Donnerstag, 8. Dezember 2016

Die schwule Szene, und ihr schlechter Ruf

Wer öfters auf schwulen Dating-Plattformen im Internet unterwegs ist, dem wird vermutlich so wie mir aufgefallen sein, daß Sätze ála " ...ich bin szenefremd", "...bin kein Szenegänger...", oder "bitte keine Szene-Huschen" häufig dort zu lesen sind. Es scheint, als habe die schwule Szene selbst bei ihrer eigenen Zielgruppe kein gutes Ansehen. Doch warum haben Männer, die des öfteren schwule Bars, und Diskotheken aufsuchen, offensichtlich mit Vorurteilen zu kämpfen? Was ist so verwerflich daran, sich mit anderen schwulen Männern in extra dafür eingerichtete Lokalitäten zu treffen?



Ich empfinde schwule Lokale, also die sog. "Szene", nicht anrüchig, verwerflich, oder in irgendeiner Weise schlecht - ganz im Gegenteil, und zwar aus folgenden Gründen:
  1. Es ist angenehm, wenn man sich als schwuler Mann mit seinesgleichen in einem abgegrenzten Raum, abgeschieden von der Heterowelt, und deshalb unbefangener treffen, Musik hören, flirten, und Spaß haben kann - wobei ich mit "Spaß haben" nicht ausschließlich Sex meine! Ängstliche Seitenblicke entfallen, wenn man als Mann einem anderen Mann einen Kuß aufdrücken möchte. In der "normalen" Welt muß man oft damit rechnen, sich durch so eine Tat den Haß einiger homophober Menschen auf sich zu ziehen. Pöbeleien, oder schlimmstenfalls körperliche Gewalt sind keine Seltenheit, wenn zwei homosexuelle Menschen in der Öffentlichkeit ihre Liebe zueinander bekunden.
  2. Gerade feminine Männer, oder burschikose Frauen, haben´s in Hetero-Kneipen nicht leicht. Zu groß ist die Angriffsfläche. Gerade wenn der Alkoholpegel des Partyvolks steigt, sinkt die Hemmung mancher Leute, sich über anders agierende/aussehende Menschen lustig zu machen. Dieses Problem haben diese Menschen in reinen Homo-Lokalen nicht.
  3. Grundsätzlich ist die Stimmung unter schwulen Partys auch unter alkoholeinfluß um Welten entspannter, und bei weitem nicht so aggressiv, wie bei gemischten Partys, oder in rein heterosexuellen Lokalen. Diese Meinung teilen auch die meisten Angestellten in Bierzelten, die auf dem Oktoberfest in München schwule Veranstaltungen begleiten.
Alles also ein großes Plus für diese Subkultur, und die daraus entstandene Szene. Warum also der schlechte Ruf bei schwulen Männern? Ich habe mir dazu meine Gedanken gemacht, und bin zu folgenden Erkenntnissen gekommen:
  1. Rufe aus der Vergangenheit

    Okay, zugegebenerweise bin ich nicht gerade der Experte, der Euch das Geheimnis erklären kann, warum eine schwule Szene, wie wir sie in der jetzigen Form in vielen Großstädten kennen, entstanden ist. Selbst meine Recherche darüber im Internet war nicht besonders ergiebig.
    Obwohl Köln als die heimliche, schwule Hauptstadt Deutschlands gilt, scheint Berlin einen noch größeren Reiz auf schwule und Lesben auszuüben (Kölner Stadtanzeiger). Ich habe mir deshalb mal die Entstehung der Szene dort im Internet angesehen. In Berlin war wohl schon Ende des 18. Jahrhunderts eine schwule Szene in der Entstehung (Wikipedia), und in den Zwanziger Jahren scheint diese Szene dann zu einer weltweiten Institution gewachsen zu sein (Tagesspiegel). Einen Satz in dem Wikipedia-Bericht fand ich besonders bezeichnend für eine evtl. Ablehnung einer schwulen Szene durch die Schwulen selbst:
    "Das teilweise sehr Promiskuitive und vermeintlich Perverse dieser Szene war allerdings nicht unumstritten und führte zu teils deutlicher Ablehnung durch organisierte Homosexuelle, die in ihrem Kampf gegen den Paragraph 175 ein positives Bild des Homosexuellen zeichnen wollten, das durch „anständige Menschen und langjährige Beziehungen“ bürgerliche Werte replizierte und gegen männliche Prostitution und das Strichjungenwesen z. B. des Kleist-Kasino und die wie im Eldorado geübte Schaulust am „Perversen“ Stellung bezog."
    Allem Anschein nach war die schwule Szene damals nicht nur ein Sammelbecken für schwule Männer, sondern diente auch zum großen Teil der Prostitution, dem schnellen Sex - und etlichen Männern als Bühne, auf der Sie vermutlich durch eine überspitzte Darstellung ihres schwulen ICH´s versucht haben, sich aus der sowieso schon bunten Masse der schwulen Bewegung hervor zu tun.
    Erstaunlich finde ich, daß es offensichtlich auch damals schon schwule Männer gab, die mit dieser zur Schaustellung des Andersartigen nicht einverstanden waren, und das diese Ablehnung auch heute noch bei vielen schwulen Männern vorherrscht.

