Könnt Ihr Euch noch erinnern, wie es sich an gefühlt hat, wenn Ihr als kleines Kind mit Euren Eltern auf dem Rummel, oder beim Einkaufen wart, und plötzlich die Eltern weg waren? Wie vom Erdboden verschluckt, im Menschengetümmel verschollen, oder zwischen den Regalen unsichtbar geworden. Plötzlich wart Ihr alleine. Und zwar ganz allein! Keiner mehr da, der auf Euch aufpaßt. Und Euer Mut, den Ihr noch hattet, waren Eure Eltern noch zugegen, weicht plötzlich einer extensiellen Angst. Dann einer Panik! Wo sind meine Eltern? Haben Sie mich hier vergessen? Einfach so? Mich alleine gelassen, zwischen lauter fremden Leuten? Was wird sein, wenn sie nicht mehr auftauchen? Werde ich im Supermarkt schlafen müssen? Oder noch schlimmer: Kommt die Polizei und holt mich, und ich muß in einer kalten, dunklen Zelle schlafen? Kein leckeres Abendbrot? Kein Gute-Nacht-Kuss von der Mama? Kein Kuscheltier?Panik, Panik, Paaannnniiikkk!!!
Wenn einem so was als Kind widerfahren ist, weiß man, daß irgendwann mal eine nette Frau, oder ein netter Mann vorbeikommt, die/der einen dann wie ein Häufchen Elend wild schluchzend zwischen den Regalen im Supermarkt findet, und meist mit der Phrase: "Ja, wo gehörst denn Du hin?" anspricht. Und als Kind weiß man natürlich genau, wo man hin gehört: Zu Mama und Papa, zu seinen Geschwistern, zu seiner Familie. So war es natürlich auch bei mir.
Und würde Dein Leben in etwa so verlaufen, wie meines bisher, würde es wohl so weitergehen...
Das Rad der Zeit dreht sich....
....und plötzlich bist Du Teenager. Und wieder die Frage: "Wo gehörst Du jetzt hin?"
Da Du zwischenzeitlich weißt, daß Du in Bezug auf die Auswahl Deiner Partner nicht so tickst wie die anderen Kinder in der Schule, gehst Du zu Deinen Mitschülern auf Abstand. Zu groß ist die Angst, daß jemand merken könnte, daß Du nicht der Norm entsprichst. Auch Deine Freizeit-Aktivitäten beschränken sich auf nicht verpflichtende Treffen mit Klassenkameraden. Nur nicht in irgendeinen Verein gehen, wo Dein gut gehütetes Geheimnis durch irgendeinen dummen Zufall ans Tageslicht kommt. So richtig dazugehörig fühlst Du Dich hier nicht, weder in der Schule, noch bei Deinen Mitschülern.
Auf Deine Eltern möchtest Du am liebsten in dieser Zeit auch verzichten. Die gehen einem nur auf die Nerven, und stören einen dabei, sich selbst auszuprobieren. Sei es mit Alkohol, Zigaretten, Freundinnen und Freunden. Doch auch das alles ist natürlich Jammern auf hohem Niveau, denn wer, wenn nicht Deine Eltern zahlen auch weiterhin Deine Rechnungen, kümmern sich ums Geld, ums Essen, Deine Klamotten, und passen auf, daß Du bei Deinen Selbsterfahrungs-Experimenten nicht total unter die Räder kommst. Du hast immer noch einen Heimathafen, den Du ansteuern kannst, wenn Du nicht mehr weiter weißt. Ein Zuhause, einen Felsen in der Brandung, den berühmten letzten Strohhalm. Und auch wenn Du es nicht wahrhaben willst, und Du es bei einer Frage vermutlich aus Trotz verneinen würdest, so müßest Du Dir doch eingestehen, daß Dir Deine Familie immer noch von allen Dingen, am Wichtigsten ist.
...und das Rad der Zeit dreht sich weiter....
...und plötzlich bist Du Erwachsen. Und wieder die Frage: "Wo gehörst Du jetzt hin?"
Deine Eltern sind zwischenzeitlich entweder verstorben, im Altenheim, oder haben Dich vor die Tür gesetzt, als sie erfahren haben, daß Du zu einem "Hinterlader" mutiert bist.
Zu Deinen Arbeitskollegen hältst Du den gleichen Abstand, wie damals zu Deinen Schulfreunden. Immer noch dürfen nur ausgewählte Personen wissen, wie Du tickst. Klar, Du könntest natürlich wie viele andere, die Welt daran Anteil nehmen lassen, das Du als Mann mit einem Mann zusammen bist, aber Deine bisherigen Erfahrungen haben Dir gezeigt, daß es müßig ist, andere über Dich aufzuklären. Schau Dir doch nur mal die Welt an, wie sie jetzt ist. Ein schöner Beweis dafür, daß zumindest über die Hälfte der angeblich doch so hochentwickelten Spezies Mensch nicht mehr Hirn hat als eine Amöbe. Also zu den gehörst Du sicherlich nicht!
Was aber auch nicht so schlimm ist, da Du Dir zwischenzeitlich ein neues "Zuhause" aufgebaut hast. Du hast DEN (!) Mann Deines Lebens getroffen. Du lebst jetzt selbstbestimmt zusammen mit Deinem Partner in einer schicken Wohnung, genug Geld ist auch da, alle sind gesund und munter. Dein Partner ist fest in Deine restliche Familie integriert, und Ihr besucht zusammen Familienfeiern, wie Geburtstage, oder Hochzeiten. Ihr seid gerne gesehene Gäste, weil Ihr so lustig seid.
