Mittwoch, 16. November 2016

Papa, Mama...darf ich vorstellen: Das ist mein Freund

Was sich die meisten heterosexuellen Menschen nicht vorstellen können: Wohl keine Angst beschäftigt einen ungeouteten Mann so, wie die Angst davor, sich zu outen, oder geoutet zu werden. Dabei herrscht in der heutigen Zeit die Meinung vor, daß es gar kein Problem mehr darstellt, sich zu offenbaren. In einer Zeit wie heute, wo die Gesellschaft aufgeklärt, und abgeklärt zu sein scheint. Doch der Schein trügt. Gerade in der heutigen Zeit nimmt die Homophobie der Menschen gerade in den Randbezirken der Wohlstandsgesellschaft wieder zu. Kein guter Boden, der Mut für eine Selbstentblößung wachsen läßt.





Heterosexuelle Menschen können sich meist nicht vorstellen, was es bedeutet, sich anderen Menschen bzgl. seiner eigenen Sexualität gegenüber anderen zu öffnen. Viele denken, man geht einfach hin, sagt das man schwul ist, alle lachen, sagen sowas wie "...ist ja cool!", und gehen danach ein Bier trinken. Wenn man die Sache oberflächlich betrachtet, mag das schon stimmen. Ist man als geoutete Schwulette allerdings nicht mehr im Raum, kann es passieren, das diese vorher so toleranten Menschen ihre Maske fallen lassen, und, im Gefühl der Sicherheit geborgen, ihre tatsächliche Meinung kund tun.

Wenn Leute über andere Menschen reden, die selber persönlich nicht zugegen sind, kann das die Sichtweise der sich unterhaltenden Personen auf ein bestimmtes Thema verändern. Man gleicht sich an, sieht Dinge evtl. plötzlich mit anderen Augen. Kann über die Person ungeschadet herziehen, sich lustig machen, ohne befürchten zu müssen, als nicht gesellschaftsfähig eingestuft zu werden. Man lästert, und hat Spaß! Diese Verhalten scheint zu den menschlichen Basics zu gehören.
Meist bleibt aber irgendwas von diesem "Spaß" im Gedächtnis hängen. Und der Kollege, der vorher einfach nur der Peter war, ist ab sofort, da jetzt geoutet, der "Hinterlader", oder die "Lederschnalle". Sowas sagt man dem Peter aber natürlich nicht ins Gesicht, sondern erst, wenn er den Raum verlassen hat. Nur wenn man Pech hat, und wenn vor allem Peter Pech hat, hört er, wie hinter seinem Rücken über ihn getuschelt, und gelacht wird. Und das verändert die Situation. Denn dieser Peter wird um die Illusion gebracht, er hätte tolerante Freunde in der Firma gehabt, in der er arbeitet. Ab jetzt weiß er, er gehört nicht mehr zum inneren Kreis. Auch wenn er augenscheinlich noch ein Teil einer Gruppe ist, so befindet er sich dennoch jetzt am Spielfeldrand - gefoult von den Kollegen, und von den Spaß-Ärzten vom Platz getragen.

Ich denke, davor haben die ungeouteten Männer am meisten Angst: Kein Teil mehr des Rudels zu sein. Auf sich allein gestellt sein. Gemieden zu werden. Angesehen zu werden, wie ein Alien. Kein Hetero kann sich vorstellen, wieviel Kraft es kostet, den Schritt des Coming-Out zu tun. Es ist ein Schritt ins Ungewissen. Sind die Worte "ich bin schwul" erst einmal ausgesprochen, und von den Zuhörern verinnerlicht worden, gibt es nämlich kein zurück mehr. Die Sache verhält sich so chaotisch, wie ein aus dem Ruder gelaufener Domino-Effekt. Die Geschichte macht die Runde. Leute tratschen halt gerne. Und am Besten über irgendwas außergewöhnliches: Der Hamster von Onkel Karl, der mit zwei Köpfen auf die Welt gekommen ist. Frau Meier, die trotz entfernter Eierstöcke ein gesundes Mädchen auf die Welt gebracht hat. Der Unfall auf der B471 mit den 2 Autofahrern, die in Ihren Autos verbrannt sind. Und als Krönung, die neusten News, top aktuell: Der Peter, der jetzt "plötzlich" schwul geworden ist. Welcome to the Freakshow!


