Kri̱·se
Substantiv [die]
Höhepunkt oder Wendepunkt einer gefährlichen Lage, entscheidender Abschnitt einer schwierigen Situation.
...okay, dann laß mich mal nachsehen...
Du bist zwischen 40 und 50 Jahre alt. Hast einen Beruf, ein schönes Zuhause, in dem ein Partner/in mit Dir zusammen lebt. Vielleicht habt Ihr Kinder. Vielleicht auch eine Katze. Jeder der Dich zu kennen glaubt, denkt, Du bist am Ziel.
Doch unverhofft stellst Du alles in Frage, denn Du bist nicht zufrieden. Nicht mit Deinem Leben. Nicht mit Deinem Job. Nicht mit Deinem Partner. Nicht mit Deiner Freizeitgestaltung. Nicht mit Deinem Liebesleben. Oder mit Teilen davon.
Du bist verwirrt, und suchst Rat im Internet. Findest dort unzählige Artikel die beschreiben, wieso Du plötzlich so anders denkst als vorher.
Das was Du hast nennt sich angeblich "Midlife-Crises". Diese Floskel, die Du schon so oft gehört hast. In Deinem Kopf erscheint ein Bild: Du siehst einen alten, grauhaarigen, notgeilen, und schmierigen Sack, der hinter dem Steuer eines roten Porsche-Cabrio sitzt. Auf dem Beifahrersitz neben ihm sitzt eine sehr, sehr junge Frau mit langen, blonden Haaren. Sie freut sich so über Ihren am Steuer des Wagens sitzenden Freund, daß sie das den Leuten auf der Straße durch leicht hysterisches Lachen mitteilen muß, während die beiden bei lauter Musik durch den Ort schleichen.
Du vergleichst Dich mit dem Opa in Deinem Kopf, und stellst erleichtert fest, daß Du mit ihm nicht die Spur einer Gemeinsamkeit hast. Doch keine Midlife-Crises?
Angeblich kommt fast jeder Mann an den Punkt, wo er sein Leben hinterfragt. Mit einer Krise hat das erst einmal nichts zu tun. Ich benenne es eher als eine Art von Bewußtseins-Erweiterung. Man(n) hält inne, schaut zurück, was bisher in seinem Leben passiert ist, und blickt voraus in eine vermutete Zukunftsvision seiner eigenen Person.
Nach den Lebensphasen des Lernens, des Aufbauens, und des Erhaltens folgt nun eine Zeit des "Reflektierens". Ich vergleiche dieses Vorgang mit einem Haus, in dem man schon seit Jahrzehnten wohnt, und in dem man glaubt, jeden Winkel zu kennen. Nachdem man einen Schrank in einem Zimmer entfernt hat, der schon immer an diesem Platz stand, kommt jedoch eine neue Tür zum Vorschein, die bisher unbekannte Räume dahinter freigibt. Man ist erstaunt, und neugierig. Beim Erforschen der neuen Räume entdeckt man, daß man dieses Haus nun ganz anders, und viel besser nutzen kann, und man fängt an, umzubauen. Die Funktion der ursprünglichen Räume verändert sich. Was früher einmal das Lieblingszimmer war, wird nun zur Abstellkammer. Einigen Menschen, mit denen Du in dem Haus gewohnt hast, sind allerdings ganz und gar nicht mit dem Umbau zufrieden, denn sie wollen das alte Haus in der alten Form wieder zurück haben. Doch selbst wenn man den Schrank wieder vor die geheime Tür stellen würde, so weiß man jetzt, daß dahinter ein Ort mit 1000 neuen Möglichkeiten liegt, und man wird den Teufel tun, diese Möglichkeiten nicht zu nutzen.
Das Internet ist voll mit Informationen bzgl. dieser Neuentdeckung der eigenen Person. Viele dieser Artikel sind vom Inhalt ähnlich. Oft beschrieben werden...
- ... die Ursachen, die meist auf Hormonveränderungen im Körper eines Mannes zurückzuführen seien.
- ...die Auswirkungen, die von "plötzlich-jugendliche-Kleidung-tragen", bis "ein-Motorrad-kaufen", oder "seinen-Job-kündigen" gehen.
- ...und Lösungsansätze, wie ein gesunder Lebenstil mit wenig Fett, und viel Bewegung, autogenem Training, und ggf. einer Therapie.
Da ich meine persönliche Krise so gut wie durchschritten habe, bekommst Du nachfolgend Infos aus erster Hand. Meine Erfahrungen decken sich dabei oft nicht mit dem, was ich gelesen habe.
