Dienstag, 4. Dezember 2018

Skandal - Kein Sex beim ersten Date !

?? Bin ich noch normal ??


Eine Frage, die ich mir schon häufiger gestellt habe...

Wikipedia erklärt Normalität so:
"Normalität bezeichnet in der Soziologie das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden muss. Dieses Selbstverständliche betrifft soziale Normen und konkrete Verhaltensweisen von Menschen. Es wird durch Erziehung und Sozialisation vermittelt."

Auslöser für meine Frage an mich selbst war eine Geschichte, die mir mein Freund unbedarft erzählt hat. Es ging um das erste Treffen mit meinem Vorgänger. Dieses erste Treffen schien so abgelaufen zu sein, wie man es von vielen Filmen im Fernsehen kennt:Zwei Menschen verlieben sich. Sie küssen sich das erste Mal, reißen sich zeitgleich, und hemmungslos die Klamotten vom Leib, und vögeln sich stundenlang in Extase. Als Zuschauer sieht man in der Regel natürlich nur die Szenen, wo beide noch halbwegs angezogen sind, und später, wenn sie im Bett liegen, und sich mit verträumten Blicken sacht streichelnd liebe Worte zuflüstern. Die perfekte Metamorphose also von geistiger & körperlicher Liebe, entstanden beim ersten körperlichen Zusammentreffen. Das scheint die Norm zu sein, und so hat es abzulaufen.

...mir ist so etwas fast noch nie passiert - komisch. Entspreche ich also nicht der "Norm"?



Liegt es an mir? Bin ich nicht leidenschaftlich genug? Oder sogar prüde, verklemmt & spießig? Je länger ich über dieses Phänomen nachdachte bin ich immer mehr zu der Erkenntnis gelangt, daß ich beim Anblick eines in meinen Augen interessanten Mannes nicht sofort das Bedürfnis verspüre, demjenigen an die Wäsche zu gehen. Jedenfalls dann nicht, wenn es sich um keinen ONS gehandelt hat, sondern der Trend in die Richtung "Verliebtheit" geht.
Schwulen Männern wird gerne unterstellt, daß gerade sie besonders viel Wert auf den Austausch von Körperflüssigkeiten legen - ein Klischee, daß Schwulen selbst gerne vor sich hertragen wie eine Auszeichnung. Müßte ich also dann nicht spitz sein wie Nachbars Lumpi, wenn ich einen Mann treffe, in den ich mich verliebt habe? Das wäre doch die sog. "Norm" in unserer heutigen Gesellschaft, oder?
Ich halte mich wahrlich nicht für den Gradmesser schwulen Lebens. Seit dem ich erfahren habe, daß die o. g. Ereignisse auch außerhalb des Fernsehers stattfinden, stelle ich mir aber die Frage:
"Denken die meisten Männer beim Erblicken eines potentiellen Opfers an Sex? Oder besser ausgedrückt: Werden Männer primär sexuell angesprochen, und die Liebe kommt im besten Fall hinterher?"
Knifflig! Um das herauszufinden habe ich mich auf die Suche im Internet gemacht. Ich bin dabei auf interessante Artikel gestoßen, die mich zum Teil verwundert haben. Ich möchte dieses knallhart recherchierte Informationsmaterial natürlich an dieser Stelle gerne mit Euch teilen, was nachfolgend passiert.

Formuliert man seine Frage recht grob, also in der Form "wie leidenschaftlich war Dein erstes Date", scheint Sex tatsächlich das Einzige zu sein, was zählt.
Oft wird man auf Dating-Plattformen geleitet, die gerade für schwule Männer Hochkonjunktur zu haben scheinen. Gesucht wird bei der homosexuellen Variante meist nach Sex. Das kannte ich ja schon aus meinen eigenen Erfahrungen. Freundschaft & Liebe, sowie das Ansteben einer langjährigen Partnerschaft stehen im günstigsten Fall an Stelle 2 und 3. Datingseiten, oder Dating-Apps haben aber offenbar auch die heteronorme Welt verändert. Der Selbstversuch eines heterosexuellen Reporters mit der Dating-App "Tinder" stellte dieses "schwule" Verhalten, also die Suche nach Sex, gerade aber auch bei heterosexuellen Frauen fest. Um es an dieser Stelle nochmals zu betonen: BEI FRAUEN! Diesen mir oft unbekannten Wesen, denen man nachsagt, daß man mit ihnen erst 5 Mal zum Essen gehen muß, um zumindest einen Kuß auf die Wagen zu erhalten. Ich dachte ja immer, Männer gelten als besonders hormongesteuert. Tze...

