Montag, 13. November 2017

Erziehungs-Flashback

...und keine Angst: Das hier wird kein Depri-Post...

Meine Krise in den letzten Jahren hat mich dazu gezwungen, über mein Leben nachzudenken. Das praktiziere ich nun schon seit fast 3 Jahren. Erstaunlicherweise kommen beim Nachdenken, bei Gesprächen mit anderen, oder auch hier beim Schreiben Dinge an Tageslicht, von denen ich nie gedacht hätte, daß sie überhaupt vorhanden sind.

Der Fundus für diese Erkenntnis-Sammlung scheint unerschöpflich zu sein...




Ich war der Meinung, die Tatsache das ich so bin wie ich bin, ist ein Resultat davon, meine eigenen Vorstellungen von meinem Leben umgesetzt zu haben. Als ich als junger Erwachsener in mein Leben gestartet bin, machte ich das was ich für richtig hielt, und vermied es Dinge zu tun, die ich bei anderen als falsch erachtet habe. Ich dachte, auf diese Weise wird sich mein Leben in die für mich ideale Richtung bewegen, komplett unbeeinflusst von den Einflüssen meiner Kindheit. Das dem nicht so ist, wird mir in den letzten Zeit immer bewusster.

Ja, es scheint tatsächlich so zu sein, wie ich es, für mich bisher völlig unverständlich, schon etliche Male in Reportagen, oder Talk-Shows gehört hatte, in die ich zufällig beim Fernseh-Zappen hinein geschlittert bin. Zumindest bei mir scheint es so zu sein, daß ich tatsächlich ein Opfer meiner eigenen Kindheitserfahrungen, und der Erziehungsmethoden meiner Eltern bin. Das hört sich negativer an, als es gedacht ist. Ich will damit nicht ausdrücken, daß ich in meiner Kindheit von meinen Eltern schlecht erzogen worden bin. Auch traumatische Erlebnisse hatte ich als Kind nicht. Ganz im Gegenteil: Ich hatte eine behütete Kindheit, und habe immer noch sehr liebe Eltern. Es mangelte mir an nichts. Dennoch scheinen mir meine Eltern unbewußt charakterliche Eigenschaften mit in die Wiege gelegt zu haben, die mir als erwachsener, bald 50-jähriger Mann, Probleme bereiten.

Es scheint so, daß man als Kind die Verhaltensmuster älterer Menschen, vor allem den Eltern, kopiert, und in sein Erwachsenen-Leben verschleppt. Das für mich Faszinierende ist: Dies geschieht offenkundig im Hintergrund. Ich jedenfalls habe davon nichts mitbekommen. Bin ich so unsensibel? Habe ich bisher nie darüber nachgedacht, warum mir Dinge im Leben passieren, die ich eigentlich nicht will, und von denen ich immer dachte, ich wäre mitnichten der Auslöser dafür?

Ein kurzer Blick zurück...


Die Ehe meiner Eltern war für mich die Blaupause, wie eine Partnerschaft nicht zu sein hat. Mein Vater bemühte sich, meiner Mutter jeden Wunsch von den Lippen abzulesen, und zu erfüllen. Das war vermutlich ein Resultat der groben Schnitzer, die sich mein Vater in der Anfangszeit ihrer Ehe erlaubt hatte, und die, zumindest in meinen Augen, diese Beziehung kurz vor dem Abgrund stehen ließ. Meine Eltern hatten nie gelernt, sich über diese Probleme ihrer Vergangenheit zu unterhalten, weswegen sich folgendes Muster etablierte:
Mein Vater umgarnte zuckersüß meine Mutter, behätschelte, und betäschelte diese bis fast zur Selbstaufgabe, während meine Mutter, gekränkt von den Ereignissen der Vergangenheit, meinen Vater am langen Arm verhungern ließ. Meine Mutter hätte jedoch nie meinen Vater verlassen. Sie war rückblickend gesehen ein sehr ängstlicher Mensch, der zwar in schwierigen Situationen ungeahnte Kräfte entwickelte, jedoch diese Situationen nicht selbst herbeiführte. Ganz im Gegenteil: Unangenehmen Dingen ging sie so gut es ging aus dem Weg, und verließ selten ihren bekannten, sicheren Lebenspfad, den sie gerade eingeschlagen hatte.

Resümee:
Der Vater versucht alles für seinen Frau zu tun, während die ängstliche Mutter sich ihrem Mann verschließt, und ihm die kalte Schulter zeigt.


...und nun zu mir...


Wie schon hier geschrieben, hatte ich zwei lange, für mich nicht besonders ideal verlaufende Partnerschaften. Bei beiden Beziehungen fühlte ich mich gegen Ende dieser von meinen Freunden ausgenutzt. Oder besser gesagt: Ich wurde ausgenutzt. Wie kam es dazu?

