Erst vor kurzem...
hatte ich Euch mit einem Beitrag über das Verschwinden von aktiv arbeitenden Handwerkern belustigt, in dem ich mir die Frage stellte, warum diese Einwicklung bei uns eingesetzt hat. In dem Post hatte ich das Beispiel meines Neffen veröffentlicht, der wie die meisten seiner Mitschüler, auf eine weiterführende Schule gehen möchte, und nicht für eine Ausbildung für einen Handwerksberuf zur Verfügung steht. Ich kann ihm deswegen nicht böse sein, denn er ist, wie seine Mitschüler auch, ein Kind seiner Zeit. Ein Junge, der im Internetzeitalter aufgewachsen ist. Für den es nicht ungewöhnlich ist, schon in sehr jungen Jahren die ersten Berührungen zu elektronischen Medien, und deren Bediengeräten zu haben. Meiner Meinung nach ist das ein großes Problem, das uns zukünftig noch um die Ohren fliegen wird. Warum? Lest einfach weiter..."Ohje" werden sich jetzt einigen denken. Jetzt kommt der Opa (...also ein Mann über 50...) um die Ecke, und kotzt sich über die neuen Medien, und das allzu schlechte Internet aus - und das, obwohl er genau diese Medien selbst nutzt. Bestimmt erwarten viele jetzt von mir, daß ich sowas schreibe wie:
"...und diese jungen Bratzen, die sind alle total verzogen. Die sitzen den gaaanzen Tag nur vor dem Rechner, anstatt etwas vernünftiges zu Lernen. Die können noch nicht mal einen Nagel gerade in die Wand schlagen, aber haben dafür ein Ego, daß so groß ist wie das Empire State Building, welches die meisten von den faulen Blagen vermutlich eh nicht kennen..."
usw., usw., usw.
Aber nein, so schlimm ist es nicht, auch wenn einiges von dem oben erwähnten stellenweise auch stimmt. Mir geht es um eine ganz andere Sache:
Unsere Kinder, und damit meine ich diejenigen, die das Privileg haben, in einem Land wie Deutschland aufwachsen zu dürfen, leben in einer zu perfekten Welt!
Wie ich auf diese These komme? Ich habe mich oft gefragt, wie es zu diesem Fachkräftemangel auf unserem Arbeitsmarkt gekommen ist. Einen Teil dieser Frage habe ich in meinem vorletzten Post beantwortet, und zwar den Teil, der den Bereich des Handwerks streift. Aber wir haben ja nicht nur im Handwerk zu wenig Facharbeiter. Auch IT-Spezialisten, und Leute in den sozialen Berufen werden von den Arbeitgebern gesucht (...diese Floskel "händeringend" kann ich zwischenzeitlich nicht mehr hören...).
Ich glaube, es hängt damit zusammen, wie unsere Kinder in den letzten 20 Jahren aufgewachsen sind. Schuld dabei sind jedoch nicht die Kinder, sondern ihre Eltern, die ihnen folgende Punkte vorleben:
- Leistung lohnt sich nicht mehr & Geld spielt keine Rolle
- der Individualismus & Fun sind die höchsten Ziele
- Körperliches wird nicht gefordert, und gefördert
- Kreativität braucht man nicht
Ich möchte nachfolgend meine Thesen untermauern.