Einer der Hauptgründe, warum schwule Männer trotzdem diesen Weg gehen, ist meist der, daß sie einen anderen Mann kennen, und lieben gelernt haben. Endlich zu zweit, und jetzt unschlagbar! Superhelden, jetzt mit Superkräften. Gay-Rangers from the pink planet. Zusammen unbesiegbar.
Falls man in dieser Phase seine Lebens noch Eltern hat, kommt wohl der schwierigste Teil der Operation "Selbsterniedrigung" - man sagt es den Eltern, und dabei als schwuler Mann in der Regel wenn möglich zuerst der Mutter. Zu groß die Scham, es dem Vater zu sagen, der auf Grund seiner Vaterrolle das gleiche Geschlecht hat, und damit, zumindest in den Augen vieler heterosexueller Männer, als potentielles, erstes Begierdeobjekt des jetzt aus dem familiären Rahmen fallenden Gesellschaftsmitglied in Frage käme.
Bei mir war es noch relativ leicht, und doch ein Schritt in eine andere Welt. Ich wohnte in dieser Zeit schon nicht mehr bei meinen Eltern, also konnte ich im Falle einer Eskalation einfach des Ort des Entsetzens verlassen. Das war schon mal gut. Mein Vater war nicht zu Hause. Das war auch sehr gut. Ich sehe die Szene noch wie heute vor meinem geistigen Auge: Meine Mutter stand mit dem Rücken mir zugewandt im Bad, und hatte gerade versucht, Ihr Haar mittels Lockenstab zu überzeugen, sich statt glatt nun in Röllchen auf ihrem Kopf zu versammeln. Ich ging nicht bis ins Bad, sondern blieb einfach im Hausflur stehen. Ich sagte ihr, während sie wie die Statue-of-Liberty mit ihrem Lockenstab in der rechten Hand vor dem Spiegel stand, einfach das ich schwul bin. Oder besser gesagt: Ich rotzte es ihr einfach hin. Ich rotzte, daß ich jetzt nicht nur mit einem Freund in ein Ferienhaus fahren würde, sondern das es sich bei dem Freund um meinen "Freund" handelt. Ohne sich umzudrehen, und ohne den Lockenstab aus den Haaren zu nehmen, sagte meine Mutter, das wäre schon okay. Keine Tränen, keine Szene, keine Entrüstung. Aber trotzdem eine verdammt unangenehem Situation. Sicherheithalber schob ich noch hinterher, daß , wenn es meinen Eltern nicht passen sollte, daß sie einen schwulen Sohn haben, dann hätten sie halt Pech gehabt, und ich würde den Kontakt zu ihnen abbrechen. Dann verließ ich die Wohnung. Erleichtert. Sehr, sehr erleichtert.
Heute muß ich sagen, war das wohl das beschissenste Outing ever. Ich ließ meine Mutter einfach zurück mit ihrem Lockenstab, ihrer halb fertigen Frisur, und dieser einschneidenden Info. Ich weiß bis heute nicht, was danach noch alles folgte, da ich mich für eine Zeitlang nicht mehr zu Hause blicken ließ. Für mich war das gut. Wie es meinen Eltern dabei ging, weiß ich leider bis heute nicht. Das beschämt mich auch heute noch.

Bei manchen anderen geht es bei einem solchen Coming-Out richtig zu Sache. Es geht los mit Selbstvorwürfen der Eltern - das berühmte "...was haben wir nur falsch gemacht...", bis hin zu rausschmissen mit Körpereinsatz. Die ganze Bandbreite der zwischenmenschlichen Alpträume kann dabei vorkommen. Einst liebevolle Eltern verwandeln sich in Bestien, die ihr eigenes Kind verstoßen, und Geld-, und Sachleistungen einstellen. Der Bruder droht mich Schlägen, die Schwester bezeichnet einen als perverser Kinderficker.
Dieses Damokles-Schwert schwebt über fast jedem schwulen Mann, der noch vor dem Outing steht. Kaum einer kann sich vorstellen, welche seelische Belastung das für einen Menschen darstellt. Das erklärt auch, warum bei schwulen Jugendlichen die Selbstmordrate 3 mal so hoch sein soll, wie bei heterosexuellen Jugendlichen.
Das alles müßte nicht sein, würde sich die Gesellschaft doch positiv verändern. Doch je älter ich werde, desto mehr schwindet meine Hoffnung, das ich das noch jemals erleben werde. Schade eigentlich. Ich dachte, die Menschheit wäre clever.



Foto im Text:
Wonderlane , "Two straight men holding hands indicating its ok to be..."
http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
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