Mittwoch, 7. September 2016

Dünne haben´s auch nicht leicht

Die in der breiten Masse vorherrschende Meinung ist, daß dünne Menschen durch die fehlende Körpermasse ein schöneres, und angenehmeres Leben haben. Darum läßt kein Werbemedium eine Gelegenheit aus, uns auf ein dünnes Normmaß zu kalibrieren. Und, Herdentrieb sei Dank, folgen wir dem Schönheitsideal, so gut wie es uns möglich ist. Diskonter verdienen sich eine goldene Nase mit Sport-Klamotten. Light-Produkte, die uns bekanntlicherweise beim abnehmen, oder zumindest beim Gewicht halten, nicht helfen, werden dennoch gerne konsumiert. Fitness-Studios schießen wie Pilze aus dem Boden. Und überall sieht man Menschen mit knallbunter, hautenger Sportbekleidung durch die Gegend walken, joggen, und biken.



Die Frage die bleibt: Was bringt einem der Körperkult tatsächlich?


Zugegeben gibt es natürlich auch eine gewisse Anzahl an Menschen, die diesen sportlichen Ausgleich brauchen. Ein Ausgleich zu ihrem Alltag, der sie Minimum 8 Stunden an einen Bürostuhl fesselt. Und auch genug Leute umgeben uns, für die der Körperkult tatsächlich ein Kult ist. Ein Hobby, wie für andere Modelleisenbahn, oder Computerspiele. Jedes verlorene Gramm Fett, und jeder Zentimeter mehr an Muskelumfang setzt bei diesen Menschen Glückshormone frei. Und das ist auch gut so.

Den positiven Effekt, den regelmäßiger Sport für den Körper hat, kann man nicht abstreiten. Das gebe ich gerne zu. Das wurde schon in unzähligen Studien bewiesen. Um das geht es mir allerdings auch gar nicht. Ich rede hier von dem Drang zur Perfektion.

Was ist mit den Menschen, die sich mit Sport quälen, um sich dem momentanen Stereotyps des erfolgreichen, jungen, und trendigen Erwachsenen anzunähern? Ja, Euch meine ich! Die von Euch, die nicht mit einem Lächeln auf dem Gesicht durch die Botanik rennen. Die, die mit verbissenem Gesichtsausdruck auf dem viel zu harten Fahrradsattel sitzen, und sich die Seele aus dem Leib radeln. Stellt ihr Euch nicht die Frage: "Warum das alles?" Fühlt ihr Euch wirklich besser, wenn sich euer Körper in das gottesgleiche Bild eines Adonis verwandelt?

Diese Fragen habe ich mir heute beim Frühstück gestellt. 


Vor mir auf dem Tisch lag (...mal wieder...) einer dieser Frischwurstaufschnitte, die man in der Kühltheke jedes gut sortierten Supermarktes findet. Von der oberen Aufreißfolie strahlte mich ein Mann mit einem breiten Grinsen an. Zwar nur gezeichnet, aber unverkennbar ein Metzger. Und zwar so einer, wie man sich einen Metzger vorstellt: Mit rundem Gesicht, und leichtem Doppelkinn, dicken Unterarmen, und einem verschmitzten Lächeln.
Warum nur, habe ich mich gefragt, sind die Entwickler dieser Verpackung nicht auf die Idee gekommen, einen durchtrainierten, muskulösen Mann auf der Oberfolie der Wurstpackung zu verewigen?


Nachdem ich den ganzen Tag drüber nach gedacht habe, denke ich, bin ich auf die Lösung gekommen:

Dünne Menschen merkt man sich schlechter!

Ja, tatsächlich! Genau das habe ich auch schon in Live, also ohne zu Hilfenahme einer Wurstpackung erleben dürfen. Und das nicht nur einmal.
Einer meiner früheren Freunde war, wie nicht anders zu erwarten, eine richtige Wuchtbrumme. Beide haben wir in einem fremden Ort eine Bäckerei besucht, und beide haben wir für einen Nachmittags-Kaffee dort Kuchen gekauft. Gleichzeitig. Wir waren ja ein Paar. Am nächsten Tag war ich alleine dort, Frühstücksbrötchen besorgen, und wurde gleich von der Verkäuferin angesprochen, ob ich meinen Freund heute daheim vergesse habe. Ich vergewissere Euch: Wenn mein Freund alleine da gewesen wäre, hätte sich die Verkäuferin nicht an mich erinnert, und vermutlich auch nicht nach mir gefragt.

Fakt ist, daß dicke Menschen, oder besser gesagt dicke Männer, eine Aura aus Stärke, einer gewissen Dominanz und Souveränität, und einer gelassenen Gemütlichkeit umgibt, die sie als Sympathie-Träger aus der Masse heraus hebt. Die Augen vieler Leute sind zwischenzeitlich gelangweilt von den immer gleich gesichtigen Tom-Cruise-Imitaten, den immer gleich perfekten Six-Packs, den rasierten Brüsten, und adretten Frisuren. Diese Augen sehnen sich nach außergewöhnlichen Bildern. Nach dem Blickfang in der Menge.
Und das macht sich die Werbung zu nutze. Dreht sich´s um Essen und Nahrungsmittel, werden die Dicken aus der Schublade geholt.

Manchmal werde ich auch das Gefühl nicht los, daß die oben bereits erwähnte Personengruppe der "angehenden, vermeintlichen Schönlinge" dicke Menschen deswegen so verachtet, weil diese sich an den Dingen des Lebens erfreuen, die von den Adonis-Anwärtern in ihrer Selbst-Kasteiung verweigert werden. Stimmt das tatsächlich? Und ist das vielleicht genau der Punkt?

Was macht ein Leben lebenswert?


Ist es tatsächlich das Streben nach Perfektion? Oder gibt nicht das unperfekt sein, das "auch-mal-einem-Wusch-nachgeben", das "sich-was-gönnen" dem Leben erst die richtige Würze? Sind es nicht genau diese Erlebnisse, an die wir uns auch nach Jahren noch erinnern?
Damals, zum Beispiel, wo wir so einen Rausch im Gesicht hatten, daß wir nicht mehr wußten, wie wir nach Hause gekommen sind? Oder die Völlerei an Tante Trudes Geburtstag, wo es so heiß war, daß man es kaum ausgehalten hat. Und wo die Erdbeertorte einfach einmalig gut geschmeckt hat, so gut, wie niemals später wieder? Oder da, wo wir uns wider aller Vernunft doch dazu entschlossen haben, uns ein Motorrad zu kaufen, auch wenn´s aus finanzieller Sicht ein absoluter Schwachsinn war? Und wir damit an den Gardasee gefahren sind, und den Urlaub unseres Lebens hatten?
Oder erinnern wir uns Jahre danach eher an die Plagerei im Fitness-Studio von letztem Donnerstag?

...ich würde vorschlagen, entscheidet selbst...




Foto im Text:
Colin Grey, "Four People"
http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
Alle Bilder stammen aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de

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