Zu Punkt 1: Leistung lohnt sich nicht mehr & Geld spielt keine Rolle
In meiner Kindheit wurde mir von meinen Eltern, und den älteren Menschen um mich herum beigebracht, daß man in der Schule gut zu sein hatte. Man sich dort anstrengen mußte. Die Begründung war einfach: Man braucht einen guten Schulabschluß, um danach damit einen möglichst gut bezahlten Job erlernen zu können, der es einem ermöglicht, ohne Geldsorgen sein Erwachsenen-Dasein beschreiten zu können. Eine Sache, die mir als Kind eingeleuchtet hat. Habe ich doch live mitbekommen, was mein Vater arbeitsmäßig auf sich genommen hat, um seine 6-köpfige Familie finanziell über Wasser zu halten. Dementsprechend haben wir Kinder im Rahmen unserer persönlichen Möglichkeiten alles daran gesetzt, in Schule, und in der Ausbildung die beste Leistung abzugeben. Als Erwachsener muß ich feststellen, daß ich und meine Geschwister das erreicht haben, was sich meine Eltern in ihrer Erziehung als Ziel gesetzt haben: Wir sind alle finanziell unabhängig, haben gute Jobs, und gehen unserem geregelten Arbeitsleben nach. So wie mir und meinen Geschwistern geht es vielen Menschen unseres Jahrgangs. Und viele dieser mir gleichaltrigen Menschen haben Kinder, welche von dem sicheren Finanzpolster partizipieren, daß sich ihre Eltern durch Fleiß, und Ausdauer aufgebaut haben. Für Kinder, die in einer solch sicheren Finanzlage aufwachsen sind, ist es meist nicht nachvollziehbar, warum sie sich in der Schule anstrengen sollen, da ihre Eltern ihnen oft nicht vermitteln können, daß sie für dieses vorhandene Geld viel Schweiß und Gehirnschmalz investieren mußten. Für viele Kinder stellt es sich so dar, daß aufgrund der Eltern immer genug Geld vorhanden ist. Warum also selbst tätig werden, wenn ein gutes, und bequemes Leben seitens ihrer Eltern gesichert ist? Vielen Kindern wird nicht mehr vermittelt, daß für ein Leben mit genug Kohle Arbeit zu investieren ist - sei es geistige, oder körperliche. Sich anzustrengen, um sich selbst etwas aufzubauen, ist bei vielen Eltern kein Wert mehr, der an ihre Kinder weitergegeben wird. Statt dessen werden die Menschen verehrt, die es geschafft haben, ohne harte Arbeit, dafür aber evtl. mit unlauteren Mitteln Finanzberge anzuhäufen. "Clever", also auch skrupellos zu sein, andere für seinen eigenen Vorteil über die Klinge springen zu lassen, oder sich durch halbseidene Geschäfte einen finanziellen Vorteil zu verschaffen: Daß sind mittlerweile Werte, die gesellschaftlich einen höheren Stellenwert habe, als Anstand, Rückrat, und Fleiß. Für mich leider ein Verfall von Werten, für die wir früher in der ganzen Welt respektiert, und geschätzt worden sind.
Zu Punkt 2: Individualismus & Fun sind die höchsten Ziele
In der Zeit meiner Eltern waren jugendliche dazu gezwungen Arbeiten zu erlernen, die in ihrem Einflußbereich zur Verfügung standen. Aufgrund dessen haben die Leute damals auch oft Berufe ergriffen, die nicht unbedingt ihre Traumberufe gewesen sind. Auf eine weiterführende Schule zu gehen war finanziell gut aufgestellten Familien vorbehalten. Diese Zeiten hatten sich zu meiner Lehrzeit schon drastisch geändert, wenn auch durch die geburtenstarken Jahrgänge für heißbegehrte Lehrstellen, wie z. B. dem KFZ-Mechaniker, wenig Lehrstellen vielen Bewerbern gegenüber gestanden haben. War also kein Ausbildungsplatz in seinem Lieblingsjob mehr zu bekommen, sind viele junge Leute, wie auch ich, auf einen anderen Beruf ausgewichen, der zumindest seinen eigenen Fähigkeiten am nächsten kam, und auch ein gewisses Interesse bei dem Bewerber auslöste. Bei der Lehre selbst galt jedoch weiterhin das Moto, das erst die Arbeit zu erledigen war, und man sich dann erst dem Vergnügen hingeben durfte. Auch wenn einige diese Anschauung als überholt sehen, hatte es den Vorteil, dem "Vergnügen" einen viel höheren Stellenwert zu geben, als in der heutigen Zeit (Stichwort "Verknappung").
