Freitag, 25. November 2016

Das Hamsterrad

Das Beziehungskarusell dreht sich wieder. Zu groß die Verlockungen, die einem das Internet bietet. Ich befinde mich schon wieder mitten drin. In dem großen Hamsterrad, in dem die Beziehungswilligen ihren idealen Partner hinterher hecheln.
Nach dem Ende meiner letzten, für mich kurzen Affäre mit einem anderen Mann, wollte ich erst einmal nichts mehr wissen von anderen Männern. Ich hatte sowas von die Schnauze voll. Gelangweilt von den immer wiederkehrenden, gleichen Abläufen...




Erste, vorsichtige Kontaktaufnahme. Dann erstes Beschnuppern. Dann intensiveres Chatten, und Interessensabgleich, gefolgt von einer Erkenntnis, daß das Gegenüber echt ganz symphatisch ist. Weiteres Chatten, und, falls das Interesse, oder die Erregung sich steigert, sogar schon mal Telefonate. Die ersten Samen des Liebesbaumes gehen auf. Weiteres Telefonieren, und dann evtl. auch mal Skype. Die Begeisterung steigert sich in eine Verliebtheit, und die rosa Brille schiebt sich vor das rationale Auge. Schmetterlinge im Bauch. Dann Termin für ein Date ausmachen. Nervosität. Wie wird der andere in Echtzeit sein?. Dann das erste gemeinsame Kaffeetrinken, oder das erste gemeinsame Abendessen. Die rosa Brille verdeckt zwischenzeitlich den Blick auf alles, was man sich vor diesem ersten Treffen vorgenommen hat. Rationelle Entscheidungen adé. Stattdessen ein unbeschreibliches Glückgefühl, einen umwerfenden, gutaussehenden, und lieben Menschen gefunden zu haben, der auch noch das gleiche für einen selbst zu empfinden scheint. Mit einem immerwährenden, dämlichen Grinsen auf dem Gesicht wandert man durch die Gegend wie ein lustiger Zombie, bedingt durch einen Endorphin-Überschuß im Blut, mit dem man normalerweise einen Elefanten töten könnte. Die Welt ist schön. So soll es sein, und so soll es bleiben. Dieses Glücksgefühl ist besser als jede Droge dieser Welt. Man will es besitzen, verschlingt es auch sämtliche vernünftigen Denkvorgänge im Gehirn.

Nach einigen Wochen bis Monaten läßt dieses Gefühl jedoch nach. Bei dem einen schneller, bei dem anderen langsamer. Alltag stellt sich ein. Man geht zur Arbeit, und verbringt die Freizeit miteinander. Doch alles, was vor kurzem noch neu, aufregend, und wunderschön war verliert sich im schwarzen Loch der sich drehenden Uhr. Nicht mehr jeden Tag geschieht etwas, was einen Freudentränen in die Augen treibt. Nicht jeden Tag erlebt man mit seinem Liebsten schöne Stunden, die man zu zweit unter zu Hilfenahme einer guten Flasche Wein auf der Couch verbringt. Ohne Fernseher, ohne Radio. Störquellen, die einem nur den Genuß rauben, den man geschenkt bekommt, wenn man sich einem anderen Menschen so nahe fühlt, daß man am liebsten  mit ihm verschmelzen möchte.
Die Couch, auf der sein Liebster haftet, verliert langsam den Reiz des Neuen. Die Zeit läßt die Gläser der rosa Brille verblassen, und man sieht Dinge, die man vorher nicht bemerkt hat. Es wird anstrengend, den Partner die Wünsche von den Lippen abzulesen, ihn zu massieren, oder zu streicheln. Bis man den Punkt erreicht, an dem man wieder den Fernseher einschaltet. Nur mal ganz kurz, um die Nachrichten zu sehen. Einfach mal schnell anknipsen, und sich dann wieder dem Partner widmen - ist ja klar! Bis man sich versieht, läuft das verdammte Teil aber den ganzen Abend. Der Mann seiner Träume liegt neben einem auf der Couch, und man streichelt ihn nur noch gedankenverloren, mechanisch, während man sich einen Blockbuster auf Pro7 auf die Netzhaut brennen läßt. Dann kommt der Punkt, wo man getrennt ins Bett geht, da man den Film noch fertig sehen will, der gerade läuft.

Wenn man jetzt miteinander schläft, ist es nicht mehr so, wie am Anfang. Da, wo man den wunderschönsten Körper der Welt mit allen seinen Sinnen genossen hat. Den Duft der Haut in sich aufgesogen hat, und jedes verborgenen Geheimnis der Außenhülle des Partners mit der Zunge erkundet hat. Wo man nach dem vollendeten Akt noch wie besoffen eng aneinander gekuschelt im Bett liegt. Erschöpft, sich tief in Augen blickend. Glücklich, geborgen, befriedigt.
Jetzt beginnt die Zeit, wo man weiß, was der andere mag, und je nach Tagesform die Lage einnimmt, die rationell betrachtet am Besten in Frage kommt. Der andere weiß, was man selbst liebt. Wo man angefaßt werden will, und wo nicht. Was am Anfang ein erregendes Abenteuer war, verkommt immer mehr zu einer Tätigkeit, die einen Zweck erfüllt. Dem Zweck, Druck abzulassen. Die Spannung aus den Hüften in die Freiheit zu entlassen. Ist dies dann passiert, widmet man sich lieber seinem Handy, dem Computer, oder dem Fernseher, als sich um das lästige Nachspiel zu kümmern. Weswegen auch?

