Donnerstag, 24. November 2016

Gay Alien

Ich bin schon immer schwul, und werde es auch bis an mein Lebensende bleiben. Das ist Fakt. Mit Frauen hatte ich noch nie in meinem Leben etwas am Hut. Weder sexuell, noch als Liebes-Partnerin. Frauen ziehen mich nicht an. In keinster Weise. Das ist aber nicht bei allen schwulen Männern so. Ein nicht geringer Prozentsatz hat tatsächlich auch schon mit dem anderen Geschlecht Erfahrungen gesammelt, Freundinnen gehabt, geheiratet, und letztendlich Kinder in die Welt gesetzt. Doch der Gedanke an so ein Verhalten bei mir ist mir so fremd wie chinesische Schriftzeichen.

Es ist kurios, doch schon in der Grundschule war ich mir der Tatsache, daß ich auf Jungs stehe bewußt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, daß ich als Vorschulkind mein Mutter gefragt habe, ob es nicht auch möglich ist, das ein Mann einen anderen Mann heiratet. Dabei sah  ich vor meinem geistigen Auge zwei Männer in schwarzen Anzügen, weißen Hemden, und mit Zylinder auf dem Kopf vor der Traualtar stehen. Meine Mutter verneinte das damals. Für sie war das vermutlich genauso undenkbar, wie für über 98% der damaligen Bevölkerung. Als Kind verstand ich das nicht, und das ist bis heute so geblieben.



Wie eingangs erwähnt ist mir schon mein ganzes Leben lang bewußt, daß ich schwul bin. Doch ich wollte es nicht sein. Aber nicht deswegen, weil es mich vor anderen Männern graust. Ich wollte nur nicht zu den Menschen gehören, über die die Erwachsenen um mich herum abfällig redeten. Die Männer, die in meiner Kindheit in seltenen Ausnahmefällen im Fernsehen zu sehen waren: Männer, die in Kleidern über den Bildschirm huschten, oder mit hohen Stimmen, und/oder geschminkt zu sehen waren. Männer, die meist in den Filmen dieser Zeit als bemitleidenswerte Kreaturen dargestellt worden sind, die, obwohl nach außen hin schrill, und aufdringlich wirkten, doch an ihrer Andersartigkeit zerbrachen, Drogen konsumierten, und kleine Kinder in ihre Autos lockten. Wenn zu dieser Zeit eine schwule Szene im Fernsehen kam, und sich dort zwei Männer küssten, war ich damals peinlich berührt. Deswegen, weil ich mich selbst zu Männern hingezogen fühlte, und offensichtlich genau so kaputt sein mußte, wie die Männer, die im Fernsehen zu sehen waren. Keiner sollte das jemals erfahren.

Ich wollte anders sein, als die im Fernsehen dargestellten, und von den Heteros gehassten Schwulen. Oder besser gesagt: Ich war anders, als dieses schwule Bild der Öffentlichkeit. Um dieses Fremdbild nicht in meinen Körper eindringen zu lassen, habe ich tunlichst alles vermieden, was auch nur im entferntesten darauf hinweisen könnte, daß ich schwul bin. Sei es der abgespreizte, kleine Finger beim Kaffee trinken, oder irgendeine Gestik, oder Mimik, die in irgendeiner Form feminin gedeutet werden kann. Das fiel mir nicht schwer, da ich kein feminier Männertyp bin. Ob ich das schon immer war, oder nur durch meine Selbstdisziplin geworden bin, frage ich mich im Hier und Jetzt des öfteren. Da meinen Entwicklung allerdings schon seit ein paar Jahrzehnten abgeschlossen ist, stellt sich die Frage eigentlich auch nicht mehr. Ich bin so, wie ich bin. Und ich bin ein Mann. Von außen erkennbar, und über die Sinnesorgane von anderen wahrnehmbar. Absolut nichts deutet auf mein schwules Geheimnis hin.

Ich fühle mich ein wenig wie ein Spion, der auf Grund eines Tarnumhangs unsichtbar zwischen seinen Feinden wandeln, und diese ohne ihr Wissen aushorchen kann. Deshalb bekomme ich auch ungefiltert mit, was die meisten heterosexuellen Männer in einer heterosexuellen Welt von ihren schwulen Geschlechtsgenossen halten. Und das ist meist nicht viel.
Von uns Spionen gibt es leider nur sehr wenige. Im Gegenteil. Ich habe schon oft gehört, daß schwulen Männern nach ihrem Coming Out bei heterosexuellen Leuten in ihrem Umfeld Sprüche wie "das haben wir doch schon immer gewußt/vermutet.." entgegnet worden ist. Auch Hetero's scheinen also über das so oft beschworene Gaydar zu verfügen. Doch bei mir war es nicht so. Diejenigen, die mich kennen, und von meinen Schwulsein erfuhren, konnten es zum großen Teil nicht fassen, das der Andreas, den sie schon seit Kindertagen kannten, in einer plötzlichen Metamorphose zum schwulen Mann mutiert ist. Das ich das einfach aus Angst nie gesagt habe, können diese Menschen vermutlich genauso wenig nachvollziehen. Diese Angst sitzt tief verwurzelt in meinem innersten Kern, und verhindert auch heute noch, das ich unbeschwert mit diesem Thema umgehe, oder mich jedem anvertraue, der mir über den Weg läuft.