Ursachen
Ich möchte nicht abstreiten, daß sich im Alter der Hormoncocktail im Körper eines Mannes verändert. Es ist möglich, und auch sehr wahrscheinlich, daß diese Veränderung Folgen für das eigenen Befinden haben.Ein Aspekt, der jedoch selten beleuchtet wird, sind äußere Einwirkungen auf einen Mann. Damit meine ich anerzogenes Verhalten, und/oder soziale Anforderungen, die man als Mann erfüllen sollte.
Wie schon geschrieben, wurden mir als Kind Werte vermittelt. Das zum Zweck, "...damit aus mir was wird", wie man in Bayern gerne sagt. Das heißt im Klartext: schöne Wohnung/Haus, tolles Auto, am idealsten eine nette Familie mit Kindern & ein geregelter Job, der für die finanzielle Sicherheit sorgt.
Zu kurz bis gar nicht wurde dabei eine Tugend behandelt, den ich mir erst während der letzten Jahre selbst anerzogen habe. Der neue "Wert", der für mich in der Zwischenzeit viel wichtiger ist, als alle anderen Werte zusammen, heißt:
Du sollst so leben, daß Du glücklich bist! Dabei solltest Du einen Scheiß drauf geben, was andere davon halten!
Ergreift dieses Bedürfnis nach Glück Besitz von einem Mann, gibt es kein zurück mehr. Man will sein Leben ändern. Es dauert lange, bis man sich selbst eingestehen kann, daß man nicht sein Glück verfolgt hat, sondern das vermeintliche Glück, daß einem von seinem Umfeld eingeredet worden ist. Noch länger dauert es herauszufinden, was einem tatsächlich glücklich macht, bzw. den richtigen Weg dorthin zu finden. Den Schritt aber zu wagen, aus dem bisherigen Leben auszubrechen, dauert meist am längsten. Wenn man all diese Zeitabschnitte addiert, erreicht man meist das Alter zwischen 40 und 55 Jahren.
Eine Sache stimmt meiner Meinung nach aber tatsächlich:
In dem "Halbzeit-Alter" wird einem erstmals die eigene Sterblichkeit bewußt. Die biologische Uhr tickt, und veranlaßt einen Mann gerne dazu, von einer Minute zur anderen, und für alle Außenstehende unerwartet, sein Leben auf Links zu drehen. Deshalb, weil man in dem bißchen Zeit die einem noch bleibt alles erleben will, auf was man aufgrund der sozialen Vorgaben bisher verzichtet hat.
Auswirkungen - das Aussehen
Ich weiß, daß ich 46 bin. Ich weiß, ich bin nicht mehr der Andreas von vor 25 Jahren. Einem Zeitpunkt, als mein Bauch noch so flach war wie war eine Arbeitsplatte, und ich eine lange Mähne mein eigen nannte.Ja, mein Haar ist lichter geworden, und ein paar graue Haare mogeln sich auch schon auf meinem Kopf herum. Ich sehe jeden Tag im Spiegel meine Falten im Gesicht, und mein Bauch ist von "flach" so weit entfernt, wie ein syrischer Flüchtling von einer AfD-Mitgliedschaft. Doch das war für mich kein Auslöser einer Krise.
Ich weiß, daß mir mein Bauch gefällt, so wie er ist. Ich weiß, daß ich zwar auf dem Kopf weniger Haare habe, dafür aber einen netten Bart besitze. Ich weiß, daß ich durch mein Alter gelassener, und souveräner im Umgang mit anderen Menschen geworden bin.
Optisch bin ich im Großen & Ganzen zufrieden mit mir - auch, wenn ich jetzt keine 20 mehr bin -also kein Grund, wegen meines Aussehens in eine Depression zu verfallen.
So wie ich empfinden viele Männer in der Lebensmitte sich selbst. Gefeit vor einer Midlife-Crises sind sie deswegen aber nicht. Denn entgegen einem Vorurteil dreht es sich bei der MLC meist nicht um das eigene Aussehen.
Die wenigsten Männer fühlen sich heutzutage so alt, wie sie laut Kalender sind. Das liegt daran, daß Männer, die heute zwischen 40 und 60 Jahre alt sind, nicht die gleichen "alten" Männer sind, die ich aus meiner Kindheit kenne. Das mag daran liegen, daß wir in einer modernen Zeit gealtert sind, und durch die nachfolgenden Generationen stärker beeinflußt werden, als unsere Eltern. Wir sind offener für Neues, und lehnen nicht kategorisch alles, was jüngere Menschen an uns heran tragen.
