Donnerstag, 23. Februar 2023

Wer will stolze Handwerker sehen?

 ...der muß in ein anderes Land außer Deutschland gehen!

Kommt Euch das bekannt vor? Das Kinderlied, daß Pate für diese Einleitung stand, stammt in der originalen Version laut Netz offenbar aus den 1900er Jahren, in der die meisten Menschen ihr Geld durch einen handwerklichen Beruf verdienten. In den 2000er Jahren scheint es jedoch, als wäre "der gemeine Handwerker" zumindest in unserem Land eine aussterbende Rasse. Ein Dinosaurier, den man in der IT-dominierten, und von sozialen Netzwerken geprägten Neuzeit offenbar nicht mehr zu brauchen scheint.

 

Oder doch?

Bei meiner Suche nach den Berufen, die zur Zeit das meiste Personal-Defizit habe, rangiert nach den Pflegekräften, und den IT-Spezialisten der Beruf des Mechatronikers auf Rang 3, was mich sehr erstaunt. Ich selbst habe vor vielen Jahren den Beruf des Elektromechanikers erlernt, dem Vorgänger des Mechatronikers. Ein Beruf, der mechanische, sowie elektrische Arbeiten kombiniert, und somit ideal für Wartungs-, und Instandhaltungsarbeiten an z. B. komplexen Fertigungsstraßen in der Industrie ist. Auch wenn bei diesem Job der Computer schon lange Einzug gehalten hat, gibt es noch genug Aufgabenfelder, die das handwerkliche Können des Facharbeiters fordern. Alles in allem also ein sehr abwechslungsreicher, und interessanter Beruf, der einem die Möglichkeit bietet, sich in alle möglichen Richtungen weiter zu entwickeln.

Warum also gibt es offenkundig so wenig junge Menschen, die sich für diesen Beruf erwärmen können? Diese Frage stelle ich mir immer wieder, wenn ich in den Medien von dem "Fachkräftemangel" höre, und lese.

Vor kurzem hatte ich diesbezüglich ein Telefonat mit meinem Bruder. Der hat einen Sohn, der sich jetzt in dem Alter befindet, in dem man sein berufliches Leben startet. Schon vor dem Telefonat wußte ich bereits, daß mein Neffe nach der Schule eine Weiterbildung auf der Fachoberschule anstrebte, diese dann nach ein paar Monaten abbrach, da er vor allem mit den beruflichen Praktika im Elektrobereich nicht zurecht kam. Momentan scheinen er, und auch seine Eltern ein wenig ratlos zu sein, wie die berufliche Entwicklung weiter gehen soll. Eine Lehre kommt für ihn aber nicht in Frage, da er laut seiner Aussage seine "kostbare" mittlere Reife nicht für so etwas verschwenden möchte.

Wieder einmal war ich etwas erstaunt, und daß auf mehrfache Weise.

Zum einen hatte ich mir selbst damals den Schulabschluß der mittleren Reife erarbeitet, und für mich war es selbstverständlich, mich damit um eine Lehre zu bemühen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich mit diesem Abschluß an einer weiterführenden Schule einzuschreiben, oder darüber hinaus zu studieren. Zu Studieren war für mich ungefähr so weit entfernt, wie mir ein Haus zu kaufen, oder mit einem Flugzeug in den Urlaub zu fliegen. Studieren war für mich etwas, das ganz clevere Kinder machen, die ab dem 4. Schuljahr auf das Gymnasium wechselten, und dann ihr Abi machten. Eine Welt, in der ich mir damals die Kinder vorstellte, wie in einem elitären Club: Kinder, die von den Eltern im Mercedes zur Schule gefahren wurden, und nach der Schule Tennis, oder Geige spielten, und Stoffhosen, und Pollunder trugen - eine Vorstellung, über die ich heute noch schmunzeln muß. Diese Kinder wurden Dank ihres überragenden Intellekts Ärzte, Rechtsanwälte, oder Notare. Eindeutig eine geistige Liga, in der ich absolut nicht mitspielen konnte. Ich war schon froh, die mittlere Reife mit halbwegs vernünftigen Noten geschafft zu haben. Dennoch versprach mir dieser Abschluß eine bessere Chance auf einen besseren Ausbildungsberuf, denn in den geburtenstarken Jahrgängen siebten die Firmen ihre angehenden Lehrlinge noch stark nach dem schulischen Werdegang aus.
Will damit sagen: Ein Abschluß der mittleren Reife war für mich nicht der Oberknaller, aber auch nicht ganz mies. Wenn man es mit Autokategorien ausdrücken möchte, soz. gehobene Mittelklasse. Sehr gut für eine Lehre, aber nicht gut genug für ein Studium.

