Nein, daß hier ist wahrlich kein politischer Blog. Normalerweise ist es mir zuwider, mich über Politik öffentlich auszulassen. In der Gegenwart ist es eine müßige Angelegenheit, sich mit jemanden über verschiedene, politische Positionen zu unterhalten, geschweige denn zu versuchen, denjenigen von dem eigenen Standpunkt zu überzeugen. Wenn wir ehrlich sind, haben wir in der Zwischenzeit eine Evolutionsstufe erreicht, in der jeder das glaubt, was er/sie glauben möchte, und das ganz unabhängig von handfesten, und belegbaren Fakten. Warum also sollte ich mir die Arbeit machen, hier etwas über Politik zu schreiben? Die Antwort nach dieser Bundestagswahl ist einfach: Weil es mich umtreibt!
Vor fünf Jahren sind leider meine Eltern verstorben. Die beiden haben hautnah die Härte der Nachkriegsjahre miterlebt. Sie wuchsen gleich nach der schrecklichen Zeit auf, in der ein halbwegs funktionierender Staat immer mehr ins Verderben abrutschte, und Millionen Menschen ins Elend gestürzt wurden. Ihnen war klar, daß sich so etwas nicht wiederholen darf. Bestimmt auch deswegen haben sie uns, Ihren Kindern, von den entbehrungsreichen Jahren erzählt. Um uns zu zeigen, wie unbeschwert unsere Kindheit in den 70er-80er Jahren war. Als Erinnerung daran, das nichts im Leben garantiert und sicher ist, und sich quasi über Nacht ein Leben komplett ändern kann, wenn wir als Gesellschaft nicht aufmerksam, und vorsichtig sind. Es war eine Wissensvermittlung, die aufgrund der persönlichen Schilderungen authentisch, und frei von allen Zweifeln war, und bis heute bei mir nachwirkt. Überdies hat sich bei mir im Laufe der Zeit, vermutlich bedingt durch das steigende Alter, wie von selbst Interesse an der Geschichte meines Heimatlandes entwickelt, weswegen ich nicht selten bei aufkommenden Fragen Informationen meist über das Internet abrufe. Wie toll es doch ist, über diese Technik so einfach an sachliche Fakten zu kommen. Findet Ihr nicht auch?
Gerade deswegen, weil ich aus erster Hand, von meinen Eltern, erzählt bekam, wie sich schleichend das Böse in eine Gemeinschaft einnisten kann, sehe ich die derzeitige Entwicklung bei uns mit großer Sorge. Ich denke, da bin ich nicht der Einzige. Die Demonstationen gegen Rechts, die vor der Bundestagswahl mit tausenden Teilnehmern in großen, deutschen Städten stattfanden, sprechen Bände. Dennoch hat eine Partei, die in weiten Teilen gesichert rechtsextrem ist, so hohe Zustimmungswerte in der Bevölkerung, wie noch nie. Wer sich das oben Geschriebene durchgelesen hat, wird nicht verwundert sein, warum ich diese Entwicklung mit höchster Sorge verfolge. Vor allem auch deswegen, weil ich es mir nicht erklären kann, was Menschen bewegt, eine Partei wie die AfD zu wählen. Wie bei vielen anderen Dingen, versuche ich mir zu erklären, warum diese für mich nicht nachvollziehbare Entwicklung stattfindet, und wo sie vermutlich enden wird, wenn sich in unserer Gesellschaft nichts zum Positiven ändert.
