Viele Dingen, die manche Männer schon am Start ihrer schwulen Karriere ausprobieren, habe ich erst in späten Jahren erlebt. Das mag daran liegen, daß ich nie ein Freund außergewöhnlicher Experimente war, die im Beisein anderer Menschen stattfinden. Viel zu groß war meine Sorge, bei solchen Ereignissen etwas falsch zu machen, somit mein Gesicht zu verlieren, mich zu blamieren, und/oder zum Gespött anderer zu werden. Bis zum heutigen Zeitpunkt habe ich keinen Schimmer, welches Ereignis in der Vergangenheit mir diese persönliche Eigenschaft auf meinen Lebensweg mitgegeben hat. Dummerweise habe ich deswegen vermutlich schon einige, wichtige Erlebnisse verpaßt, die für meine Entwicklung gut gewesen wären, die jetzt jedoch nicht mehr nachzuholen sind. Einer dieser Meilensteine ist, zumindest für uns schwule Männer, bestimmt der Besuch einer Schwulen-Sauna. Im zarten Alter von 52 Jahren war es aber dann doch so weit, und ich bin ich den zweifelhaften Genuß gekommen, einen Nachmittag in solch einem Badehaus verbringen zu können.
Wer die Einleitung gelesen hat, kann vermutlich nachvollziehen, warum es so lange gedauert hat, bis ich mich zu diesem Schritt habe "breitschlagen" lassen. Ja, richtig gelesen: Ich wurde soz. zu meinem Glück gedrängt. Möglich war das natürlich, indem ein anderer Mann bei mir die richtigen Knöpfe gedrückt, und mich bei meinem verdammten Ego gepackt hat. Mir gesagt hat, ich solle mich "doch nicht so anstellen", und so ein Kerl wie ich werde doch "nicht den Schwanz einkneifen", wenn es um einen solchen Besuch geht. Aber ehrlicherweise muß ich leider zugeben, daß selbst ein "Kerl wie ich" tatsächlich Schiß vor diesem Schritt hatte. Der Grund dafür ist in der heutigen Zeit wohl weiter verbreitet. Degeneriert, und vom Internet versaut, so wie die meisten von uns in der Jetzt-Zeit sind, sehen wir Sex mit anderen nicht mehr als Vergnügen, sondern als Spielfeld, wo wir "performen", also uns beweisen müssen. Das hat eher etwas mit Leistung, als mit Spaß zu tun. Die Angst, nicht gut genug zu sein, war auch immer der Grund, warum ich alleine nie diesen Schritt gewagt habe.
Ähnlich ging es mir auch mit dem ersten Besuch einer Schwulenkneipe, einer Schwulendisko, dem ersten CSD, und einigen weiteren Veranstaltungen. Auch, wenn ich diese kranke Denke noch nicht gänzlich ablegen konnte, so kommt mir in der Gegenwart mein Alter zu Gute, welches zur Folge hat, daß man sich nicht mehr so viele Gedanken darüber macht, was andere von einem denken könnten. Würde ich wohl sonst solch private Dinge hier von mir posten? Wohl eher nicht.
Doch nun zurück zu der Sache mit der Schwulen-Sauna...
Für die, die es nicht wissen: Männer sind schwanzgesteuert! Nicht verwunderlich deswegen, daß man selbst in einer monogamen Beziehung als Mann in eine Situation gerät, in der die Geilheit über die Vernunft siegt, und man zur Abwechlung Sex mit anderen Partner hat. Auch ich bin von dieser evolutionsgetriebenen Eigenschaft nicht verschont geblieben, und hatte ein Date mit einem Mann. Als Treffpunkt für ein Tet-á-tet kamen die eigenen vier Wände jedoch nicht in Frage, weswegen ich mich widerwillig dazu überreden ließ, mich mit dem Mann in besagter Schwulensauna zu treffen. Die ursprüngliche Aufregung verflog relativ schnell, als ich diese Einrichtung betrat. Denn die Räumlichkeiten vermittelten mir tatsächlich den ersten Eindruck, als würde ich mich in einer "normalen" Sauna befinden. Umkleiden, Duschen, Dampfbäder, Whirlpool - abgesehen von dem Fehlen der holden Weiblichkeit sah das alles nicht anders aus, wie in jeden ganz normalen Schwimmbad mit Saunalandschaft. Erst der Gang in die stark abgedunkelten Kellergewölbe offenbarten, daß der eigentlich Zweck dieser Einrichtung dazu bestimmt war, seinen Hormondruck in jeder erdenklichen Form mit anderen Männern abzubauen.