Die volle Flasche gefüllt mit unfaßbarem Glück leert sich. Befüllt wurde sie durch den unglaublichen Zufall, der dafür gesorgt hat, daß man zwischen den 7 Milliarden Menschen genau den Mann getroffen hat der einen vervollständigt. Je mehr Zeit vergeht, scheint einem dieses Glück aus der Flasche zwischen den Finger hindurch zu rieseln. Ganz egal, wie fest man seine Finger auch aneinander zu pressen versucht. Je mehr der Pegel in der Flasche abnimmt, desto mehr verliert auch der Mann seiner Träume seine Reize. Die Dinge, die einen früher verbunden haben, können einen nun entzweien. Interessen gehen auseinander, und jeder geht diesen für sich alleine nach. Selbstverwirklichung statt Rücksichtnahme. Getrennte Erlebnisse, statt gemeinsamer Abenteuer.
 Anstatt mit seinem Mann zu verschmelzen wie man es urspünglich wollte, entfernt man sich voneinander. Im schlechtesten Fall soweit, daß man für ein weiteres Zusammenleben keinen Grund mehr sieht. Das Nicht-Vorstellbare wird Wirklichkeit: Man trennt sich. Eine harte Zeit bricht an. Tränen, Vorwürfe, Selbstvorwürfe, Beleidigungen. Etablierte Wohnstrukturen werden aufgebrochen. Jeder baut sich wieder eine eigene Welt. Dort, wo man endlich wieder alleine sein kann. Wo man wieder Dinge tun kann, die einem vorher verwehrt geblieben sind. Sich mit alten Freunden treffen, und mit ihnen um die Häuser ziehen. Ohne schlechtes Gewissen seinen Hobbys nachgehen können. Sich im Internet bei einer Partnerbörse anmelden. Natürlich nur, um dort ein bißchen herum zu schnüffeln. Ja keine Beziehung mehr! Ist ja logisch! Jetzt ist erst mal Spaß angesagt, denn jetzt komme ich dran!

Irgendwann stolpert man dann über ein User-Profil. Ein Gesicht strahlt einen an. Was für Augen. Ein Text im Profil, der einen anspricht. Jemand, der so zu ticken scheint, wie man selbst. Der Wahnsinn! Sowas gibt es also tatsächlich. Man sendet einen Smilie, oder schreibt einen kurzen Gästebuch Eintrag. Natürlich ganz ohne Hintergedanken. Man ist halt einfach nur nett. Tage später dann plötzlich eine Nachricht im Posteingang: "Hi, ich bin der Peter. Du darfst aber Pete zu mir sagen. Danke für den Smilie. Du bist ja auch ein schuckeliger Typ...."
Ehe man sich versieht, geht der ganze Blödsinn wieder von vorne los - was für ein Schwachsinn! Wir Menschen sind wirklich ganz schön blöde. Jagen wie die Bekloppten dem vermeintlich großen Lebens-, und Liebesglück hinterher. Wie ein Junkie, der verzweifelt nach seinen nächsten Schuß giert, so fahndet  unser eigenes ICH permanent danach, endlich die wahrhaftige Liebe des Lebens zu finden. Wenn man solo ist, checkt man Internetportale, Zeitungen, Magazine. Selbst die Leute, die einen umgeben, sind auf unserer Suche nicht sicher. Haben wir dann tatsächlich Erfolg bei der Suche, interessiert uns die Person oft  nach einiger Zeit nicht mehr. Schizophren, oder nicht?

Das das Interesse an einer Person, einer Sache, oder einer Tätigkeit mit der Zeit abzunehmen scheint, ist wohl weit verbreitet. Es gibt aber auch viele Menschen, bei denen diese Begeisterung für o. g. Dinge nie endet. Wäre dem nicht so, gäbe es keine Vereine, Interessensgemeinschaften, lang anhaltende Partnerschaften, oder Ehen. Vom Gefühl her habe ich aber den Eindruck, daß ein Trend bei Menschen zu beobachten ist, schneller an einer Sache das Interesse zu verlieren. Vielleicht hat das etwas mit der schnelllebigen Zeit zu tun. Wer weiß.
Das die obige Beschreibung auf  Tatsachen beruht, und einen Teil meines Lebens wiederspiegelt, kann sich der interessierte Leser vermutlich selbst zusammen reimen. Auch wenn bei dem geschilderten Fall nicht ich der Teil der Beziehung war, der das Interesse am anderen verloren hat, so konnte ich diese Charaktereigenschaft mit einer gewissen Besorgnis auch schon bei mir selbst beobachten. Ja, es stimmt: Auch wenn ich sonst ein Mensch bin, der nicht sofort beim Auftreten kleinerer Probleme die Flinte ins Korn schmeißt, so haben sich die Wertigkeiten bei meinen Interessen auch im steigenden Alter verschoben. Wenn ich resumierend die letzten Jahre meines Lebens beobachte, habe ich auch bei mir das Gefühl, daß ich dazu neige, die Begeisterung schneller an einer Sache zu verlieren. Das erschreckt mich.
In Beziehungsfragen kann ich mir das für mich selbst nur so erklären, daß ich wohl noch nie den schon mal erwähnten "Mr. Perfect" begegnet bin. Dem Mann, bei dem ich auch noch nach Jahrzehnten sagen werde: Ja, das ist er! Der Mann, auf den ich mein ganzes Leben lang gewartet habe.
Da ich ihm aber gerne einmal begegnen möchte, muß ich wohl wieder einsteigen - in mein Hamsterrad. Mich dort weiterhin abstrampeln, und meinem Traum hinterherlaufen, solange mich meine Füße tragen. Immer in der Hoffnung, auch irgendwann einmal mein Ziel zu erreichen.




Foto im Text:
Ute0666 , "Hamster"
http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
Alle Bilder stammen aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de

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