Im hier und jetzt soll einfach alles Spaß machen. Die Ausbildungsbetriebe buhlen zur Zeit um die wenigen Schulabgänger, die ihnen zur Verfügung stehen. Und nicht selten bewerben diese Firmen ihre Stellenausschreibung damit, daß man bei einer Lehre in ihrem Laden "einen Mord-Spaß" haben kann. Genauso verhält es sich mit dem angeblich so süßen, und aufregenden Studentenleben, daß von vielen Ex-Studenten verklärt, und an die nächste Generation weitergegeben wird. Wen wundert es also, wenn junge Menschen in erster Linie die berufliche Perspektive mit dem größten Fun-Faktor bevorzugen? Hart zu arbeiten war gestern, heute soll alles easy laufen, und einen Mords-Spaß machen. Ist das dann nicht der Fall, oder muß man sich als Lehrling, oder Student dann doch einmal durch ein Thema durcharbeiten, daß einen eher anödet, ist der Schritt zu einem Austritt von dem gewählten Beruf nicht fern. Warum sollte man sich auch mit unspaßigen Sachen abgeben, gibt es doch noch so eine unmöglich große Anzahl an weiteren Stellen, die alle nur darauf warten, von dem Aussteiger besetzt zu werden.
Zu Punkt 3: Körperliches wird nicht gefördert/gefordert
Wie schon erwähnt waren wir keine reiche Familie. Wir wohnten zu sechst in einer 90m²-Wohnung, und mußten von dem Geld leben, welches mein Vater erarbeitet hat. Er arbeitete viel. Vor allem bei handwerklichen Arbeiten war mein Vater geschickt, konnte aber ebenso gut mit Menschen umgehen, und Dinge an den Mann/Frau bringen. Mich faszinierte schon immer die Sache, mit seinen Händen, und dem entsprechenden Werkzeug als Hilfmittel, Dinge zu erschaffen, oder wieder zum Laufen zu bringen. Aufgrund unserer finanziellen Lage waren wir gezwungen, aus dem etwas zu machen, was uns zur Verfügung stand. Ich baute mir zum Beispiel aus alten Fahrradteilen selbst ein Fahrrad zusammen, weil für ein neues Fahrrad schlichtweg kein Geld vorhanden war. So wie mir ging es vielen Jungs, und Mädels aus der Siedlung, in der ich aufgewachsen bin. Und so wie ich nutzten nicht wenige ihre Fähigkeiten, die ihnen in ihre Wiege gelegt worden ist, sich kleine Wünsche zu erfüllen. Selbst wenn es nur darum ging, mit einem an einen hohen Baum gebundenen Seil eine Schaukel in einen Baggersee zu bauen brauchte man Kinder, die auf einen Baum klettern konnten, und dort oben ein Seil anbinden konnten. Handwerkliches Geschick war gefordert, und meist auch vorhanden.
Heute habe ich oft das Gefühl, daß dieses sich ausprobieren, welche Talente man besitzt, sich darauf beschränkt, vor einem Computer zu sitzen. Körperliche Aktivitäten traut man den Kindern oft nicht zu, oder hält sie für zu gefährlich. Eine Armee von Stubenhockern wird so herangezogen. Kinder, die nicht gelernt haben, sich auszuprobieren. Unentdeckte Talente, die vermutlich so nie gefördert werden, bleiben ungenutzt. Talente, die Ausbildungsbetriebe, und produzierendes Gewerbe so notwendig brauchen würden. Ist es denn da verwunderlich, daß viele Schulabgänger vor der riesigen Vielzahl an Berufsauswahlmöglichkeiten resignieren, wenn sie noch nicht einmal genau wissen, welche Tätigkeiten ihnen aufgrund ihrer Talente tatsächlich zusagen würden? Oder warum glaubt ihr orientieren sich viele Jugendliche an den Berufsentscheidungen ihrer Mitschüler? Ich vermute, weil sie selbst keinen Schimmer haben, was sie interessieren könnte, was ein Resultat daraus ist, daß sie ihre eigenen Interessen, Talente, und Vorlieben nie kennen gelernt haben.