Vielleicht liegt es doch daran, was, bzw. wen wir suchen. Anscheinend suchen Menschen immer seltener jemanden zum heiraten, und immer öfter einen schnellen Fick. Dabei riet selbst das selbsternannte Sprachrohr der deutschsprachigen, schwulen Community Queer.de in einem Artikel "Beim ersten Treffen nicht gleich miteinander im Bett zu verschwinden", was etliche Kommentatoren nicht mehr zeitgemäß fanden. Das hat mich nicht verwundert (siehe oben), zeigt mir aber, daß das Thema Sex-beim-ersten-Date auch in der schwulen Community konträr diskutiert wird.

Das ich nicht der Einzige bin, der sich Gedanken darüber macht, wie, oder warum grundsätzlich der Sex gerade bei schwulen Männern so einen hohen Stellenwert zu haben scheint, konnte ich einem lesenswerten Artikel des deutschen Ablegers des kanadische Lifestyle-, und Jugendmagazin "Vice" entnehmen, wo wir aufgeklärt werden "Warum sich bei uns Schwulen scheinbar alles nur um Sex dreht".

Noch erstaunlicher liest sich der Thread "Ich erwarte Sex beim ersten Date“ – Die schwule Dating-Kultur ist fast ausgestorben!". Auch wenn die Seite des Bloggers "Hollywood Tramp" auf den ersten Blick wenig Tiefgang erwarten läßt, und mit viel bewegten, und farbenfrohen Bildern nervt, war ich beim Lesen des Beitrags erstaunt, die unerwarteten Ansichten eines Szene-DJ über Dating-Apps zu lesen.

Insgesamt hat mir das Lesen der verschiedenen Artikel gezeigt, daß ich weder un-normal bin, noch das oben erwähnte Verhalten bei einem ersten Kennenlernen normal, oder auch erstrebenswert ist. Vielmehr habe ich das Gefühl, daß die Beziehungen von Menschen zueinander durch Dating-Apps immer mehr abflacht. Jemanden kennenzulernen, und beim ersten Date sofort mit demjenigen in die Kiste zu steigen scheint nichts mehr außergewöhnliches zu sein. Die immer legerere Haltung der Menschen dem Sex gegenüber scheint die Korpulationsbereitschaft beim ersten Kennenlernen zu fördern. Je öfter man das praktiziert, desto beliebiger werden jedoch die Menschen, mit denen man dieses betreibt. Ob jemand, der jahrelang seinen Sexualtrieb auf diese Weise gestillt hat, jemals dazu fähig sein kann, eine ernsthafte Beziehung zu einem anderen Menschen einzugehen, halte ich für unwahrscheinlich. Traurig, da es bestimmt etliche Menschen gibt, die Ihre innere Leere, und ihr Verlangen nach Nähe & Zuneigung durch möglichst viel Geschlechtsverkehr zu kompensieren versuchen - in der Regel meist vergeblich. Sie werden zu triebgesteuerten Zombies.

Einem solchen Zombie ist auch mein Freund damals begegnet. Wider erwarten war trotz dieses fulminaten Einstiegs keiner von beiden tief berührt von diesem Schnellstart. Der eine nicht, weil der Reiz des Neuen schon nach kurzer Zeit verflogen war, und der andere nicht, weil er sich überrumpelt, und ausgenutzt gefühlt hat.
Wie bei vielen Menschen heute ist Geduld auch nicht meine Sache. Aber manchmal ist es vielleicht besser, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, und somit Erlebnisse zu etwas Besonderem zu machen - auch wenn, oder gerade auch weil es schwer fällt.

Für mich stelle ich fest, daß ich mir nach dem Lesen der Artikel im Netz keine Sorgen mehr machen werde, ob ich in meinem Dating-Verhalten "unnormal" bin. Nomalität scheint es in dieser Frage nicht zu geben, auch wenn es einem die Welt um einen herum weiß machen will.

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