Ja, ich bin gerne ein Mann - durch & durch. Ich mag alles maskuline, wogegen ich mit femininen Dingen nichts anzufangen weiß. Deshalb schmeichelt es mir, daß ich nicht auf Grund eines femininen Verhaltens als schwuler Mann wahrgenommen werde. Obwohl ich mich für diesen Pseudo-Stolz auch ein wenig schäme. Denunziere ich doch zumindest geistig die Männer, denen man auf Anhieb ansieht, daß sie schwul sind. Das ist beschämend, weil mein Verstand mir sagt, das auch das nichts schlimmes ist. Woher kommt also dieser falsche Stolz?
Ich denke, er ist anerzogen, bzw. wurde mir durch das Verhalten meines Umfeldes in meiner Kindheit in die Seele tätowiert. Wie bei einem jungen Hund, den man auf Katzen, oder Postboten abrichtet.
Ich wollte als Kind von den Eltern, oder anderen Erwachsenen, Anerkennung ernten. Gelobt werden. Das Lob eines Erwachsenen zu bekommen zog mich als Kind ein wenig aus meinem Kinder-Kokon, und vermittelte mir das Gefühl, mich für einen kurzen Augenblick auf Augenhöhe mit einem erwachsenen Menschen zu befinden. Stolz erfüllte mich.
Isst Du Deinen Teller leer ist das gut - Du wirst gelobt. Bist Du fleißig, und lernwillig in der Schule, ist das gut - und Du wirst gelobt. Hilfst Du der alten Frau Meier, die Einkaufstasche in den 2. Stock zu tragen, ist das gut - und Du wirst gelobt. Hast Du eine hübsche, nette Schulfreundin ist das gut - und Du wirst gelobt. Hast Du jedoch plötzlich einen Freund, in den Du Dich verliebt hast, ist das gar nicht gut - und Du erntest verständnislose Blicke statt einem Lob. Statt Stolz gibt es Scham - keine gutes Gefühl! So bin ich aufgewachsen. Den meisten Männern in meinem Alter wird es wohl so ähnlich ergangen sein.

Weil man schwulen Männer in der Hetero-, und in der Schwulen-Welt Eigenschaften andichtet, die ich durch mein Auftreten meist nicht erfülle, fühle ich mich oft wie ein eckiges Kinderspielklötzchen, daß nicht durch ein rundes Loch passen will. Ich komme mir vor wie ein Wanderer zwischen den Welten. So ähnlich wie der "Daywalker" in den "Blade" Vampir-Filmen mit Wesley Snipes. Ein Vampir, dem das Sonnenlicht nichts anhaben kann, und der seinen eigene Spezies tötet. Da er weiß, daß ihn weder die eine, noch die andere Seite für sein Anderssein akzeptieren wird, hält er sich von beiden Welten fern. Als Einzelgänger, der weder bei den Menschen, noch bei den Vampiren eine Heimat hat. Er ist kein Fisch, und auch kein Fleisch, nicht kategorisierbar, nicht einzuordnen.
Meist verhalte ich mich ähnlich. Ich halte mich von beiden Welten fern. Von Arbeitskollegen, und Hetero-Bekannten, die mein Schwulsein nicht verstehen, und es auch nicht akzeptieren, und tolerieren würden. Sowie von schwulen Männern, deren Interessen ich oftmals nicht teilen kann. Mit denen ich mich wegen ihrer oft auftretenden Oberflächlichkeit, und ihrem rein sexuellen Interesse an mir nicht identifizieren kann.

Aber ich habe Hoffnung, daß sich das schwule Selbstbild ändert. Gerade bei jüngeren Männern, die wegen ihrer oft offeneren Erziehung nicht so verkrampft mit den Thema "schwul" umgehen, beobachte ich in zunehmenden Maße ein Verhaltensänderung. Ein Änderung hin zu einem schwulen Mann, der einfach und natürlich seine Sexualität lebt, entspannter mit diesem Anderssein umgeht, und trotzdem das Leben eines ganz normalen Mannes lebt. Jemand, der nicht sein schwules ICH einem in den Medien oftmals verbreiteten, verzerrten Störbild angleichen will. Ich beneide die mir nachfolgenden Generationen für dieses Privileg, daß einem das Leben als schwuler Mann doch um so viel mehr erleichtert. Ich frage mich, ob ich je in der Lage sein werde, genauso gechillt mit meiner Homosexualität umgehen zu können. Ich würde es mir wünschen.



Foto im Text:
David Goehring , "Men´s Room"
http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
Alle Bilder stammen aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de

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