Welche positiven Eigenschaften werden den Deutschen nachgesagt?Fleißig, pünktlich, ordentlich, genau (mit einem Hang zum pedantischen), zielstrebig, und ergebnisorientiert.
Ich weiß nicht, wie, oder wer uns mit diesen Eigenschaften belegt hat, doch erfahrungsgemäß trifft diesers Verhaltensmuster bei vielen von uns ins Schwarze
Meiner Meinung ist ein Grund, warum wir so sind, in der Vergangenheit zu suchen. Meine Vorfahren haben nach dem 2. Weltkrieg die Nachkriegszeit zum Erstaunen ihrer Nachbarn schnell aufgearbeitet, und dabei das sog. "Wirtschaftwunder" gestartet. Schon vor dieser Zeit war Deutschland für die Herstellung von qualitativ hochwertigen Produkten in der ganzen Welt bekannt. Produkte, die aufgrund von Mitarbeitern hergestellt worden sind, die eben die o. g. Eigenschaften verinnerlicht hatten
Das läßt wiederum den Schluß zu, daß die "deutschen" Tugenden eng verknüpft sind mit dem Berufsleben, oder vielleicht sogar aus diesem entspringen. Manchmal jedoch habe ich den Eindruck, daß wir Deutschen uns oft nur über unsere Arbeit, und den Ergebnissen daraus definieren. Das Privatleben wird zur Nebensache, und muß sich dem Drang des "Geld-verdienens" unterordnen. Schon als Kind wurde mir von meinem Umfeld diese Lebensweisheit vorgelebt. "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen" ist ein Phrase, die mir in dieser Zeit immer wieder um die Ohren gehauen worden ist. Diese Einstellung zum Beruf kann ein Leben negativ beeinflussen.
Das wurde mir bewußt, als ich mir im Fernsehen eine Reportage ansah, in der der Weg eines kurz vor der Rente stehenden Mannes in den Renteneintritt mit der Kamera begleitet wurde. Der Einfachheit halber gebe ich diesen Mann nachfolgend den Namen "Heinz".
Heinz arbeitet als Stahlkocher, und hat eine verantwortungsvolle Stelle direkt am Ofen. Jeder Mitarbeiter in der Firma kennt ihn, und holt sich bei Bedarf Rat von dem erfahrenen Kollegen. In dem ersten Einspieler sieht man Heinz bei der Arbeit: Er steht in Wärmeschutzkleidung an dem glühenden Hochofen, und weist einen Kranführer über sein Funkgerät an, wann der beste Zeitpunkt ist, den flüssigen Stahl zu gießen. Später sieht man ihn zusammen mit seinen engsten Kollegen in einem kleinen Container innerhalb der Fabrikhalle sitzen: Ein schmutziges, schmuckloses Ding aus Metall, in dem ein einfacher Holztisch mit einigen Stühlen, und einer Bank steht. Für Heinz und seine Kollegen ist dieser Container ein Refugium der Ruhe, und der Geselligkeit, in der sonst so lauten, und heißen Halle. Alle tragen die typische, silbrig-dreckige Arbeitskluft, und haben sich um den Tisch versammelt. Das hat einen Grund: Es ist der letzte Arbeitstag von Heinz.