Der Osten
Gerade in den neuen Bundesländern findet die AfD sehr hohe Zuspruchswerte. Offenbar finden die Argumente für einen Politikwechsel, oder besser gesagt, einen gesellschaftlichen Umbruch, hier besonderes Gehör. Der Grund liegt meiner Meinung nach in der Geschichte von Ostdeutschland. Die Bevölkerung dort ist gezeichnet von den Folgen der nationalsozialistischen, und der sozialistisch-kommunistischen, jahrzehnte andauernden Herrschaft einer radikalen Minderheit, welche die Menschen mit einem Angstregime gegängelt, und zur Unselbstständigkeit erzogen hat. Viele Menschen dort haben nach dem Mauerfall ihren Kompass des Lebens, ihre Richtschnur dafür, was Gut, was Böse, was zu tun und zu lassen ist, verloren, und fühlen sich augenscheinlich von der vielleicht erstmals erlebten Freiheit überfordert. Sein Leben selbstbestimmt in die Hand zu nehmen, ist natürlich schwerer, als einer Vorgabe einer Obrigkeit zu folgen, auch wenn sich diese zum eigenen Nachteil auswirkt. Ich habe das Gefühl, daß sich gerade in Ostdeutschland viele Leute nach einer starken Führungspersönlichkeit sehnen, die ihr jetzt gefühlt unstrukturiertes Leben in dieser chaotisch wirkenden Welt wieder in gerade, leicht durchschaubare, und einfache Bahnen lenkt - auch, wenn sie dafür das Risiko eingehen, eventuell wieder große Teile ihrer Freiheit opfern müssen.
Als ein in Westdeutschland aufgewachsener Mann ist mir diese Denke fremd. Ich weiß, daß in erster Linie ich selbst für mich verantwortlich bin, und nicht eine übergeordnete, staatliche Institution. Ob ich etwas aus meinem Leben mache, liegt ganz alleine an mir. Denn hier in Deutschland haben fast alle Menschen das Glück, daß ihnen sämtliche Möglichkeit für ein selbstbestimmtes Leben offen stehen. Auch, wenn ich natürlich nicht alles gutheiße, was seitens der Politik entschieden wird, so bin ich im Großen und Ganzen sehr zufrieden, ein Teil Deutschlands zu sein, und hier leben zu dürfen. Dieses ewige Gejammer, und die dauernden Rufe nach dem Staat gehen mir ehrlich gesagt richtig auf die Nerven. Andere für seine eigene Unfähigkeit, sein Leben zu ändern, verantwortlich zu machen, finde ich armseelig. Vor allem auch deswegen, weil auch die Menschen im Osten einen Lebensstandart besitzen, für den uns 95% der restlichen Weltbevölkerung beneidet - daher auch der Wunsch vieler Menschen aus fernen Ländern, hier bei uns ein glücklicheres Leben beschreiten zu können. Das alleine ist der Beweis dafür, wie gut es uns hier geht. Eine Tatsache, die offenkundig von vielen Mitbürgern ausgeblendet, und von Populisten schlecht geredet wird.
Generationenvergesslichkeit
Die nach mir kommenden Generationen haben oft nicht mehr das Privileg, aus ersten Hand, und hautnah erzählt zu bekommen, wie sich eine Gesellschaft bis zur einer Apokalypse verschlechtern kann. Dabei kann man das gerade live in den Medien verfolgen, sieht man sich die derzeitige Entwicklung in den USA an. Ich habe den Eindruck, daß für viele jüngere Menschen Erzählungen vom Krieg nicht anderes sind, als ein weiterer, gruseliger Sensations-Schocker. Ein Film, der jedoch nicht ins Bewußtsein dringt, sondern an der seichten Oberfläche des Geistes schwimmt wie die Nachwehen eines jeden Blockbusters, dessen Handlung man vergessen hat, sobald neuer Input das Gehirn über die Netzhaut flutet. Doch so funktioniert verinnerlichen nicht!