    Gerade viele Homosexuelle können mit femininen, tuntigen Schwulen nichts anfangen, und lehnen diese kategorisch ab. Einer der Gründe dafür liegt vermutlich darin, daß schwule Männer eben nicht als Fummeltunten bezeichnet werden wollen, weswegen sie sich von den vielleicht etwas offensichtlicheren, Schwulen abgrenzen wollen. Da die meisten queeren Szenen ein Querschnitt des schwulen, und lesbischen Lebens sind, trifft man dort eben auch auf tuntigen Männer, die dort ihre feminine Ader ungehemmt ausleben, und somit die Aufmerksamkeit anderer Leute auf sich ziehen - Leute, die dieses schwule Bild in die Öffentlichkeit tragen, und somit dazu beitragen, schwule Cliches zu festigen. Aber viele schwule Männer wollen gerade nicht ein Abbild eines Vorurteils sein. Die meisten Schwulen wollen doch als ganz normale Kerle wahrgenommen werden, die sich mit ganz normalen Kerlen treffen. Eine Familie gründen, mit Reiheneckhaus, Hund, und Garten. Tuntig und schrill scheint "out" zu sein. Karohemd, Bart, und ein solider Lebenswandel dagegen "in". Vermutlich aus diesem Grund kann man in schwulen Kontaktanzeigen auch immer öfters das Wort "Heterolike" lesen.
    Als ich noch jünger war, konnte ich tuntige Männer nicht leiden, da ich mit den gleichen Vorurteilen aufgewachsen bin, die den meisten Kindern mit in die Wiege gelegt werden. Das hat sich im Laufe der Jahre allerdings gelegt, und ich mag, und akzeptiere diese Männer genauso, wie diejenigen, die im Holzfällerhemd an der Bar kleben - ein Vorteil des älter werdens.
  2. Gerüchte & Wahrheit

    Schon als ich die ersten Male mit Bekannten in Münchens Glockenbachviertel unterwegs war, wurde mir eingetrichtert, daß man in der Szene keine Männer findet, mit denen man eine ernste, langanhaltende Partnerschaft eingehen kann. Dabei wurde mir die Szene als Ort beschrieben, wo man aufpassen müsse, daß man nicht unter die Räder kommt. Wo Männer ausschließlich für Sex zu finden sind, und einem Drogen, und Poppers angedreht werden. Als 20-jähriger habe ich das für bare Münze genommen, und bin natürlich mit Vorurteilen gespickt durch die Lokale gewandert.
    Mehr als 20 Jahre später muß ich gestehen, daß ich tatsächlich in der Szene niemanden kennen gelernt habe, mit dem ich dann eine feste Beziehung einging. Das lag vermutlich zum großen Teil an mir, da ich immer die Ratschläge meiner schwulen Bekannten, die Szene betreffend, im Hinterköpfen hatte, und außerdem so gut wie keine Bären in den Szenekneipen anzutreffen waren. Auch auf Sexabenteuer habe ich mich auf Grund meines Pseudowissens nie eingelassen. Ob das Gerücht der oberflächlichen Bekanntschaften in der Szene also stimmt, kann ich mit Sicherheit weder belegen, noch widerlegen. Doch ich gehe davon aus, daß es in der Szene genauso Männer gibt, die einen Hau haben, nur was zum ficken suchen, oder auf Drogen stehen, wie die Männer, die man auch auf Dating-Portalen findet. Genauso denke ich aber auch, daß man mit ein wenig Glück in der Szene einen Partner für´s Leben treffen kann.
  3.  Das Aussehen entscheidet