Zur Feier des Tages gibt Heinz seinen Kollegen ein Freibier aus. Nach und nach kommen und gehen diese in den Container, gratulieren Heinz zu seinem Rentenbeginn, trinken, rauchen, reden mit Heinz, wie es weitergehen wird, oder schwelgen in Erinnerung, was sich in den letzten 45 Jahren alles zugetragen hat. Es ist wie ein Familientreffen. Man merkt, Heinz ist hier zu Hause, den er hat hier die meiste Zeit seines Lebens verbracht. Er hat die Höhen und Tiefen der Firma miterlebt, Überstunden gemacht, ist auch schon bei Not am Manne am Sonntag vor Ort gewesen, wenn er mit seinem Wissen eine brenzliche Situation retten konnte. Er hat sein Leben der Firma gewidmet, und diese dankte es ihm außer mit Geld auch noch mit wichtigeren Dingen, wie Bestätigung, und Anerkennung. Doch diese Zeit endet nun. Heinz, dessen Arbeit kein Hobby für ihn zugelassen hat, wird nun aus dem engen Kreis seiner "Zweitfamilie" ausgeschlossen
In der letzten Einstellung des Films sieht man Heinz, wie er, ganz ungewohnt, im Jogginganzug, auf dem beblumten Balkon seiner Wohnung in einem Plattenbau steht, dort irgendwie verloren, und fehl am Platze wirkt, und unbeholfen dem wegfahrenden Kamerateam hinterher winkt. So, als wollte er sagen:
"...hey! Ihr könnt mich doch hier nicht einfach zurücklassen! Was soll ich denn jetzt den ganzen Tag machen, so ohne Arbeit? Das hier war doch alles nur für´s Fernsehen! Alles nur Show. Morgen geht´s wieder ab in die Firma, wo die Kollegen schon auf mich warten..."Doch es wartet keiner auf Ihn. Etliche werden sogar ein wenig erleichtert sein, den langsamen, und kompliziert werdenden, alten Mann los zu sein, der z. T. den modernen Betrieb mit seinen Vorstellungen von Genauigkeit, und Präsision ausgebremst hat.
Ich versetze mich in die Gefühlswelt von Heinz. Ich kann mir vorstellen, daß genau in dem Augenblick, indem Heinz sich der Tatsache bewußt wird, daß er jetzt das Dasein eines Rentners fristen muß, er sich das erste Mal in seinem Leben richtig "alt" fühlt. Ab nun geht es abwärts. Es beginnt die Zeit, in der er damit rechnen muß, daß sich jeden Tag seine Gesundheit verschlechtern wird. Sein Leben ist zum größten Teil verbraucht, und erledigt. Eine Perspektive gibt es nicht mehr, und die Zeit, die ihm noch bleibt, läßt keine großen Veränderungen mehr zu. Sich mit Neuem auseinander zu setzen macht für Heinz jetzt keinen Sinn mehr. Sein Sinn war die Arbeit.
Irgendwie ganz schön düster, findet ihr nicht auch?
Heinz kam wohl aus einer Generation, die nach dem Krieg nichts anderes kannte als Arbeit. Sie mußten arbeiten, um zu überleben. Keine Arbeit, kein geregeltes Einkommen gleichbedeutend mit obdachlos, und hungrig. Es blieb keine Zeit, um sich mit einem Hobby zu beschäftigen, oder sich in Freizeitaktivitäten zu stürzen. Keine Zeit dafür, sich für etwas anderes zu interessieren, als für seinen Job. Gerade viele Männer dieser Generation sind in diesem Rollenverhalten aufgegangen, und haben ihre Einstellung zur Arbeit an ihre Nachkommen weitergegeben - mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Für die Nachfolger ist es jedoch nicht einfach, die anerzogenen Tugenden mit der heutigen Freizeit-, und Spaßgesellschaft unter einen Hut zu bringen.
Heute sieht die Welt anders aus. Zumindest bei uns, und Ländern, die ein ähnliches Wohlstandsniveau erreicht haben. Vorbei ist die Zeit, in der die Arbeit unser einziges Tätigkeitsfeld ist. Und das ist gut so. Denn mit der uns zur Verfügung stehenden Freizeit können wir uns mit Dingen beschäftigen, die für uns ein Ausgleich für die ewige Tretmühle des Geldverdienens sind. Vor allem können wir soziale Kontakte aufbauen. Freunde finden, die so wichtig sind, für ein erfülltes & schönes Leben.