Somit ist es für jüngere Leute oft nicht nachvollziehbar, was daran so schlimm sein soll, wenn Personen mit extremen, politischen Einstellungen in einer Gesellschaft Verantwortung übernehmen - und sei es "nur" der Posten eines Bürgermeisters. Die Tragweite, die solche Ereignisse auf ein ganzes Land haben können, bleiben den Youngsten meist verborgen. Vermutlich auch deswegen, weil es einfach anstrengend sein kann, sich über solche Dinge Gedanken zu machen, wo es doch so viel Wichtigeres, wie zum Beispiel den aktuellen PrimeDay bei Amazon, gibt. Politiker wissen das. Populisten wissen das besser. Sie nutzen diese Unlust jüngerer Leute schamlos aus, und fluten diese Gehirne mit knalligen, kurzen, und prägnaten Slogans via sogenannter sozialer Medien alá TicToc. Das es bei komplexen Problemen keinen einfachen Antworten gibt, sollte logisch sein. Es gilt, sich mit vielen Leuten zu einigen, Kompromisse zu suchen, die dann vielleicht nicht zu hundert Prozent die eigenen Meinung wiederspiegeln. Das dauert, und ist anstrengend. Aber so ist das nun Mal, wenn man das Glück hat, in einer Demokratie leben zu dürfen. Das wird gerade von jungen Menschen oft vergessen - sofern ihnen das voher natürlich jemand beigebracht hat. Ich hoffe, die Eltern, und die Schulen vermitteln noch dieses Wissen. Sicher bin ich mir jedoch nicht.
Das verdammte Internet
Hilfe bekommen die Hetzer der heutigen Zeit durch die voranschreitende Technik. KI, und das Internet machen es der Desinformations-Industrie besonders leicht, ihre Unwahrheiten unter das Volk zu streuen. Dabei hätte JEDER (!) genau über diese Technik die Möglichkeit, sich über alle Themenbereiche des menschlichen Lebens umfassend, sachlich, und differenziert zu informieren. Offenbar belohnt das Glückszentrum des Gehirns Menschen jedoch beim konsumieren eines KI-generierten Hetz-Videos, und nicht beim Lesen der Süddeutschen Zeitung. Was im dritten Reich die Desinformation mangels vorhandener, oder regimegesteuerter Medien war, ist nun eine unendliche Informationsflut, die von selbst lernenden Algorithmen die Nutzer immer tiefer in ihre eigene Denkblase lenkt. Nie war es leichter, griffige Falschmeldungen unters Volk zu streuen. Viele Menschen werden von der schieren Menge der Informationen überfordert, oder sie haben keine Energie, ihren durchgetakteten Alltag auch noch mit der Auswahl, der Aufnahme, und Verarbeitung der vielen Meldungen zu belasten. Das alles ist menschlich, und für mich nachvollziehbar. Warum sich manche jedoch bei wichtigen Entscheidungen (...also, ich meine wirklich wichtige Entscheidungen...) trotzdem nicht die Mühe machen, eine Sache vorher von allen möglichen Seiten zu beleuchten, wird mir persönlich immer ein Rätsel bleiben. Gerade in den letzten Jahren, in denen man bei Interesse fast live mitverfolgen kann, was das Werk von Populisten anrichtet (Stichwort Brexit, Trump, Bolsonaro, etc.), ist es mir schleierhaft, warum immer noch ein Trend hin zu Autokratien auf der Welt, und gerade auch bei uns, zu beobachten ist.
So viele gute Seiten die neuen Medien auch bieten, so groß sind jedoch auch die Gefahren, die immer mehr von ihnen ausgehen. Manche Länder wie Irland haben das bereits erkannt, und versuche zumindest ihre Kinder unter 12 Jahren durch ein Handy-Verbot vor dieser Entwicklung zu schützen. Eine gute Idee!