    Beobachten konnte ich in der Zeit, als ich noch öfters in der Szene unterwegs war, das das Äußerliche einer Person, welche sich in der Szene aufhält, oft überbewertet wird, und auch gewissen Regeln zu unterliegen scheint. In den 90ern, in denen ich mich in München herumgetrieben habe, waren etliche Lokale nach Gästen sortiert. In die Diskothek "New York" gingen die jungen, gutaussehenden, hippen Männer, wogegen das "Henderson" mehr die Leute anzusprechen schien, die auch gerne mal im Fummel weggehen. Im "Together" trafen sich diejeningen, die in keine der Kategorien passen wollten. Ältere, Bären trafen sich in der Teddy-Bar, die leider zwischenzeitlich ihre Pforten geschlossen hat. Diese Klientel findet sich nun im "Edelheiß".
    Wie man schon erkennen kann, teilen sich die schwulen Gruppen je nach Fetisch, Alter, und Optik in Untergruppen, wobei das Aussehen eine wichtige Rolle dabei spielt. Paßt man aus irgendwelchen Gründen in keine der Gruppen, bzw. fühlt sich diesen nicht zugehörig, wird man die Szene vermutlich eher meiden.
    Ich habe, vermutlich auf Grund meiner Vorliebe für Bären, einige Bekannte, die meinem Schönheitsideal entsprechen, und die sich in der oben erwähnten Zeit oft in der Szene aufgehalten haben. Einer von ihnen hat mir berichtet, daß sich gerade die jüngeren Männer, die eigentlich auf meinen Bekannten auf Grund seines Aussehens abgefahren sind, sich augenscheinlich auf Grund eines Gruppendiktats davon haben abhalten lassen, mit meinem Bekannten in Kontakt zu treten. Zumindest bis zum Zeitpunkt, als sich die Massen nach Ladenschluß zerstreut haben, und die noch unbefriedigten Männer ihr Glück im Englischen Garten gesucht haben. Mein Bekannter erzählte mir, daß gerade die Typen, die ihn vorher im Lokal nicht mit dem Arsch angeschaut hätten, ihm dann wie von einem Sirenengesang angezogen hinterher gelaufen sind. Komisch, oder? Eine Bestätigung für die Oberflächlichkeit der Männer, die in der Szene unterwegs sind? Kerle, bei denen nur die Hülle was zählt, und nicht der Inhalt?
Etliche Schwule lehnen die Szene ab, obwohl sie Vorteile für die betroffenen Männer bieten würde. Soziale Kontakte werden jetzt leider bequem von zu Hause aus übers Internet geknüpft, anstatt sich in eine Schwulenbar zu setzen. Die Pacht für Lokale in den Innenstädten steigt kontinuierlich. Grenzen verschwimmen. Die Menschen werden angeblich immer liberaler, wodurch eine Durchmischung von homosexuellen, und heterosexuellen Lokalen erfolgt.
Die Folgen dieser ganzen Entwicklungen: Die schwule Szene scheint in vielen Städten, wie München, zu sterben. Schade eigentlich, denn die Einzigartigkeit dieses faszinierenden Mikrokosmos geht dadurch verloren. Dieses Phänomen wurde bereits von Printmedien, wie der Süddeutsche Zeitung festgestellt, und dokumentiert (Süddeutsche Zeitung2). Die eigentliche Prachtmeile schwulen Lebens in München scheint den Berichten zu folgen langsam zu verschwinden, und wird von temporären Veranstaltungen wie der Rosa Wiesn abgelöst.
Wohin wird diese Reise gehen? Genau vorraussagen kann das natürlich niemand. Dennoch denke ich, daß, wenn Nachfrage für eine Sache vorhanden ist, sich auch wieder Macher dieses Bedürfnisses annehmen, und somit auch wieder neue, schwule Inseln entstehen werden. Ich denke allerdings, daß diese dann vielleicht nicht mehr so geballt an einer Stelle, oder in einer Stadt auftreten werden. Für Feier-, und Flirt-Willige werden die Fahrtstrecken zur gewünschten Location sich vermutlich dadurch vergrößern. Ganz aussterben werden diese Lokale gerade in der heutigen Zeit, wo Homophobie offensichtlich wieder gesellschaftsfähig wird, sicher nicht. Das hoffe ich zumindest.




Foto im Text:
Joseph , "DSCN1805"
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