Ich komme aus einem Elternhaus, daß man heute als untere Wohlstandschicht bezeichnen würde. Mein Vater, ein Alleinverdiener, der mit seiner Arbeit eine 6-köpfige Familie ernähren mußte, war so ein Mann der Generation "Arbeit". Meine Eltern waren beide mehr als ausgelastet damit, ihren Kindern ein vernünftiges Dach über dem Kopf, genug Essen, und später dann einen gewissen Wohlstand bieten zu können. Das einem diese Dinge nicht geschenkt werden, wurde uns schon seit frühester Kindheit beigebracht. In den vergangenen Jahren konnte ich oft beobachten, daß gerade schwule Männer häufig über ihre Verhältnisse leben. Ich bin dankbar, daß ich aufgrund meiner Erziehung in dieser Hinsicht eine Ausnahme zu sein scheine. Mein zwischenzeitlich erlerntes handwerkliches Wissen ist eine Folge davon, daß mir in meiner Kindheit von älteren Personen vorgelebt worden ist, welch großer Vorteil es ist, sich mit der Hände Arbeit selbst weiterhelfen zu können. Sei es ganz praktisch bei Reparaturen, oder auch, wenn es darum geht, auf diese Weise Geld zu verdienen.
Auch wenn meine Erziehung hin zu den o. g. Tugenden von mir überwiegend positiv betrachtet wird, hat es auch seine Nachteile, daß mir seit der Kindheit vermittelt worden ist, daß einer geregelten Arbeit nach zu gehen eines der wichtigsten Güter ist, die es anzustreben lohnt. Arbeiten zu können, sich durch Wißbegier & Fleiß Fähigkeiten anzeignen, und diese dann anzuwenden, hatte für mich, vermutlich aufgrund meiner Erziehung, immer einen sehr hohen Stellenwert. Doch die Prioritäten haben sich bei den meisten Menschen, die nach mir auf die Welt gekommen sind, in dieser Hinsicht verschoben. Besser gesagt habe ich den Eindruck, daß sich die Einstellung der meisten Menschen um mich herum bezüglich dieses Themas verändert hat. Vielleicht weil wir in Deutschland einen hohen Lebensstandart haben, der einen eine hohe soziale Absicherung garantiert, hat sich gerade im Arbeitsleben viel bei den Wertvorstellungen geändert. Es reicht heute nicht mehr, einer Arbeit nachzugehen, die einem das Überleben, und ein wenig Wohlstand garantiert. Im hier und jetzt ist Arbeit eine Möglichkeit, sich zu verwirklichen, auszuleben, oder auch einmal etwas ganz Neues auszuprobieren. Diese Entwicklung ist positiv in zweierlei Hinsicht: Zum einen zeigt sie uns, wie gut es uns hier in Deutschland geht. Zum anderen bietet sie uns die Möglichkeit, durch einen Job nicht nur den Lebensunterhalt zu verdienen, sondern uns auch mental zu befriedigen.
Da ich noch auf die alte Art erzogen, und auch ausgebildet worden bin, habe ich meine Probleme mit der neuen Arbeitswelt. Es fällt mir schwer, mich auf diese neue Art der Arbeit einzustellen, bzw. die Möglichkeiten, die sich jetzt bieten, anzunehmen. Zu groß ist mein Sicherheitsdenken, daß mir von meinen Eltern eingetrichtert worden ist. Zu groß die Angst, loszulassen, und etwas ganz anderes auszuprobieren.
