Es ist unvermeindlich: Als schwuler Mann landet jeder, der nicht eine totale Aversion gegen neue Medien
hat, auf einer dieser, oder ähnlicher Seiten im Internet. Andere Männer kennen zu lernen war nie einfacher. Es passiert, ohne daß man Zeit dafür in einer Bar, in einer Sauna, oder auf einem Autobahnparkplatz verplempern muß. Das ich selbst damit schon Erfahrungen sammeln durfte, hatte ich bereits thematisiert. Neulich ist mir beim kontakten eines Mannes jedoch wieder einmal etwas Kurioses passiert...
Ein Mann war offenkundig von meinem Profil im Internet so angetan, daß er mich angeschrieben hat. Auch wenn das höchst selten passiert, ist das bei einer Datingseite in der Regel nichts Ungewöhnliches. Jeder, der an einem solchen Gewässer seine Angel in Form eines persönlichen Portfolios ins Wasser geworfen hat, weiß jedoch, daß es ein ungeschriebenes Gesetz gibt, daß verhindert, daß man sich aus dem Tümpel den passenden Fisch heraus angeln kann. Denn gefällt Dir ein Mann, dann hat er Vorlieben, die man nicht teilt. Oder, er wohnt irgendwo im Nirgendwo. Oder, er steht nicht auf Dich. Oder, ....
Der an mir interessierte Mann wohnt auf der anderen Seite der Erdscheibe. Auch aufgrund seines Alters fiel der nette Kerl aus meinem Beuteraster, auch wenn er sehr sympathisch war. Jedoch hatte er gerade Urlaub, welchen er unweit meines Wohnortes im Allgäu verbrachte. Aufgrund dessen wollte er mich u-n-b-e-d-i-n-g-t-! persönlich kennenlernen. Warum also nicht auf eine Abendessen, und einen netten Plausch treffen?
Doch zuerst einmal Konversation. Der Austausch von Nettigkeiten erfolgt in der heutigen Zeit mit unbekannten Personen nicht mehr via Audio-Verbindung, sondern man schreibt sich. Ich persönlich finde das lächerlich, bin ich doch offenkundig ein Relikt der analogen Welt. Aber: Ich bin anpassungsfähig. Also schreiben wir uns.
Komplimente über den jeweils anderen werden ausgetauscht. Man verschickt Bilder: Eine Landschaft, ein Gesicht, mal ein nackter Arsch. Bei dieser Art der Kommuniktaion ist Dank der Technik fast alles möglich.
Nach kurzer Ankündigung bekam ich nach einiger Schreiberei ein Video zugeschickt. Ein kleiner 15-Sekünder. Auf dem Video war der Mensch gewordene Traum einer jeden Schwiegermutter zu sehen, wie er sich nackt im Bett der Onanie hingab, während ein anderer Mann, von dem nur die wichtigsten Körperregionen zu sehen waren, dem nackten Schwiegermuttertraum einen dick geschwollenen Schwanz auf die Wangen klatschte, nachdem er diesen aus dem Mund des anderen gezogen hatte.
Versteht mich nicht falsch: Ich bin nicht prüde. Mir gefällt sowas. Ich schaue mir solche Filme gerne ab und zu an. Im Laufe meines Lebens habe ich schon einiges gesehen - live, oder auf Film gebannt.
"So what?"
werdet ihr jetzt denken, oder? Ist doch im Jahr 2024 ganz normal! Vielen Profile auf Dating-Portalen zeigen Filme, auf denen User alles zeigen, was das sexuelle Herz begehert.
Das veröffentlichen solcher Sextapes hat primär den Sinn, daß der mit dem Video beschenkte erregt wird. Man kann sich im Vorfeld ansehen, was auf einen zukommen könnte, würde man sich mit dem anderen Mann treffen. Ein Appetizer, der Lust auf mehr machen soll. Bei den meisten schwulen Männern klappt das bestimmt auch. Ansonsten würde vermutlich keiner solche Filme online stellen.
Als ich dieses cineastische Meisterwerk sah, wurde ich jedoch nicht spitz wie Nachbars Lumpi. Vielmehr kam mir diese Offenbarung vor wie ein unbeholfener Versuch, mir, also dem Objekt der Begierde, ein Schäferstünchen schmackhaft zu machen, indem man mir einen Werbefilm vorführt. Ähnlich einem Bewerbungsgespräch, in welchem man sich so gut als möglich darzustellen versucht. Dieser Film hat mich nachdenklich gemacht. Mein aufkommendes Interesse wurde eher reduziert, als angestachelt. Aber warum?
Ein entspanntes sich kennenlernen, und neugierig auf den anderen sein dürfen...diese Vorfreude wurde mir zum Teil genommen, als ich diesen Film sah. Ein großer Teil der Spannung, die sich zwischen mir und dem anderen hätte aufbauen können, wurde durch das Ansehen dieses Filmes unwiderbringlich gekillt. Das finde ich sehr schade. Ist das nicht genau der Nervenkitzel den man(n) bei einem Blind-Date sucht?
Wie bei einem Foto, oder einem Songtext reizt es mich, nicht alles sofort in seiner Gänze zu erkennen. Unvollständigkeit macht neugierig. Und Neugier weckt in mir den Wunsch, einer Sache nachzugehen. Zu Entdecken. Zu Erforschen. Zeit zu haben, sich etwas vorzustellen, oder auszumalen. Etwas interprtieren zu können.
Vielleicht machen wir es uns zu einfach, und zerstören bei unserem Perfektionismus genau das, was wir eigentlich gesucht haben. Weniger ist oft mehr.
Vielleicht bin ich aber auch einfach schon zu alt für diese Art der Selbstdarstellung?
Eines weiß ich jedoch sicher: Wäre ich mit einem anderen Mann zugange, würde ich mich dabei voll und ganz gehen lassen, würde ich dieses Geschenk mit allen Sinnen genießen, und würde sich meine Erregung bis zum Platzen steigern, dann wäre einen Film, oder einen Foto zu machen so ziemlich das Letzte, was mir in dieser Situation in den Sinn käme. Ich werde wohl nie verstehen, warum sich viele Menschen dazu genötigt fühlen, jeden magischen Moment mit anderen "teilen" zu müssen.
Ja, es stimmt: Ich bin anpassungsfähig. Aber jeden Mist werde ich auch zukünftig nicht ausprobieren. Es gibt Augenblicke, die gehörten nur mir alleine, und das bleibt auch in der Zukunft so.

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