Viel hat sich die letzten Jahre getan, vor allem aber im letzten halben Jahr. Ich habe etliche Dinge in Angriff genommen, die ich schon immer mal machen wollte. Ich war in Berlin auf zwei Bärenparties, und habe neue, liebe Menschen in anderen Teilen Deutschlands kennenlernen dürfen. Ich habe einen neuen Freund (!!). Ich fahre jetzt Motorrad. Ich ernte eigene Tomaten im Garten - unerfüllte Bedürfnisse, die in mir geschlummert haben, und die Jahrzehnte zuvor unentdeckt, unter dem Mantel des vernunftbetonten Alltagstrotts begraben, oder durch meine geistige Schonhaltung in weiter Ferne zu sein schienen. Und dann wäre da noch diese unglaubliche Lethargie, die sich über mein Wesen gelegt hat, und die verhindert, daß ich mich zu Arbeiten aufraffe, die mir die Jahre zuvor immer eine gewisse Art von geistiger Befriedigung gegeben haben.
Ehrlich gesagt komme ich mir entgegen meinem Aussagen in dem Thread "Die Wahrheit über die Midlife-Crises" doch stellenweise ein bißchen so vor wie Kevin Spacey in dem hervorragenden Film american beauty. Komisch! Ob es wohl jedem Mann in meinem Alter so geht?
Manchmal, wenn ich mir die Geschehnisse der letzten 3 - 4 Jahre ins Gedächtnis zurückrufe, kommt es mir so vor, als würde ich an einen Film denken, der über einen anderen Mann handelt, der die Dinge erlebt hat, die ich erlebt habe. Einiges kommt mir wirklich surreal vor, weil es so weit weg ist von "meinem" normalen Leben, daß ich jahrzehntelang zuvor gelebt hatte.
...und ja, es stimmt: Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich mich ein bißchen nach diesem geordneten Leben zurück sehne. Nach ein bißchen mehr Kontinuität. Nach Vorhersehbarkeit, die mir eine gewisse Sicherheit vorgaukelt. Nach den schönen Momenten, die mir in dieser Zeit geschenkt worden sind.
So ticken wir Menschen: Wir blenden schlimme Geschehnisse der Vergangenheit aus, und erinnern uns überwiegend an die die guten Erlebnisse, verklären so das 1:1-Bild der eigenen Vergangenheit. Übrig bleibt ein Film im Kopf, der Aussieht wie eine durch das Alter verblichene, schlechte Super-8-Rückblende in einem Hollywoodstreifen: eine Aneinanderreihung von lächelnder Gesichter am Strand vor der über dem Meer untergehenden Sonne. Katzen, die einem um die Füße streicheln, und mit unschuldigen Augen ansehen. Die Fahrt zum Gardasee im Kleinwagen, und der wohl stärkste Rotwein Italiens in der Pizzaria mit den rot-karierten Tischdecken.
Wehmut stellt sich ein...
Doch wenn ich ehrlich sein soll, dann denke ich, daß wohl kein Weg an der geschehenen Entwicklung vorbei geführt hätte. Zu unbefriedigend, und unumkehrbar eingefahren waren die Rituale, die sich in meinem Leben eingeschliffen hatten. Schüttle ich jedoch meinen Blick wieder ab von der vermeintlich schönen Vergangenheit, und versuche das "Damals", und das "Jetzt" mit ungetrübtem Auge zu sehen, muß ich eingestehen, daß sich manche Dinge einfach nie ändern werden - eine Tatsache, die mir wieder vor Augen führt, warum alles so kommen mußte, wie es gekommen ist - und wie es auch noch weitergehen wird.
"Veränderung ist gut" - das wird oft propagiert. Das ist jung, frisch, und dynamisch. Männer wie ich, die nicht mehr ganz so jung, so frisch, und so dynamisch sind, und noch dazu einen Faible für einen gleichbleibenden Wohlfühl-Strom haben, tun sich damit schwer. Geht es allen Männern in meinem Alter so, oder bin ich auch da wieder eine Ausnahme?
Zugegeben: So aufregend, und abwechslungsreich mein neues Leben auch ist...ich freue mich auch schon wieder auf die Zeit, wo hoffentlich ein wenig Ruhe einkehren, und mein Alltag zumindest vermeintlich halbwegs berechenbar, und vertraut wird (...falls das je noch einmal geschieht...).

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