Zum anderen war es in meiner Schulzeit noch völlig normal eine Lehre zu beginnen. Ich denke, das der überwiegende Teil meiner damaligen Schulkameraden in irgendwelchen Firmen untergekommen sind, und dort eine dementsprechende Lehre absolviert haben. Daran war nichts Ungewöhnliches, oder gar Anrüchiges. Nichts, weswegen man sich geschämt hätte, oder weswegen man sich minderwertig gefühlt hätte. Auch als ich dann meinen Gesellenbrief in Händen hielt, war ich stolz wie ein Olympiateilnehmer, der sich eine Medaille erkämpft hatte. Keine Spur von Enttäuschung machte sich bei mir breit. Auch heute bin ich stolz darauf, ein Handwerker zu sein. Nicht nur deswegen, weil ich mir durch mein Wissen, und durch meine im wahrsten Sinne des Wortes "handwerklichen Fähigkeiten" Dinge realisieren kann, für die andere fremde Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Sondern auch, weil Handwerker, die in der Jetzt-Zeit offenkundig schon so selten geworden sind, wie Autos aus den 80er Jahren, für nicht-Handwerker aus einer Welt zu kommen scheinen, in der Männer noch echte Männer sind: Man(n) Bier trinkt, und die Flaschen dafür öffnet man gekonnt mit einem Meterstab. Eine Welt, die Außenstehenden oft rauh, roh, und faszinierend erscheint, und deswegen auch mit einer gewissen Sehnsucht nach einem einfachen Leben behaftet ist. Einem Leben, wo der Mann morgens im Blaumann zur Arbeit geht, und er Abends dreckig wieder zu Hause ankommt, wo die Frau, die sich selbstverständlich um den Haushalt kümmert, schon mit einem leckeren Abendessen auf ihren Helden der Arbeit wartet. Übertrieben findet ihr?


Gegenfrage: Ist Euch schon einmal aufgefallen, wie viele Leute in ihrer Freizeit, und/oder am Wochenende mit Arbeitsklamotten, bestenfalls von Engelbert Strauss, durch die Straßen wandern, oder in der Schlange vor der Kasse vor Euch stehen?

Das dieses Verhalten jedoch in meinen Augen widersprüchlich ist, zeigt sich dann, wenn es darum geht, welche gesellschaftliche Wertigkeit handwerkliche Berufe im Kern zu haben scheinen. Denn da ist von dem Ansehen, welches ein "echter Handwerker" für viele wie oben beschrieben zu haben scheint, nicht mehr viel übrig. Damit meine ich noch nicht einmal die üblichen Vorurteile, wie:

  1. Handwerker sind teuer
  2. kommen zu spät
  3. kommen zu oft unnötig (...und deswegen auch Punkt 1)
  4. haben nie die richtige Teile dabei (...und deswegen Punkt 3)
  5. bauen Pfusch
  6. passen nicht auf, und machen alles dreckig
  7. etc., etc.

Ich spiele darauf an, daß alleine die Vorstellung daran, mit einer Arbeit seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen, bei der man nicht in tollen Klamotten in einem angenehm beheizten Büro sitzt, einen Großteil der heutigen Jugend zu verschrecken scheint. Sich in Arbeitskleidung in der Öffentlichkeit zu präsentieren scheint en Vogue, sich dabei die Finger schmutzig zu machen dagegen nicht.
Das dieses Bild in vielen Köpfen manifestiert ist, sehe ich jeden Tag in dem Betrieb, in dem ich beschäftigt bin. Dort hat ein einfacher Sachbearbeiter aus dem Verwaltungskomplex einen weit höheren Stellenwert als ein hoch spezialisierter Facharbeiter, welcher seinen rauhen Alltag in der Fertigung meistern muß. Ein Fakt, der sich nicht nur durch eine in meinen Augen ungleichmäßige Bezahlung untermauert wird. Kein Wunder also, daß für junge Menschen, die auf der Suche nach einem geeigneten Job sind, der Beruf eines Handwerkers nicht die erste Wahl ist.

Nach dem zur Zeit noch andauernden Hype um alles, was sich im weitesten Sinne um den Bereich Informationstechnologie dreht, weiter Vorschub zu gewähren, fände ich, es wäre wieder an der Zeit, den Menschen mehr Aufmerksamkeit zu widmen, ohne die in unserem Land nichts, aber auch wirklich gar nichts laufen würde.


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