektik des Monats Dezember eigentlich lieber alleine auf der Couch herum lümmeln würde, bei einem guten Glas Rotwein, bei brennendem Feuer im Schwedenofen, und einem Lebkuchen im Mund, so treibt mich dieses Gefühl dazu, die Gesellschaft anderer Menschen zu suchen.
Ich denke, das liegt einfach daran, daß tief in meinem Unbewußtsein ein Film in einer Endlosschleife abgespielt wird, der durch Erfahrungen, und äußere Einflüsse, wie z. B. Werbung, oder das eigene Umfeld eine Geschichte zeichnet, die mit dem einsam sein nicht vereinigbar ist. In diesem fiktiven Film sehe ich ...
...glückliche Familien, oder eine Gruppe von Freunden, wie sie Weihnachtsgeschenke auspacken. Wie sie um einen großen Tisch sitzen, und ein leckeres Weihnachtsmenü essen. Wie die Gesichter strahlen, wenn sie in Norweger-Pullover eingekuschelt neben dem Christbaum sitzen, und buntes Geschenkpapier von viereckigen Paketen reißen, während draußen der Schnee leise vom Himmel rieselt. Ich sehe gute Freunde, die durch den Schnee laufen, einige mit Sektflaschen in der Hand. Sie gehen von einem kleinen Häuschen zum nächsten, und stoßen mit ihren Nachbarn auf ein neues Jahr an, während im Nachthimmel ein gigantisches Feuerwerk die Nacht erleuchtet. Ich sehe fröhliche Gesichter, die auf einer ausgelassenen Party zu den 70er-Jahre-Hits von BoneyM, oder Abba tanzen. Die miteinander Spaß haben, und feiern bis in die Morgenstunden.
Ich bin nicht der einzige, der diesen Film vor seinem inneren Auge vorbei ziehen sieht. Fast alle Menschen sehen diesen Film. Der Film, der ihre Sehnsucht nach einer Familie, guten Freunden, oder einem Partner zu Bildern werden läßt. Wer Inhaber eines unterentwickelten Unterbewußtseins ist, dem wird dieser Film durch Werbebilder von außen zugeführt, viele Wochen vor Weihnachten und Silvester.

Dann das unausweichliche: Der Weihnachttag, oder der Silvestertag sind da. Ich bin gespalten.
  1. Zwischen meinem ursprünglichen Wunsch, einen gechillten Abend auf der Couch zu verbringen => positive Einsamkeit!
  2. ...und dem durch den in meinem Unterwußtsein laufenden Film generierten Gefühl alleine zu sein, keinen festen Freund zu haben, keine eigene Familie, und keine Freunde, mit denen man diese Tage feiern könnte => negative Einsamkeit!
Ganz egal, welches Gefühl bei einem überwiegt, gibt es für Menschen, die in der gleichen Situation wie ich sind, nun 3 Möglichkeiten, wie der Feiertag endet:
  1. Hat man Glück, läutet unverhofft das Telefon, und man wird tatsächlich noch zu irgendeiner Party, zu einem Abendessen, oder einer Familienfeier eingeladen. Der Bann der Einsamkeit ist durchbrochen, und ganz egal, wie der Abend verläuft, so hat man danach wenigstens das beruhigende Gefühl, nicht alleine diesen Abend verbracht zu haben.
  2. Läutet das Telefon nicht, bleibt man alleine zu Hause. Ist man dabei mit seinem Leben zufrieden, wird man den Abend auf der Couch alleine genießen können. Man wird sich irgendeinen Film im Fernsehen ansehen, den man schon seit langem ansehen wollte. Wenn man vorher nicht einschläft, wird man Mitternacht das Feuerwerk genießen, und nach einer halben Flasche Wein sein Bett aufsuchen, wo man ohne Reue in einen erholsamen Schlaf fällt.
  3. Die Menschen,  bei denen die negative Einsamkeit überwiegt, werden anfangen, ihr bisheriges Leben zu reflektieren. Einen Blick zurück zu werfen, welche Chancen verpaßt worden sind. Welche Entscheidungen einen zu einem einsamen Wesen auf diesem Planeten haben werden lassen. Einen Blick zurück, zu evtl. glücklichen Tagen, an denen man noch diese beiden Feiertage genossen hat, ohne sich dabei bewußt zu sein, welch Privileg man damals erleben durfte.
    Hat man Pech, verfällt man seinen negativen Vibes, bekommt eine Depression, und spült schlimmstenfalls ein Röhrchen Schlaftabletten mit dem bereits erwähnten, guten Glas Rotwein herunter (Du als "der Leser" mußt Dir an dieser Stelle keine Sorgen machen: Ich schreibe hier nicht von mir!).
Sollten Euch die Jahresendtage auch auf den Zeiger gehen, möchte ich Euch sagen: Weihnachten und Silvester sind auch nur Nummern auf einem Kalender. Tage die genauso vergehen, wie die Tage davor, und wie die Tage, die danach kommen werden. Ihr müßt gar nichts dazu tun: Die Stunden dieser Tage werden auch ohne Eure Hilfe einfach vergehen, und bis ihr Euch verseht, ist Weihnachten, oder, wie in unserem Fall jetzt, Silvester schneller vorbei, als ihr es mitbekommt. Dann beginnt die eigentliche, ruhige Zeit. Ich freue mich schon!
Meine Strategie für den 31.12.16: Ich versuche nicht zu grübeln, und laß die Zukunft auf mich zukommen. Was immer auch passieren mag, werde ich das Beste daraus machen. Hat Weihnachten auch schon hervorragend funktioniert.

Wie immer ihr das Jahr beendet, wünsche ich Euch auf jeden Fall hier, daß "...ihr guad neirutscht's, ins neue Jahr!", weil "...wir sehen uns ja erst wieder nächstes Jahr wieder!" (...hahaha, was für ein Reißer!)

Bis dann...



Foto im Text:
Rick Finster , "Is it going to be happy?"
http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
Alle Bilder stammen aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de

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