Zu Punkt 4: Kreativität braucht man nicht
Auch wir hatten als Kinder Wünsche. Wünsche, die oft nicht erfüllt werden konnten, da schlichtweg nicht das Geld dafür vorhanden war. Wie ich oben schon erwähnt hatte war ich als Kind oft in dem Fahrradkeller, in dem die Bewohner des Hochhauses, indem ich aufgewachsen bin, ihre Fahrräder abgestellt hatten. In einer Ecke gab es einen Schrotthaufen, in dem alte, kaputte, und nicht mehr genutzte Fahrräder herum lagen. Dieser Haufen diente mir oft als Ersatzteillager, aus dem ich mir als Kind mit dem Werkzeugen meines Vaters selbst ein Fahrrad zusammengeschraubt habe, oder mein Fahrzeug reparieren konnte. Ich habe dabei das improvisieren gelernt, was mich in meinem Job schon oft gerettet hat. Dieses sich einstellen auf eine neue, ungewohnte Situation in technischer Hinsicht setzt eine gewisse Kreativität voraus, die viele Kinder heutzutage nicht mehr entwickeln müssen. Denn Kindern heute werden für alles fertige Lösungen angeboten. Selbst für Langeweile ist gesorgt, denn via Handy, und PC kann man sich das ins Haus holen, was einem gefällt. Dabei ist Langeweile ein Kreativitätsmotor. Und hat man tatsächlich ein Problem für das man keine Lösung hat, und bei dem man sein Gehirn anstrengen müßte, schlägt einem google bestimmt grandiose Lösungen vor, die man dann nur noch in die Tat umsetzen muß. Es gibt jedoch oft Situationen, in denen Dir keine Suchmaschine weiterhelfen kann. Situationen, wo das eigenen Gehirn gefordert wäre, sich einen Lösung zu erarbeiten. Doch das Gehirn ist es nicht gewohnt, selbst Schlüsse aus Beobachtungen zu ziehen, weswegen leider viele junge Leute bei unerwarteten Ereignissen kapitulieren. Bei dieser Sache spreche ich ausdrücklich von eigenen Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren mit Berufsanfängern, und Lehrlingen gemacht habe. Kreativität ist bei vielen jungen Menschen ein seltenes Gut.
Was ist also zu tun?
Diese Frage zu beantworten ist schwer. Trotz der derzeit auftretenden Akakemiker-Schwemme, und dem vermutlich daraus resultierenden Facharbeitermangel sind vermutlich noch viele Menschen der Meinung, daß es kein Problem gibt, daß man beheben müßte. Ich sehe das anders.
Ich befürchte, daß, wenn die Entwicklung sich weiter in diese Richtung entwickelt, wir bald Schwierigkeiten haben, die einfachsten Dinge des Alltags geregelt zu bekommen. Beispiel gefällig?
In der Autoindustrie werden aufgrund der immer kostbarer werdenden Energie, und Rohstoffe, und wegen den immer weiter steigenden Sicherheitsvorgaben, und größer werdenden Kundenwünschen derzeit immer komplexere Fortbewegungsmittel produziert. Diese Kraftfahrzeuge müssen jedoch auch gewartet, und repariert werden. Manchmal habe ich den Eindruck, die Entwickler dieser Fahrzeuge blenden dabei aus, daß die Angestellten in den Werkstätten, welche die Reparaturen durchführen sollen, mit der Entwicklung nicht Schritt halten können - sei es aufgrund des Alters, oder aufgrund fehlendem Nachwuchses von jungen Menschen, die sich für einen Ausbildungsberuf des KFZ-Mechatronikers entscheiden. Ich denke deswegen, daß irgendwann der Fall eintritt, wo die Autowerkstätten diese Arbeiten nicht mehr in der Masse, und Qualität durchführen können, oder man als Kunde zig Kilometer weit fahren muß, um eine eloquente Werkstatt für die Reparatur seines Fahrzeugs zu finden.
Sehe ich das zu negativ?
Schreibt mir doch einfach, wie ihr die Sache seht.

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