Obwohl ich schon ein biblisches Alter erreicht habe, hängt bei mir noch kein 2-teiliger, khaki-farbenen Hosenanzug ála Kim-Jong-Un im Schrank. Ich trage das was mir gefällt, und mir schon immer gefallen hat. Das sind Jeans, T-Shirt, Hemden, Jacken, Boots, etc., und zwar in farblichen Kombinationen, die einigermaßen miteinander harmonieren. Ich mag keine Idioten-Basecaps in Neonfarben, oder Clown-Jacken, und Baggy-Pants. Obwohl ich eine Midlife-Crises durchlebe, werde ich nicht diese für mich schrecklich aussehenden Klamotten tragen, nur damit ich jünger wirke. Das Vorurteil, Männer in meinem Alter versuchten plötzlich krampfhaft viel jünger auszusehen, kann ich für meine Person nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil: Ich finde sogar, daß mein Aussehen durch mein Alter gewonnen hat.
Auswirkungen - der Job, und die Hobbies
Übt man wie ich seinen Job schon seit vielen Jahren bei der gleichen Firma aus, stellt sich irgendwann einmal die Frage, wie es mit dem beruflichen Werdegang bis zur Rente aussieht.- Wie sind die Entwicklungschancen?
- Welche Arbeit kann man bei jetzigen Firma ausüben, wenn es einem gesundheitlich nicht mehr so gut geht?
- Verdiene ich genug Geld mit meiner Arbeit beim jetzigen Arbeitgeber?
- Oder auch ganz existentiell: Will ich diesen Job tatsächlich noch bis zur Rente machen?
- Oder auch: Macht mir die Arbeit eigentlich noch Spaß?
Warum man als Mann in den besten Jahren darüber nachdenkt, ist einfach erklärt:
In der Regel sitzt man aufgrund seiner Berufserfahrung fest im Sattel, hat sich ein gewisses, finanzielles Fettpolster angefressen, und ist deswegen in der glücklichen Lage, über einen Wechsel seines Jobs nachzudenken, bzw. diesen auch in die Tat umzusetzen.
Vielleicht hatte man diesen Wunsch auch schon früher. Aus finanzieller Sicht war dieser Schritt aber einfach zu riskant. Lieber der Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach - das war meine Situation nach einem Hauskauf.
Ein Wechsel des Arbeitsplatzes kann aber auch eine Folge davon sein, daß man, aus welchen Gründen auch immer, seinen Wohnort verändern möchte. Genau wie die Sache mit dem Arbeitsplatzwechsel halte ich es jedoch für falsch, dieses Verhalten alleine als Folge einer MLC anzusehen. Wäre ein Arbeitsplatzwechsel, oder eine Wohnortwechsel ein Zeichen einer MLC, dann würde diese uns in einem viel jüngeren Alter ereilen.
Das man im Laufe seines Lebens Interessen an manchen Freizeitaktivitäten verliert, bzw. dafür neue entdeckt, ist in meinen Augen nichts, daß mit einer MLC in Verbindung steht. Es passiert in jedem Alter.
Der Unterschied: Im Alter zwischen 40 - 60 Jahren hat man meist den finanziellen Background, seinen lang gehegten Wunsch, wie z. B. ein amerikanisches Muscle-Car zu kaufen, in die Tat umzusetzen. Fährt man mit diesem Gefährt durch seine Stadt, wird das von anderen jedoch oft als Folge der MLC angesehen, was meiner Meinung nach nicht stimmt. Genau wie andere hier bereits angesprochene Dinge ist es eher eine natürliche Folge der eigenen geistigen, und finanziellen Entwicklung.
Auswirkungen - die Beziehung / Ehe
Kein Mensch kommt als "perfekter" Partner auf die Welt. Mit jemanden eine Beziehung einzugehen, und zu führen ist ein Lernprozeß. Wie bei allen anderen Dingen, die man lernt, macht man bei der Partnerwahl Fehler, die als Konsequenz auch eine Trennung zur Folge haben können.Bei Beziehungen zwischen zwei Menschen werden einem von Kindesbeinen an viele Verhaltensmuster anerzogen. Das kann von den Eltern kommen, vom Umfeld, oder von den Medien. Wir haben gelernt, daß es in einer Partnerschaft auch zu Krisen kommen kann. Das ein Streit, oder eine Phase des Desintresses nicht gleich zu einer Trennung führt, ist z. b. so ein anerzogenes Wissen. Diese Prägung kann Vor-, oder auch Nachteile für die eigene Beziehung haben.
Es gibt Menschen wie mich, die aufgrund dieses Wissen auch noch an einem Partner festgehalten haben, obwohl schon lange vor der unausweichlichen Trennung klar war, daß diese Beziehung nicht glücklich macht. Sich dieses fehlenden Glücks bewußt zu werden braucht Zeit, und auch eine gewisse geistige Reife. Beides Dinge, die eine Trennung nicht selten in das Alter der Best-Ager verschiebt.
