Donnerstag, 30. Oktober 2025

Für immer unabhängig?

Eine Routineuntersuchung - für Männer in meinem Alter selbstverständlich, möchte man nicht von einem unangenehmen Geschwür in seinem Körper überrascht werden. Neben der Prostata ist die Untersuchung des Darms zur Zeit in aller Munde (...wie sich das wieder anhört! Aber Ihr wißt schon, was ich meine...😏). Aus diesem Grund habe ich mich auch dazu entschlossen, und gestern ein sog. "Vorgespräch" mit dem betreffenden Arzt geführt. Unter anderen wurde mir die Frage gestellt, wen man bei einer unerwarteten Komplikation anrufen soll...
Seit Jahren lebe ich eine sehr ferne Fernbeziehung. Eine Partnerschaft, die mir viel Freiräume läßt. Freiräume, um die mich andere Männer beneiden, die sich in einer Partnerschaft mit einem immer präsenten Partner/in befinden. Doch diese Form der Unabhängigkeit hat auch Nachteile.

Viele schwule Bekannte habe ich nicht. Für die Erkenntnis, daß viele schwule Männer auch außerhalb einer festen Partnerschaft zu anderen Männern sexuelle Kontakte unterhalten, genügt jedoch ein Blick auf die Profile der bekannten Online-Datingportale. Aber selbst ohne diese war mir dieser Umstand bekannt. Jeder Schwule weiß, daß bei einer Beziehung zweier Männer der Sex eine große Rolle spielt. Männer sind offenkundig in der Hinsicht anders gestrickt als Frauen. Evolutionär wird das mit dem instinktiven Verlangen erklärt, seine Gene möglichst weit in der Welt zu verbreiten. Vielleicht ist es für uns Männer aber auch einfacher, unkomplizierten Sex zu haben?
Warum auch immer: Es scheint der Tatsache zu entsprechen, daß Schwule öfter als ihre heterosexuellen Kollegen in sog. offenen Beziehungen leben, und im Einverständnis mit ihren Partner auch außerhalb der festen Beziehung Sex mit anderen haben. Nachzulesen zum Beispiel HIER, oder auch HIER. Auch, wenn sich gerade junge Heten vorstellen können, eine solche Beziehung zu führen, ist der Sex mit anderen in einer Partnerschaft wohl eher ein Ding der schwulen Community.

Soweit, so gut. Es gibt jedoch auch eine Gruppe von Männern, die feste Beziehungen mit Kindern, Katzen, und Einfamilienhaus kategorisch ablehnen. Ich kann das nachvollziehen, da ich selbst einen innerlichen Drang in mir spüre, der für mich in Partnerschaften mit einem gemeinsamen Wohnsitz oft belastend war. Wenn man einen Partner an der Seite hatte der einen vereinamte, wird man bei zukünftigen Beziehungen vorsichtig sein was ein gemeinsames Zusammenleben betrifft. Eventuell entscheidet man sich trotz der Sehnsucht nach einem dauernd anwesenden Freund dazu, alleine zu leben, oder, so wie ich, eine Fernbeziehung zu führen. Bei mir war das nicht geplant. Das Leben stellt die Weichen jedoch oft anderes, als man es sich erdacht hat. Das kennt Ihr ja.

Ich genieße mein Alleine-sein. Ohne Rücksicht auf eine andere Person nehmen zu müssen, kann ich das machen, was ich möchte. Es gibt keine Streitigkeiten wegen den Aktivitäten in der Freizeit, das Fernsehprogramm, oder der Auswahl des Abendessens. Ob ich Auto oder Motorrad fahre, für was ich mein Geld ausgebe, oder wohin ich in den Urlaub fliege, kann ich selbstständig entscheiden - ohne Reue, ohne schlechtes Gewissen, und ohne mir Vorwürfe anhören zu müssen.
Aber diese Freiheit hat auch ihren Preis. Ich will wirklich nicht jammern, aber manchmal fühle ich mich nicht "komplett". Also in einem Zustand, der einem von der Außenwelt vorgelegt wird. Ein Leben, so wie ich es führe, hat keinen Rettungsfallschirm, und kein Backup-System. Obwohl es immer mehr Singles zu geben scheint, die diesen Drang zur Freiheit verspüren, und die sich immer seltener in einer Beziehung ein-, und unterordnen wollen, vermissen diese trotzdem eine Vertrautheit, die sich nur durch eine jahrelange, enge Partnerschaft aufbauen kann. Ein Umstand, den ich kenne, und der mir gerade bei der Frage:

"...und wen können wir bei eventuellen Komplikationen anrufen?"

wieder einmal bewußt geworden ist. An meiner Seite befindet sich keine mir in dieser Weise nahe stehende Person, die ich für diesen Zweck angeben kann. Ich habe keinen Lebenspartner an meiner Seite, der mit mir zusammen auf Hochzeit, oder Familienfeiern geht, oder mir bei einem Trauerfall zur Seite stehen kann. Niemand ist da, der in brenzligen Situationen helfen kann, die für eng zusammenlebende Menschen selbstverständlich sind. Bei einem plötzlich eintretenden, ernsten Gesundheitsproblem mitten in der Nacht bleibt mir nur der Anruf der Rettungsleitstelle, oder die Fahrt mit dem eigenen Auto.

Je älter ich werde, desto komplizierter könnte es werden, alleine das Leben zu meistern. Ich denke, daß ich in einer noch nicht vorhersehbaren Zukunft ein Punkt erreichen werde, an dem ich ohne einen Partner an meiner Seite das Leben in der jetzigen Form nicht mehr bestreiten kann. Schon alleine aus ganz praktischen Gründen. Das wurde mir durch diese kleine Frage beim Arzt wieder einmal bewußt.
Ich glaube, je älter Man(n) wird, desto kostbarer wird eine feste, monogame, und enge Beziehung zu einem anderen Menschen. Und desto seltener wird man diese mit den Jahren immer wertvoller werdende Partnerschaft für ein schnelles Abenteuer, oder dem Drang nach Unabhängigkeit aufs Spiel setzen.

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