Ehrlichweise hat mich dieses Überangebot an sexueller Stimulation eher überfordert, als erregt. Ganz im Gegensatz zu meinem Date, der wohl schon oft hier Besucher war, und dementsprechend abgeklärt die Angebote nutzte. Richtig genießen konnte ich die Sache jedoch nicht. Dummerweise habe ich meine schwule Seite in einer Zeit akzeptieren müssen, als sich der HIV-Virus auf der Welt verbreitet hat. Die Situation heute, wo es außer dieser Gefahr noch eine Vielzahl anderer, fieser Infektionskrankheiten gibt die man sich über sexuelle Kontakte einfangen kann, macht das erotische Zusammensein mit einem andern Mann nicht leichter. Vor allen dann, wenn einem ganze Rudel nackter Männer zur Verfügung stehen, überwiegt bei mir die Angst, mir ein unfreiwilliges Mitbringsel einzufangen, daß mich evtl. den Rest meines Lebens einschränken wird. Solche Gedanke sind, abgesehen vom Performance-Druck, nicht gerade das, was die Geilheit fördert. Für solche Aktionen scheine ich wohl zu kopfgesteuert zu sein - vielleicht auch zum Glück!
Im Nachhinein hab es dennoch nicht bereut, dort gewesen zu sein. Zum einen war es interessant, das Innere eines schwulen Badehauses gesehen zu haben, und nicht nur sich ein Bild im Geiste aus Erzählungen anderer zusammen basteln zu müssen. Auch die Atmosphäre war recht entspannt, da man(n) sich ausschließlich unter Gleichgesinnten befindet, und somit keine Angst vor ungewollter "Entdeckung" haben muß, wie in einer normalen Therme. Ich hätte somit in Zukunft wohl kein Problem mehr damit, wieder eine Schwulensauna aufzusuchen, da ich nun weiß, was mich erwartet.
Eine Anekdote fand ich jedoch als besonders lehrreich, und war für mich wohl der größte Benefit an der ganzen Aktion. Im Whirlpool, in dem keine sexuelle Interaktion stattfinden sollte (...was nebenbei gesagt ziemlich naiv ist...) hatte ich innig mit meiner Verabredung Zärtlichkeiten ausgetauscht. Wir reden hier nicht von Sex, sondern von Steicheln, Küssen, etc, also der gegenseitigen Bekundung von Zuneigung. Ein Bedürfnis, daß den anderen, im Whirlpool sitzenden Männern offenbar wichtiger war, als sich mechanisch aneinander abzureagieren. Als ich nach ein paar Minuten meine Blicke von meiner Verabredung abwendete, war ich im Gegensatz zu den vorher distanzierten Männern plötzlich umgeben von kuschelnden, sich liebkosenden, und schmusenden, ineinander verschlungenen Körpern, die in mir den Anschein erweckten, daß sie nur auf einen Startschuß gewartet hatten, um Nähe, und Zuneigung geben, und empfangen zu dürfen. Vielleicht ist das ja auch der eigentliche Grund, warum schwule Männer eine Sauna besuchen: Die Hoffnung, einen anderen Mann zu treffen, der sie zusätzlich zum Sex auf eine andere, evlt. erfüllendere Art und Weise berührt. Wer kann das schon mit Sicherheit sagen?
Ich auf jeden Fall nicht...

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