Viele Menschen machen dann auch genau das: Sie bleiben in einer Beziehung, obwohl sie sich nach jemanden sehnen, der da draußen irgendwo aus sie wartet, und der für sie vorbestimmt ist. Das ist weder gut für die jeweilige Person, noch für den Partner, noch für evtl. vorhandene Kinder.
Die Partnerschaft verkommt zu einer Zweckgemeinschaft, die so bequem ist, daß es meist eine lange Zeit braucht um festzustellen, ob man so weitermachen, oder etwas verändern will. Einige Männer richten sich in der bequeme Partnersituation ein, und arrangieren sich mit ihr. Einige Männer aber auch nicht. Mit der Folge, daß diese dann, meist für den Partner unerwartet, ihre Beziehung beenden. Was einen dabei antreibt ist die Angst davor, nie in seinem Leben die Person kennen gelernt zu haben, die für einen bestimmt ist.
Das ist vermutlich auch eine der größten Ängste, die wir Männer uns oft nicht eingestehen: Auf dem Sterbebett zu liegen, ohne zu wissen, welches unglaubliche Glück wir mit dem richtigen Partner hätten erleben können, wären wir nur nicht so lethargisch gewesen, uns von unserer Wohlfühlecke weg zu bewegen.
Diese Angst ist dann meist auch der Auslöser, eine bestehende Beziehung zu beenden. Diese Angst hat man nicht mit 20, und auch nicht mit 30. Sie erscheint meistens erst, wenn Mann eine gewisse Reife hat, und eigene Erfahrugen mit Partnerschaften gemacht hat - also im Alter der MLC. Und sie erscheint, wenn einem bewußt wird, daß man nicht ewig lebt, nicht ewig potent ist, und nicht ewig von gesundheitlichen Wehwechen verschont bleibt.
Kein Wunder also, wenn Männer gerade erst in diesem Alter aus Ihren gewohnten Partnerschaften ausbrechen. Ein Vorurteil, daß tatsächlich stimmen mag.
Lösungen
Nein, liebe Frauen plötzlich durchgeknallter Ehemänner: Hier kommt nicht das Patentrezept, wie ihr euren Mann wieder bändigen könnt. Wie oben schon detailiert beschrieben wird sich der Schalter, der sich im Kopf umgelegt hat, nicht wieder in seine Ausgangsposition zurück bewegen lassen. Vielmehr geht es mir hier darum, wie der Mann mit der neuen Situation umgehen, bzw. diese evtl. für sich verbessern kann.Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, daß eine Midlife-Crises tatsächlich in eine Lebenskrise münden kann. Das hängt allerdings viel davon ab, wie sehr man mit seiner eigenen Person im reinen ist. Da ich offenkundig schon immer einen Hang zum Melancholischen habe, und auch mit vielen Selbstzweifeln kämpfe, hat mir die Midlife-Crises eine 1A-Depression geschenkt. Vielen Dank auch dafür!
Das sportliche Betätigung gesund ist, und sich auch positiv auf das Seelenleben auswirken kann, bestreite ich nicht. Damit eine metale Krise zu heilen, halte ich jedoch für genauso unwarscheinlich, wie die Sache mit der "richtigen" Ernährung.
Vielmehr denke ich, daß man da ansetzen muß, wo die Krise Ihr zuhause hat, und daß ist num mal der Kopf. Dabei geht es um zwei Punkte:
- Zu akzeptieren, daß man nun andere Wünsche hat, und diese zuzulassen. Zu verstehen, daß man nicht mehr "der Alte" ist, und das, ohne sich dabei komisch vor zu kommen.
- Mit den Auswirkungen seines Handels zurecht zu kommen, d. h. von anderen evtl. gemieden, oder nicht mehr akzeptier, oder respetiert, oder im schlimmsten Fall gehasst zu werden. Gerade der letzte Punkt ist schlimm, da man meist einer vertrauten, und/oder geliebten Person z. B. im Falle einer Trennung Schmerzen zufügen muß.
Was aber hilft, wenn man niemanden zum Reden hat, ist eine Gesprächstherapie. Sie rückt nicht nur die eigene Selbstwahrnehmung wieder gerade, sondern hilft einem zu verstehen, warum man jetzt wünsche hat, die vorher nie da waren, oder warum man Dinge so tut, wie man sie tut, und welche Auswirkungen das auf das Umfeld hat.
Solltest Du also so wie ich kein Freund von Esotherik-Geschichten sein, Du aber trotzdem nicht mit Deinen neuen selbst zurecht kommen, wage den Schritt, und geh zu einem Psychologen. Wie man das anstellt, bzw. wie es bei mir funktioniert hat, hatte ich schon in einem anderen Post geschrieben.
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