Ich gebe zu: Manchmal komme ich mir vor, wie der berühmte, weiße, alte, immer mißmutige, und nörgelnde Mann, der sich über alles aufregt, was nicht seinem einfachen Lebensmodell entspricht. Es ist für mich ein Leichtes, Parallelen zu den mir damals uralt erscheinenden Verwandten meiner Kindheit zu ziehen. Menschen, die in meiner Jugendzeit etwa in meinem Alter waren, jedoch aufgrund der schrecklichen Erlebnisse der Kriegs-, und Nachkriegsjahre plus der harten, körperlichen Arbeit für mich als Heranwachsener mit ihren grauen Haaren, und den antiquierten Ansichten so alt erschienen wie Dinosaurier. Nicht ungewöhnlich also, daß ich als damals rebellischer, und in einer halbwegs intakten Welt aufgewachsener Jungspund, nicht selten mit meinem Weltbild Kopfschütteln ausgelöst habe.
"Generationenkonflikt" war das Wort, daß ich in der Zeit in dem Zusammenhang erstmalig gehört habe. Ein Wort, daß in meinen Augen das gegenseitige Unverständnis zweier durch Jahrzehnte getrennte Menschengruppen hervorragend zusammenfaßt. Kann man daß, was ich in den letzten Jahren bei dem Geschehen um mich herum wahrnehme, mit diesem Begriff erklären?
Noch nie wurde die Menschheit so stark von äußeren Umständen beeinflußt. Informationsdienste überschütten uns tagtäglich mit tausenden Meldungen, von denen eine schrecklicher ist, als die vorhergehende. Ein Abstumpfungseffekt tritt ein. Das bemerke ich auch bei mir. Fakten vermischen sich mit erfundenem, oder Herbeigesehntem. Sie werden beliebig, und jeder glaubt daß, was er will. Fundamentales wird zur Nebensache, und Nichtiges wird zur Staatsaffäre aufgeblasen.
Da Unterhalten sich zum Beispiel die politischen Köpfe der sog. "Jugenorganisationen" etablierter Parteien bei Markus Lanz minutenlang darüber, ob es sinnvoll ist, bei TikTok lustige Werbe-Videos für die jeweilige Partei zu schalten, um der AfD das Wasser auf dieser Kinderplattform abzugraben, während in der Ukraine tausende Menschen bei einem sinnlosen Krieg ihre Leben lassen.
Aber auch Länder, die für mich immer ein Garant der Stabilität waren, scheinen auseinander zu fallen wie eine Tiefseekoralle, die ein dummer Taucher an die Wasseroberfläche holt. Wie verzweifelt, oder vielleicht auch durchgeknallt muß die Bevölkerung eines Landes wie Nord-Amerika sein, um ernsthaft auch nur in Erwägung zu ziehen, einen gestörten Soziopathen mit der Macht auszustatten, welche ausreicht, die ganze Welt in den Abgrund zu stoßen?
Autokraten vereinen sich derweil Hände reibend, und entsenden Botschafter, um gefestigte Demokratien von innen zu zersetzen, während diese offenbar hilflos dabei zusehen, wie ihnen die hart erkämpften Freiheiten Stück für Stück demontiert werden.
Ich werden das Gefühl nicht los, daß die Welt sich gerade zum schlechteren verändert. Eine Reise zurück in eine Zeit, in die sich nach meinem Verständnis kein normal denkender Mensch zurückwünschen würde.
Ja, ich habe Angst vor der Zukunft. Diese scheint nichts Gutes zu verheißen. Meine o. g. Verwandten hatten jedoch ähnliche Befürchtungen. Das Gespenst der Überflutung des Landes durch Flüchtlinge ging damals schon um. Auch die Inflation, die das Leben immer mehr verteuert, war ein Thema. Über den Verfall der Jugend wurden verzweifelte Häupter geschüttelt. Die Zukunft schien schon damals ein dunkler Ort zu sein, und man war heilfroh bereits ein Alter erreicht zu haben, welches es unwarscheinlich machte, daß man das zu erwartende, schreckliche Ende miterleben muß.
Wenn ich ehrlich bin, geht es mir genauso wie meinen Verwandten vor 40 Jahren. Offenbar bin ich im Kopf nun genauso alt, auch wenn ich aufgrund meines privilegierten Lebens auf der Sonnenseite der Erde vermutlich jünger erscheine als meine damaligen Familienangehörigen.
Wir alle werden erleben, ob sich unsere Befürchtungen erfüllen, oder wie ein böser Alptraum in Wohlgefallen auflösen. Ich würde mir wünschen, daß wir alle das gleiche Glück haben werden wie meine damaligen Verwandten. Daß wir trotz aller Befürchtungen in einer funktionierenden Welt weiterleben können, die nicht im Chaos endet.

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