Freitag, 21. November 2025

Jalousie

Wann seid ihr das letzte Mal in der Dunkelheit spazieren gewesen? Schon länger her?

Dummerweise esse ich gerne. Das auch abends. Das ein opulentes "Abendmahl" weder förderlich für eine entspannten Schlaf, noch sonderlich gesund ist, gehört zur Allgemeinbildung. Dennoch passiert es, daß ich bei einem leckeren Dinner meinen Magen zu viel zumute. Gerade in Gesellschaft hat es sich deshalb etabliert, nach einem reichhaltigen Abendessen eine Runde um den Block zu laufen. Abgesehen davon, daß ich in den Abendstunden meist alleine auf leeren Straßen unterwegs bin, ist mir eine weitere Kuriosität bei meinen abendlichen Spaziergängen aufgefallen: Die verschlossenen Fenster.

Besonders in diesem Land haben wir ein großes Bedürfnis danach, unser Revier abzustecken. Im Gegensatz zu unseren tierischen Artgenossen legen wir jedoch keine Urinspur aus. Wir schaffen unüberwindliche Tatsachen. Tuja Hecken, Jägerzäune, oder neuerdings Stein-Gabionen - es gibt kein Material, daß nicht von uns dazu verwendet werden kann, anderen zu zeigen, wo ihre Freiheit endet, und unser Hoheitsgebiet beginnt. Hoch soll er sein. Und bestenfalls blickdicht. Damit keiner sieht, wie die Herrscher Familie in dem Königreich hinter der Grenze regiert. Gut geschützt vor den neugierigen Blicken des Pöbels, der nur allzu gerne einen Blick über die bestenfalls meterhohe visuelle Barriere werfen würde. Aber was tun, wenn es dunkel wird, und der Zaun nicht hoch genug ist?

Ähnlich einem Endzeit-Kinofilm, in dem ab Sonnenuntergang schreckliche Kreaturen uns nach dem Leben trachten, müssen wir uns offenbar schützen. Und das machen wir auch. Keiner soll uns sehen. Es ist ja auch überaus peinlich. Wenn wir kochen zum Beispiel. Oder mit der Familie am Küchentisch sitzen, und uns dort während des Essens angeregt miteinander unterhalten. Wie wir im Herbst in eine Decke eingemummelt vor dem Fernseher auf der Couch sitzen, und uns dort der Schlaf übermannt. Lauter Dinge, die jeder von uns macht. Die aber offenbar nicht in das Bild passen, daß andere von uns haben sollen. Und wie verhindern wir, daß andere sehen, daß wir auch nur ganz normale Menschen sind, wie sie selbst? Wir schotten uns ab. Schließen die leuchtenden Augen unserer Wohnungen und Häuser, die mit ihren warmen Blicken die dunkelsten Nächte mit einem warmen Licht erhellen. Damit die unheimliche Schwärze draußen, und unser Privates drinnen bleibt.

Geht man abends durch die Straßen, selbst von dicht bebauten Wohngebieten, ist es manchmal so, als wäre man als letzter Überlebender nach einem Atomschlag unterwegs. Wie ein naiver Tollpatsch, dem keiner gesagt hat, daß es draußen im Dunkeln viel zu gefährlich ist, und der dafür den Preis seines Freiheitsdrangs zu zahlen hat. Doch statt von Zombies verfolgt zu werden, verfolgt dem einsamen Abend-Wanderer die Stille, und die Einsamkeit. Dann, wenn er merkt, daß seine Mitmenschen sich abschotten. Sich in ihrem Habitat ein-igeln, und mit anderen nichts zu tun haben wollen.

Ich frage mich, wann wir so geworden sind? Wann der Zeitpunkt war, an dem wir beschlossen haben, uns nur noch um uns selbst zu kümmern, und keinen anderen in unsere Leben zu lassen? Wann wir damit begonnen haben, uns nur um uns selbst zu kümmern, und Angst davor haben, daß Fremde etwas von unserem Leben erfahren? Selbst dann, wenn es sich nur um die belanglosesten, und banalsten Dinge handelt. Ein offenbar wertvolles Wissen, daß bestimmt irgendwann gegen uns verwendet werden könnte. Und so verschanzen wir uns hinter unseren heruntergelassenen Jalousien. Damit keiner sieht, daß in der Wohnung auch nur ein Mensch wohnt, der sein einfaches Leben lebt.

Doch ich mag das nicht. Ich fühle mich eingesperrt. Bei mir gibt es keine Jalousien, keine Fensterläden, keine Tujenhecke. Wer bei mir im Dunkeln am Haus vorbei geht, wird sehen, daß dort jemand wohnt. Jemand, der genauso ißt, in Unterwäsche gekleidet dreckiges Geschirr spült, nackt aus dem Bad kommt, in Schlabberklamotten auf der Couch sitzt, oder gebannt auf den Bildschirm seines Laptops starrt. Jemand, wie man selbst.

Ist das so schlimm? Offenkundig ja. Ich habe das Gefühl, wir entfremden uns immer mehr voneinander. Eine traurige Entwicklung, die man selbst bei jedem profanen Abendspaziergang beobachten kann.

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