Montag, 8. August 2016

Das Muttermal

...oder auch: Warum wir so wie unsere Eltern werden, obwohl wir es nicht wollen - ein Erklärungsversuch.

Kennt jemand von Euch den Spruch: Ein Muttermal, ein Muttermal! Das hatte meine Mutter mal...
Zugegebenerweise nicht besonders geistreich. Aber es beschreibt eine Sache, die man nicht wegleugnen kann: Jeder Mensch ist das Ergebnis aus der Verbindung von einem Mann und einer Frau. Sozusagen der Auszug zweier Personen plus einer Prise eigener Identität.

Und die eigene Identität möchte oft nicht die Eigenschaften bei sich selbst ans Tageslicht kommen lassen, die einem mit in die Wiege gelegt worden sind. Eigenschaften, die man als Teenager bei seinen Erzeugern sieht, und meist zu diesem Zeitpunkt haßt.
Eigenschaften wie Zahnfehlstellungen, krumme Finger, dünnes Haar, oder auch die Gabe, sich Zahlen, oder Gesichter nicht merken zu können. Die cholerische Art des Vaters, oder die Gleichgültigkeit der Mutter.


Als ich noch ein Teenager war, wollte ich vieles das, was mir meine Eltern vorgelebt haben, unter keinen Umständen so machen. Sei es eine Ehe führen, bei der die Ehepartner statt miteinander, eher nebeneinander her leben. Oder einen Job zu haben wie mein Vater, der als Bäcker mitten in der Nacht aufstehen mußte, um im wahrsten Sinne des Wortes, seine Brötchen für uns zu verdienen. Ich wollte nicht so einen Putzfimmel entwickeln wie meine Mutter. Wollte nicht, daß mein Leben nur aus Arbeit besteht. Wollte nicht einen Bierbauch bekommen wie mein Dad, oder Kurzsichtig werden wie meine Mam.

Als Mitvierziger muß ich nun allerdings erkennen, daß, obwohl ich viele dieser Dinge nicht wollte, diese trotz alle dem eingetreten sind.
Mr. Spock würde das wohl als "faszinierend" bezeichnen. Ich persönlich finde es allerdings eher verstörend, wie sich das Leben offensichtlich einen Scherz daraus macht, einem mit der Zeit seinen Eltern immer ähnlicher werden zu lassen. Und je älter ich werde, desto mehr glaube ich, daß gerade die negativen Gene der Eltern immer mehr hervor zu treten scheinen, je älter man selbst wird.

Sind es wirklich die vererbten Gene, die einen wie eine tickende Zeitbombe, mit der Zeit immer mehr zu einem Abklatsch seiner Eltern mutieren lassen? Oder sind es vielmehr anerzogene Verhaltensweisen, die einem bewußt, oder unterbewußt in der eigenen Entwicklung steuern? Oder ist das alles einfach nur Zufall?

Bei mir sind schon erschreckend viele von den o. g. Dingen eingetreten. Bei körperlichen Gegebenheiten, wie Kurzsichtigkeit, Geheimratsecken, oder einem Hang zu Schweißfüßen sind sicherlich die Gene schuld - keine Frage. Meinen bereits beginnenden Bierbauch könnte man auch noch auf die Stoffwechseländerung im Alter schieben.
Aber warum zum Henker habe ich auch einen Job, bei dem ich in der Tiefschlafphase aus dem Bett springen muß, obwohl ich das nie wollte? Oder warum hatte ich bisher bei der Auswahl meiner Partner offensichtlich auch nicht sooo ein glückliches Händchen? Oder warum mache ich in der Beziehung die gleichen Fehler, wie ich sie bei meinen Eltern schon so oft gesehen habe?
Das hat sicherlich nix mit Genen zu tun, da bin ich mir ziemlich sicher! Ich glaube, daß viele von diesen Eigenschaften von unserem Unterbewußtsein in unserer Kindheit wie von einem Schwamm aufgesaugt werden. Und beim Eintreten des jeweiligen Ereignisses im Leben werden diese Infos dann genauso unterbewußt aus diesem Schwamm wieder heraus gepreßt, und treten in Aktion, ohne das wir es wollen. Das ist echt gruselig!
Erklärt aber auch, warum offensichtlich z. B. Frauen, welche in ihrer Kindheit vom Vater geschlagen worden sind, nicht selten auch einen gewalttätigen Mann heiraten.

Gerade weil ich z. Zt. dem geistigen Verfall meiner Eltern beiwohnen muß, kann ich auf Grund meiner derzeitigen Beobachtungen wohl auch davon ausgehen, daß auch bei mir irgendwann in der Zukunft der Zeitpunkt kommen wird, wo mein Hirn nur noch als reine Kopf-Füllung zu gebrauchen ist. Schöne Aussichten! So macht älter werden Spaß...

Literatur gibt´s zu diesem Thema auch schon: Dr. Silvia Dirnberger-Puchner hat zu dem Thema ein Buch verfaßt, in dem es um die elterliche Prägung geht, und offensichtlich auch darum, wie Menschen, die unter dieser Prägung leiden, diese wieder los werden können.



Foto im Text:
Divi-ded, "behütet."
http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de


Alle Bilder stammen aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de

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