Was für ein Heuchler!
...werden sich jetzt wohl einige denken, die meinen ersten Post zu dem Thema soziale Netzwerke gelesen haben, und nun evtl. durch einen Link eines solchen Netzwerks auf meinen Blog gelangt sind. Vielleicht hast Du Dir den Blog angesehen, und mit einiger Verwunderung dort gelesen, daß ich noch vor gar nicht all zu langer Zeit (...um genau zu sein: Es war der 21.09.16, also gerade mal ein Monat her...) in dem ursprünglichen Post davon geschrieben habe, daß ich keine sozialen Netzwerke mehr sehen kann. Ich schrieb, daß ich mich bei GayRoyal abgemeldet habe, weil ich fände, daß die Menschen dort wie Waren gehandelt werden. Sich jeder dort zur Schau stellt, sich anbietet, und dabei die Wahrheit nach eigenen Vorstellungen zu seinem Vorteil verbiegt.Ja, gute Frage...warum habe ich mich wieder dort angemeldet? Und das, obwohl mir die ewigen Selfies doch eigentlich auf die Nerven gehen?
Die Lösung der Frage ist dabei vermutlich so einfach, wie peinlich: Ich bin neugierig! Irgendetwas treibt mich dazu. Und ich kann nicht beschreiben, was es ist. Es macht sich bei mir das Gefühl breit, das ich dort irgendwas finden werde. Irgendwas von Bedeutung. Dieses Gefühl ist genauso irrational und schlecht beschreibbar wie das Gefühl, daß mir gesagt hat, in meiner letzten, kurzen Beziehung stimmt irgendwas nicht. Auch da war es für mich nicht greifbar, was es eigentlich ist. Aber jetzt, da schon etwas Zeit vergangen ist, merke ich, daß diese Entscheidung richtig war.
Das gleiche "Irgendwas" sagt mir, daß die Entscheidung richtig war, wieder bei GR ein Profil zu erstellen. Ob mein Bauchgefühl stimmt, wird wohl die Zukunft zeigen.
Vielleicht ist es aber auch so, daß es kein Schicksal ist, das mich zu diesem Schritt getrieben hat, sondern einfach nur meine Hormone mal wieder verrückt spielen. Die ewige, unterbewußte Angst, ich könnte irgendwas verpassen, bevor ich als Greis in einem Rollstuhl sitze.
Soll ich Euch mal eine Geschichte über verpaßte Chancen in einem Leben erzählen? Es dreht sich um meine Eltern. Beide sind seit gefühlten 300 Jahren verheiratet. So wie es früher war, kurz nach dem Krieg, heirateten die Menschen schon nach einer kurzen Phase des kennenlernens. So auch meine Eltern. Geschuldet durch den Beruf meine Vaters, und der ewigen Jagd nach dem lieben Geld haben die beiden eher nebeneinander her gelebt, anstatt zusammen ihr Leben zu bestreiten. Diese Ehe bestand mehr aus Routine, als aus echter, wahrer Zuneigung, und war für mich immer das negativ-Beispiel, wie eine Partnerschaft nicht zu sein hat.
Als meine Mutter noch hellere Momente in Ihrem Leben hatte (...jetzt Demenz, ich berichtete bereits...) habe
ich mich mal in einer Bierlaune darüber mit meiner Mutter unterhalten. Sie war früher eine gute Zuhörerin, und viele Leute holten sich Ratschläge bei Ihr. Ich erzählte ihr, daß ich lieber mein Leben alleine verbringen werde, als eine Ehe zu führen wie meine Eltern. Sie war ein wenig geschockt, denn für sie schien eine solche Ehe ganz normal zu sein. So normal, wie bei vielen anderen Ehepaaren in ihrem Alter.