Ich habe meine Freunde auf den Händen getragen. Ich habe meine eigenen Bedürfnisse zurückgestellt, und den Bedürfnissen meiner Freunde untergeordnet. Ich war der Meinung, das gehört sich so, wenn man mit jemanden zusammen lebt, den man liebt. Ich hatte erwartet, daß dieses "sich-selbst-zurücknehmen" von den jeweiligen Freunden als Zeichen des Geliebt-werdens aufgefasst, und dementsprechend honoriert wird. Doch der gegenteilige Fall hat sich eingestellt: Meine Freunde wurden durch meine Selbstaufopferung immer träger, und bequemer. Warum auch nicht, wenn der Freund einem alle unangenehmen Dinge abnimmt? Kann ich ihnen einen Vorwurf dafür machen? Im Grunde genommen bin ich selbst schuld daran, daß sich diese Beziehungen nie für mich befriedigend entwickeln konnten, da ich von meinen Freunden irgendwann einmal nicht mehr als gleichwertiger Partner, sondern als untertäniger Angestellter wahrgenommen worden bin.
Wer den oberen Teil dieses Post gelesen hat, wird sofort erkennen, daß mein bisheriges Verhalten meinem Partner gegenüber sehr stark dem Verhalten meines Vaters ähnelt.

? ? Zufall ? ?

Obwohl ich mit meinen Beziehungen nach einer gewissen Zeit nicht mehr zufrieden war, habe ich freiwillig diese nicht beendet. Der eine Freund verstarb, bei dem zweiten habe ich mich erst nach 14 Jahren entschlossen die Notbremse zu ziehen, obwohl ich Jahre zuvor schon unglücklich war mit der Partnerschaft. Abgesehen von dem Beziehungs-Tralala arbeite ich schon über 20 Jahre in einer Firma, die mir größtenteils auf den Wecker geht, und bewohne ein Haus, daß meine gesamte Freizeit auffrißt, und schädlich ist für soziale Kontakte, die mir nun fehlen.
Warum ändere ich das nicht?
Wer den oberen Teil dieses Post gelesen hat, wird sofort erkennen, daß sich mein bisheriges Verhalten diesen Zuständen gegenüber sehr stark dem Verhalten meiner über-ängstlichen Mutter ähnelt.

? ? Zufall ? ?

Nein! Ich denke, daß sind keine Zufälle. Ich denke, ich war bisher ein Sklave meiner mir von meinen Eltern abgekupferten Verhaltensmuster. Diese Erkenntnis finde ich unheimlich. Vor allem deswegen, da ich erst jetzt, da ich schon fast ein halbes Jahrhundert über diese Planeten schwebe, merke, was diese angeeigneten Eigenschaften mit mir, und meinem bisherigen Leben gemacht haben. Tze....

Es heißt, Einsicht wäre der beste Weg zur Selbsterkenntnis. Noch nie in meinem Leben fand ich diese Floskel treffender als jetzt.
Warum auch immer: Beim Nachdenken über all das fällt mir dabei eine Szene aus dem ersten Teil der Matrix-Trilogie ein:
Neo geht zum Orakel (einer Art Wahrsagerin) , und tritt in die Küche ein, wo das Orakel, eine sympathische, ältere, schwarze Frau, gerade Plätzchen backt. Über der Küchentür hängt ein Schild mit Worten in Latein. Auf dem Schild steht...

" Temet nosce "


...was übersetzt so viel bedeuten soll, wie:

"Erkenne Dich selbst"


Natürlich habe ich keine Ahnung, wie sich die fiktive Figur des Neo beim Lesen dieses Spruchs über der Küchentür gefühlt haben wird. Nach allem was ich die letzten Jahre erlebt habe treibt mir jedoch diese Szene einen Schauer über den Rücken. Es kommt mir so vor, als wäre ich die letzten 46 Jahre mit einer Papiertüte über dem Kopf durch mein Leben gestolpert. Naiv wie ein junger Hund, der nicht weiß, zu welchen Ergebnisse sein Handeln führen wird.
Es erschreckt mich, daß ich den Menschen "Andreas", der ich schon so lange bin, so schlecht kenne. Es erstaunt mich, daß mir nicht früher bewußt geworden ist, warum ich Dinge tue, die mir augenscheinlich nicht gut tun. Es kommt mir so vor, als wäre ich gerade dabei, daß durch die Ereignisse der letzten Jahre, und durch die Hilfe von lieben Menschen in meinem Umfeld, die Tüte auf meinem Kopf Löcher bekommt. Ganz ist die Tüte noch nicht weg, aber ich kann schon viel besser sehen, als noch vor einigen Jahren.

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