Und ganz, ganz wichtig: Wird über Dich geredet, heißt es jetzt nicht mehr "...Du, und wir haben den Hans zur Hochzeit eingeladen...", sondern ab jetzt heißt es immer "...Du, wir haben den Hans & den Franz zur Hochzeit eingeladen...". Dich als Einzelperson gibt es nicht mehr. Es gibt Dich nur noch in Verbindung mit einem anderen Namen - dem Namen Deines "Ein & Alles"!
Du hast ein paar Bekannte, denen es vollkommen wurscht ist, das Du schwul bist. Und von den Dir bekannten, oberflächlichen Tunten sind eine handvoll Männer übrig geblieben, die Dich tatsächlich als Freund (...also nur als "Freund"...) zu schätzen scheinen.
Du weißt, Du bist angekommen. Da, wo alle, wirklich ALLE, egal ob Mann, oder Frau, hin wollen!
Ja tatsächlich: Du hast Dich abgenabelt, hast Deine eigene, kleine Familie. Du gehörst jetzt zur Gruppe der jungen Erwachsenen, und die Welt liegt Dir zu Füßen - na ja, fast vielleicht!
DAAA gehörst Du jetzt hin, und Dein Umfeld, daß über Dich Bescheid weiß, weiß auch, daß es so ist. Ist das nicht schön? Nein, es ist nicht nur schön, es ist PERFEKT!
...doch das Rad der Zeit dreht sich weiter....
...und Du kommst in Jahre. Du wirst von den jungen Erwachsenen zwischenzeitlich "geSIEtst", bekommst die ersten grauen Haare, und die ersten Fältchen im Gesicht. Unerwartet passiert etwas, mit dem keiner gerechnet hat. Etwas, das Dein perfektes Leben aus dem Gleichgewicht bringt. Und es muß noch nicht mal eine Midlife-Crises sein. Stell Dir vor, Dein Partner trennt sich von Dir, stirbt, oder Du trennst Dich von Deinem Partner.
Und wieder mal die Frage: "Wo gehörst Du jetzt hin?"
Die hetero-Bekannten, die Du noch als junger Erwachsener hattest, sind in der Zwischenzeit selbst Väter und Mütter geworden. Die Interessen, die man vorher miteinander geteilt hat, müssen sich Baby-Brei, und vollgeschissenen Windeln unterordnen. Und wenn Du nicht gerade einen Faible für Kinder hast, werden diese unterschiedlichen Interessensgebiete dazu führen, daß der Kontakt zu diesen Menschen weniger wird, und im schlechtesten Fall komplett einschläft. Ergo: Da gehörst Du schon mal nicht hin!
Und der schwule Bekanntenkreis? Auch bei diesen Leuten hat das Nest-bauen begonnen, und selbst die Wenigen, die jetzt nicht in festen Partnerschaften stecken, versuchen verzweifelt, eben eine solche zu ergattern - koste es, was es wolle! Denn jeder will dazu gehören, zum elitären Kreis der Verheirateten, oder Verpartnerten, der Kinder-, und/oder Katzen-Besitzer, der Doppelhaus-Hälften-Besitzer. Gehörst Du da jetzt dazu? Ich glaube nicht!
Da stehst Du also. Als gewollter, oder auch ungewollter, neu generierter Wieder-Single. Du bist nicht mehr "der Hans, und der....", sondern Du bist wieder nur "der Hans". Und wenn Du jetzt zu einer Feierlichkeit eingeladen wirst, ob aus Verpflichtung, oder weil man Dich tatsächlich immer noch gerne hat,
so wirst Du Dich wie das fünfte Rad am Wagen fühlen. Denn Du bist der Einzige, der zu solchen Feiern alleine geht. Wenn Du Dich auf der Feier langweilst, wirst Du keinen haben, mit dem Du über die anderen Gäste lästern kannst. Du kannst Dir dann nicht mal gepflegt die Kante geben, da Du ja noch mit dem Auto fahren mußt, und Du jetzt keinen leibeigenen Chauffeur mehr an Deiner Seite hast.
Selbst wenn Du dann doch irgendwann mal wieder jemanden kennen lernst, wirst Du Dir die Frage stellen, ob es überhaupt Sinn macht, diesen Jemand Deinen Eltern, Geschwistern, oder noch verbliebenen Freunden, vorzustellen.
Denn Du lebst jetzt immer in der Angst, daß auch dieser Jemand so schnell von der Bildfläche verschwinden wird, wie er aufgetaucht ist. Oder Du spürst vielleicht, das dieser Jemand nicht das Vacuum ausfüllen kann, das in Deinem Innern herrscht. Und Du weißt, daß Dein Leben nicht mehr so perfekt werden wird, wie es einmal war, als Du noch jünger warst. Und somit trennst Du Dich wieder von Deinem neuen Partner, immer in der Hoffnung, wieder DEN (!) Mann Deines Lebens zu treffen, der Dein Leben wieder ausfüllt.
Tja...und wenn Du Pech hast, bleibst Du dann für den Rest Deines Lebens allein.
! Genau jetzt wird Dir bewußt, wie wichtig es ist, irgendwo dazu zu gehören !
Es wird Dir so bewußt, wie damals, als Du als Kind im Supermarkt Deine Eltern verloren hast. Und vielleicht stellst Du Dir die Frage, die ich mir zur Zeit oft Stelle, nämlich: welchen Sinn macht das Leben eigentlich, wenn man nicht weiß, wo man hin gehört?
Foto im Text:
Vinoth Chandar , "The lonely walk"
http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
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