Ich erzählte ihr, daß ich auch noch nach Jahren, wenn ich morgens in meinem Bett aufwache, und ins Gesicht meines Freundes blicke, ich immer das Gefühl haben möchte, daß ich alles richtig gemacht habe. Meine Mutter kommentierte dies mit der Bemerkung, ich wäre ein hoffnungsloser Romantiker. War das nun ein Kompliment? Wie es auch gemeint war, sie hatte recht. Ich bin wohl ein hoffnungsloser Romantiker. Und ein Romantiker, der die Hoffnung nicht aufgegeben hat, irgendwann in der Zukunft doch noch DEN richtigen Typ kennen zu lernen.
Einer der vielen Sprichwörter, die angeblich immer so treffend komplizierte Lebens-Ereignisse kurz auf den Punkt bringen lautet:
"Es kommt nicht darauf an, wann man stirbt, sondern was man davor erlebt hat."
Ich glaube, daß das zumindest für die Menschen stimmt, die nicht gerade im Kindesalter ihr Leben abgeben müssen. Wie die meisten Sprichwörter beschreibt dieser kleine Satz nicht eine Sache, die bereits passiert ist, sondern soll dem Menschen, den man diesem Spruch mit auf den Weg gibt, eine Entscheidungshilfe, oder eine Stütze sein. Ein Hinweis darauf sein, das man nur einmal lebt, und verlorene Zeit nicht wieder gut machen kann. Gerade bei meinen Eltern wird mir dieser Umstand bewußt, da gerade meine Mutter mit den Entscheidungen ihres Lebens hadert, die sie gegen ihren eigenen Willen meinem Vaters zu Liebe getroffen hat, und damit nicht wirklich glücklich war. Je älter sie wurde, desto unzufriedener wurde sie mit den ganzen verpaßten schönen Momenten, die sie in ihrem Leben durch ihre eigenen Entscheidungen verpaßt hat.
Eine Frage stellt sich mir auch, wenn ich dieses Sprichwort lese.Wenn man sich auf Grund einer Krankheit, wie Alters-Demenz nicht mehr an seine Erlebnisse aus der Vergangenheit erinnern kann: Ist es dann nicht so für einen selbst, als hätte man nie gelebt?
Ich möchte nicht, daß es mir auch so geht. Ich möchte mich nicht im Alter über verpaßte Chancen ärgern. Über Dinge, die ich gerne gemacht hätte, und sie gegen meinen Willen, und aus Loyalität einem anderen Gegenüber dann doch nicht gemacht habe. Und vergessen möchte ich auch nichts aus meiner Vergangenheit, weder das Gute, noch das Schlechte.
Erlebnisse passieren in der Regel dann, wenn man die ausgetretenen Pfade seines Lebens verläßt, und sich aufmacht, Neues zu erkunden. Viele Menschen machen das nicht, und wundern sich dann, das ihr Leben so öde, und langweilig ist. Mich eingeschlossen. Ich bin kein Mensch, der Veränderungen liebt. Viel zu oft habe ich schlichtweg aus Angst vor Veränderung, oder aus Trägheit Dingen, die ich insgeheim eigentlich "erleben" wollte, nicht in Angriff genommen. Das muß aufhören! Innerer Schweinehund, geh schon mal in Deckung.
Eine Kontaktbörse scheint mir ideal geeignet, zu sein, den o. g. Punkten entgegen zu wirken. Neues erleben. Neue Menschen kennenlernen. Wenn es auch traurige Erlebnisse geben wird, und ich zukünftig mit sozialen Netzwerken kritisch umgehen werde, so werde ich dadurch aber auch bestimmt Dinge erleben, die ich so wohl nicht erlebt hätte. Ich bin gespannt...
Hoffentlich werde ich mich im Alter noch an all diese Dinge erinnern können, und nicht als Mensch enden, der auf Grund von nicht mehr vorhandenen Erinnerungen offentsichtlich nie existiert hat.
Foto im Text:
GerdZ, "Memories"
http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
Alle Bilder stammen aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen