Kennt Du das?
Du machst gerade irgendwas. Irgendeine Arbeit, die Dein Gehirn nicht sehr beansprucht. Spülmaschine einräumen, Spazieren gehen, die Küche streichen - so etwas in der Art. Dein Kopf hat Zeit Deinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Irgendwann kommt Du zu einem Punkt, wo Dir etwas wichtiges einfällt. Das Du Thomas anrufen mußt, weil er gestern Geburtstag hatte. Das Du noch etwas einkaufen mußt. Oder, daß Du etwas ganz wichtiges im Internet nachsehen mußt. Etwas googlen. Etwas kaufen. Nachsehen, wie das Wetter wird, wenn Du nächste Woche nach Spanien fährst.
Später. Du sitzt am Rechner, startest die Maschine, öffnest den Browser, und sobald die erste Seite auf Deinem Bildschirm aufpoppt passiert es: Dein Gehirn wird angehalten. Die Dinge, die Du eigentlich nachsehen wolltest, werden durch die Info auf Deiner Netzhaut unwiederbringlich aus Deinem internen Gedankenspeicher deletet. Ich hätte schon viele Themen gehabt, über die ich mich hier auslassen
wollte. Aber jedes Mal, wenn ich dann am Computer sitze, ist diese Info
einfach weg!
Weil ich das weiß, treffe ich Vorkehrungen: Ich mache mir Notizen.
Ich bin nicht der Einzige, dem so etwas passiert - was nebenbei erwähnt tröstend ist. Es gibt auch vom Internet abgesehen andere Situationen, wo uns so etwas widerfährt. Einkaufszettel sind ein gutes Beispiel. Oder Post-it´s, die sich an allen möglichen Stellen am Schreibtisch finden.
Doch warum sind viele von uns so unaufmerksam? Ich habe das Gefühl, als wäre ich oft nicht bei mir, sondern mein Geist ist von meiner physikalischen Erscheinung meilenweit entfernt.
Immer noch mehr Dinge soll man synchron erledigen. Immer noch mehr Tätigkeiten packt man in seinen Zeitplan. 24 Stunden Tageszeit sind zu wenig - viel zu wenig! Wenn früher einmal Geld der Begrenzer der eigenen Möglichkeiten war, so ist es nun die Zeit! Eigentlich ja kein Wunder, daß dabei vieles unter den Tisch fällt, oder ich nur noch mit Notizen meine Tagesablauf managen kann. Doch wie kam es dazu?
Mich erfüllt oftmals ein kranker Stolz, wenn ich es schaffe, möglichst viele Dinge zeitgleich ablaufen zu lassen. Dabei in der Mitte der Aktionen zu stehen, die Fäden in der Hand zu halten, und mich zu freuen, wie vorher minutiös geplante Abläufe durch meine Planung strukturiert ihren Gang gehen.
Honoriert wird das auch von außerhalb. Gerade in der Arbeit freut sich der Chef, wenn ich mich zeitgleich um mehrere Dinge kümmern kann. Multitasking ist das Zauberwort! Aber ehrlich: Ich denke, für Multitasking ist der Mensch nicht gemacht.
Bei der ganzen Selbstoptimierung geht etwas sehr wertvolles verloren: Die Gabe, ganz & gar bei einer Sache zu sein. Ich befürchte, daß ich dieses Geschenk zu einem großen Teil verlegt habe, denn ich tue mich oft schwer damit meine Gedanken auf den Augenblick zu fokusieren. Das macht genießen schwieriger. Entweder, weil im Hintergrund der Wunsch aufblüht zeitgleich noch andere Dinge zu erledigen, oder, weil man den Augenblick hinterfragt & bewertet nach dem Motto: "Was hätte ich jetzt in dieser Zeit noch Sinnvolleres, oder für mich besseres machen können?".
Oft bin ich "zerstreut". Manchmal habe ich das Gefühl, daß diese Zerstreutheit auch der Grund ist, warum ich mich dann, wenn ich Zeit für etwas habe, schwerer damit tue, irgendetwas neues zu beginnen, und, wenn ich es dennoch begonnen habe, diese Sache konsequent durch zu ziehen.
Auch bei diesem Blog geht es mir so. Am Anfang war ich ganz versessen darauf, diesen leeren Bildschirm mit meinen Gedanken auszufüllen. Zwischenzeitlich denke ich oft daran, daß es keinen Sinn macht, und ich in der Zeit lieber etwas machen sollte, was mir mehr bedeutet. Aber was? Und wenn ich weiter grüble, was ich lieber machen soll, als hier ein paar Zeilen zu schreiben, rutsche ich oft einfach in eine Lethargie ab, in der ich mich 2 Stunden später YouTube-Filme-schauend vor dem Rechner sitzend wiederfinde, und das mit einem Gefühl, daß ich in dieser verlorenen Zeit viel wichtigere Dinge hätte erledigen können. Verrückt! Manchmal frage ich mich, wo mein Enthusiasmus abgeblieben ist.
Ich denke, er ist meinem Wahn zum Opfer gefallen, immer mehr aus meiner Zeit heraus zu holen.
Vielleicht ist ja Langeweile der Schlüssel, um wieder zurück zu finden. Zurück zu einem Zustand, in dem ich wieder überwiegend im hier-und-jetzt lebe, um dort wo ich mich aufhalte auch wieder vollständig zu sein - mit Körper & Geist.

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