Aber nicht nur das sind negative Auswirkungen der mir anerzogenen Eigenschaften aus der Welt des Geldverdienens. Im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen hat dieses "hoch aufhängen" der Arbeit auch den Effekt, daß mir "das Arbeiten" irgendwann wichtiger war, als soziale Kontakte aufzubauen, oder vorhandene zu pflegen. Das Lob, das ich in früheren Jahren von Eltern, Onkeln, und Tanten bekommen habe, wenn ich wieder einmal fleißig eine Arbeit erledigt hatte, ging in eine Art "Selbstbefriedigungszustand" über. Wenn ich jetzt aus eigenem Antrieb mit einer Arbeit beginne, und diese dann erfolgreich fertig stelle, dann bin ich stolz auf mich. Meine Ausdauer, mein Fleiß und mein Wissen bündeln sich in einem fertigen Projekt, und beweisen mir, und ggf. auch anderen Menschen, daß ich "the man" bin. Das ich´s drauf habe. Das ich Dinge erschaffen, oder wieder ins Leben zurück holen kann. Handwerkliche Fähigkeiten & Wissen, die/das viele andere Menschen nicht haben, und ich mich somit auf eine höhere Stufe gearbeitet habe. Ähnlich einer Baumarktwerbung im Fernsehen. Arbeit, und die daraus resultierenden Ergebnisse waren Balsam für mein gebeuteltes Selbstbewußtsein!
Außerhalb der Arbeitswelt zählen jedoch andere Kriterien, die einen für seine Mitmenschen attraktiv werden lassen. Je mehr ich mich jedoch der Arbeit verschrieben habe, desto weniger konnte ich diese sozialen Fähigkeiten weiterentwickeln. Ein Defizit, das sich in meinem jetzigen Leben erst so richtig bemerkbar macht. Denn zwischenzeitlich bin ich es Leid, mein Leben nur mit Arbeit zu füllen. Je älter ich werde, desto weniger wichtig ist mir diese Gier nach Bestätigung durch von mir erledigte Arbeiten. Genauer ausgedrückt geht mir die ewige Arbeiterei sogar auf den Senkel. Ich beneide die Menschen, die nicht von diesem krankhaften Antrieb des "produktiv-seins" gesteuert wurden, und somit die Möglichkeit hatten, ihre soziale Kompetenz auszubauen, und sich einen großen Freundeskreis aufzubauen. Jetzt, wo der Groschen gefallen ist, und ich die richtigen Werte des Lebens entdecke, möchte ich von meinen Mitmenschen als "Mensch" wahrgenommen werden. Ich möchte wegen meiner selbst gemocht werden. Ich möchte, daß mich andere nicht nur als Maschine sehen, die man wie einen Rasenmäher aus dem Gartenhäuschen holt, wenn man ihn braucht, und dann wieder dorthin verschwinden läßt, wenn die Arbeit erledigt ist. Das erfordert, auch einmal "Nein" sagen zu können, wenn einen jemand um Hilfe bittet - eine Sache, die ich auch erst noch verinnerlichen muß. Aber ich bin auf einem guten Weg.
Genau wie Heinz habe ich aufgrund meines Werdegangs Probleme mit sozialen Kontakten außerhalb des Dunstkreises der Arbeitswelt. Zum Glück bin ich aber noch weit von der Rente entfernt, und habe außerdem noch mein Problem der falschen Prioritäten erkannt. Auch wenn ich noch nicht kurz vor der Rente stehe, habe ich dennoch ein Alter erreicht, in dem viele Chancen, Freunde zu gewinnen, unwiederbringlich verloren gegangen sind. Ich kann jedoch noch gegensteuern. Und genau das ist mein nächstes Ziel: Weg vom Geld scheffeln, und Reichtum anhäufen - hin zu einem Leben, in dem ich mich mit Dingen, und Menschen beschäftige, die mir eine mentale Befriedigung verschaffen. Eine Befriedigung, die mir das Arbeiten zwischenzeitlich nicht mehr in der ursprünglichen Art geben kann.
Ehrlich gesagt habe ich noch keinen Schimmer, wie ich das am besten anpacke. Ich habe jedoch schon ein paar Ideen-Pfeile in meinem Köcher, die ich in der nächsten Zeit abschießen werde. Es wird sicherlich nicht jeder Schuß ein Treffer werden. Aber wenn nur ein paar meiner Pfeile ihr Ziel erreichen, kann ich mich endlich aus meiner Tretmühle befreien. So wie Heinz werde ich nicht werden. Soviel ist sicher!
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