Unzufriedenheit
Populisten der Neuzeit verstehen sich offenbar hervoragend darauf, andere Menschen dazu zu bringen, unzufrieden mit ihrer jetzigen Situation zu sein. In der Gegenwart eine Gefühlsregung, die ich bei uns in Deutschland zu einem großen Teil nicht nachvollziehen kann. Leben wir doch im Vegleich zu den meisten anderen Völkern dieser Erde wie die Made im Speck! Oft hört man, daß die Menschen früher, also gleich nach dem Krieg, zufriedener mit ihrem Leben waren. Ich denke, daß ist eine Folge des "Startpunktes". Wenn man eine schwere, extensielle Krise durchstehen mußte, ist vermutlich jeder Mensch geleutert, und mit dem Wenigen zufrieden, dass einem das Leben bietet. Die hier in Deutschland zu beobachtende Unzufriedenheit ist meiner Meinung nach nichts anderes als ein Zeichen der Dekadenz. Ein faktisch nicht nachvollziehbares Gefühl, daß von Hetzern befeuert, und bei verschiedenen Personongruppen kanalisiert wird. Egal, ob es Schwule, Transen, Juden, Asylanten, Rentner, die "Grünen" sind - jeden kann man für seine eigene, meist selbst herbeigeführte Unzufriedenheit mit dem eigenen Sein verantwortliche machen. Dabei wäre es das einfachste, und effektivste, einfach die Schuld bei sich selbst zu suchen, und sich die Frage zu stellen, ob das eigene Leben denn wirklich so bemitleidenswert mies ist, wie man es sich von anderen gerne einreden läßt.
In der Regel geht es bei der Unzufriedenheit oft um das liebe Geld, daß natürlich immer in nicht ausreichender Menge zur Verfügung steht. Ich bin der Meinung, daß hier ein grundlegendes Umdenken stattfinden muß. Anstatt sich selbst dafür zu bemitleiden, daß die eigene Kohle nicht mehr für drei Urlaube im Jahr ausreicht, weil die Gesellschaft zum Beispiel mehr Geld für den Umweltschutz ausgeben muß (...ja, das müssen wir wirklich!), sollte man wieder zurück zu den Wurzeln des Geldverdienens kommen. Zu einer Einstellung, die bei vielen armen Weltbürgern Gang und Gebe ist, nämlich: Das Geld in erster Linie dafür da ist, daß man ein Dach über dem Kopf hat, und genug zu Essen. Solange diese beiden Basis-Bedürfnisse mit dem zur Verfügung stehenden Kapital befriedigt werden können, sollte meiner Meinung nach kein Grund dafür vorhanden sein, sich über irgend etwas zu beschweren. Das es für viele Menschen schwer ist, mit dem eigenen Geld auszukommen, ist mir natürlich auch bewußt. Wie gut, daß einen der Staat jedoch in der Regel niemanden verhungern läßt, oder?
Fazit
Ich bin nicht naiv. Ich weiß, daß das, was ich hier schreibe, überhaupt keinen Einfluß auf irgendjemanden hat. Aber es tut gut, sich diesen gesammelten Mist einfach einmal von der Seele schreiben zu können.
Nachdem ich das Wahlergebnis am Sonntag sah, habe ich leider meine Hoffnung begraben, daß wir als Gesellschaft doch noch das Ruder herumreißen werden. Ich denke, spätestens nach der nächsten Bundestagswahl werden wir in Deutschland in einem Alptraum aufwachen, wenn uns nicht vorher schon die neue Regierung in den USA, und die alte in Russland, der Klimawandel, oder ein neuer Virus aus Asien in unserem Wohlfühldenken stört. Es heißt ja, daß die Hoffnung zuletzt stirbt. Was Viele jedoch dabei vergessen ist, DASS sie stirbt, was bei mir in der Zwischenzeit leider schon der Fall ist.
Ein
Kollege hat mich vor Kurzem mit einem Satz überrascht. Ihm ginge diese
ewige Schwarzmalerei auf die Nerven. Dabei besonders der Rat, keine
Kinder mehr in diese kaputte Welt zu setzen. Ich habe lange darüber
nachgedacht, und muß abschließend sagen, daß ich meinen Kollegen um
seinen Naivität beneide...
Ehrlich gesagt gehe ich davon aus, daß halbwegs "normal" denkende, freundliche, zufriedene, und friedfertige Menschen zukünftig die Minorität der Weltbevölkerung stellen, und diese dem Werteverfall der Zivilisationen, und den Folgen daraus nur hilflos beiwohnen können. Denn genauso fühle ich mich in der Zwischenzeit: Wie ein Gefangener in einer Dystopie.
Hoffentlich irre ich mich!
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