Sonntag, 20. Oktober 2024

Das, was bleibt


Das Telefon klingelt.

Wolfgang, ein guten Freund vom anderen Ende Bayerns, ruft an. Kennen gelernt hatte ich ihn über meinen damaligen Freund, der nun schon seit 25 Jahren auf der "anderen Seite" wohnt. Unsichtbar für uns Lebenden.

Aufgrund der Entfernung sehen Wolfgang und ich uns nur selten. Zu groß der Abstand, zu vollgepackt die Tage mit all den Dingen, die wir glauben erledigen zu müssen. Aber, wir telefonieren. Zwar nicht oft, aber ab und zu. Deswegen freue ich mich sehr, als seinen Telefonnummer auf dem Display auftaucht.

Doch die Freude wehrt nicht lange. Grund für den Anruf ist ein trauriger Anlaß: Von einem weiteren Freund aus alten Tagen ist der Lebendgefährte verstorben. Letztes Spätjahr bekam er die Diagnose Leberkrebs. Seit dieser Zeit mußte sein Partner ihm dabei zusehen, wie innerhalb eines langen, leidenvollen Jahres Stück für Stück das Leben aus dem vertrauten Menschen gestohlen wurde. 


Obwohl wir die letzten Jahre kaum Kontakt zueinander hatten, schockte mich diese Nachricht. Nicht etwa, weil die "Einschläge" in Form des Todes aufgrund meines Alters näher an mich heran zu rücken scheinen. Vielmehr war das wieder ein Nadelstich, der mich in meine eigene Vergangenheit zurückgeholt hatte.

Als junger Mann war mir Vieles fremd. Ich konnte es nicht nachvollziehen, wenn Menschen im Alter meiner Eltern bei Erzählungen von den Kriegsjahren in Tränen ausbrachen. Ich konnte es nicht nachvollziehen, warum Menschen zu einem Alkoholiker wurden, "nur" weil ihnen in der Vergangenheit irgendetwas Schreckliches widerfahren war. Die Zeit heilt doch bekanntlich alle Wunden, oder?
Was mir damals gefehlt hat, war Lebenserfahrung, die ich nun, mit über 50 offenbar habe. Ein Alter, wo man selbst das zweifelhafte Vergnügen hatte, dunkelste Straßen auf seinem Lebensweg zu begehen. Erfahrungen, aus denen ich gelernt habe.

Einschneidende Erlebnisse in einem Menschenleben gehen nicht weg. Sie bleiben bei einem wie ein Herpes-Virus, der, wenn er sich einmal in einem festgesetzt hat, immer wieder sein häßliches Gesicht zeigt. Meistens dann, wenn man es am wenigstens erwartet.
Ein bestimmter Geruch, ein Lied im Radio, der Blick einer fremden Person, eine Situation, die einem bekannt vor kommt - oder ein unerwarteter Anruf - das reicht meist schon, um einen Lichtjahre zurück in eine Zeit zu katapultieren, die man eigentlich schon lange hinter sich gelassen geglaubt hat.

Man muß sich damit abfinden: Es gibt Dinge, die nie mehr weg gehen. Trotz Gesprächen, Therapien, oder dem Einsatz von Rauschmitteln.
Das Einzige was hilft ist anzuerkennen, daß einen Erlebtes bis zum eigenen Ende verfolgen wird. Zuzulassen, daß man manchmal traurig ist, aber daran nicht zu verzweifeln. Denn man ist nicht der Einzige, dem es so geht. Zu sehen, daß es andere Menschen gibt, die so fühlen wie man selbst, die einen in einer schlimmen Lebensphase unterstützen, die empathisch sind, und einen verstehen, gibt einem Kraft.

Wenn ich aus meiner Vergangenheit etwas gelernt habe, dann daß: 

Irgendwie geht es immer weiter. Die Erde hört sich nicht auf zu drehen, wenn einem etwas Schlimmes widerfährt. Und so schwer wie es ist...für diejenigen, die einen zurückgelassen haben, muß man weiter machen. Auch, oder gerade, weil es einem nicht leicht fällt. 

Keine Kommentare: