Donnerstag, 19. April 2018

Schwule Dating-Apps: Ein Resumee


Kaum eine andere Sache hat uns in der heutigen Zeit so geprägt wie das Internet. Gerade auch, was zwischenmenschliche Beziehungen betrifft. Die Partnersuche wurde grundlegend revolutioniert, optimiert, und vereinfacht.
Vorbei scheinen die Zeiten, wo man sich als schwuler Mann auf zugigen Autobahn-Parkplätzen, oder übelriechenden Toiletten herumtreiben mußte. Kein anstrengender Abend in einer Kneipe, nur um dort vielleicht den Mann seines Lebens kennen zu lernen. Einfach zu Hause auf der Couch herumlümmeln, vielleicht bei einem guten Glas Rotwein, oder einem leckeren Abendessen, und nebenbei aus dem Quelle-Katalog für homosexuelle Männer das Passende aussuchen, bestellen, anprobieren, und bei Bedarf behalten, oder zurückschicken. Es scheint so einfach zu sein. So unkompliziert. Nach etlichen Jahren auf solchen Seiten muß ich jedoch zugeben: Der Schein trügt....



Bevor ich mich ich das erste Mal auf einer Dating-Seite angemeldet habe, war ich fasziniert davon, wie viele, augenscheinlich schöne Männer dort Mitglieder sind. Mein Neugier war geweckt.
Meine erste Anmeldung auf GR erfolgte noch ohne sog. Facepic (Gesichtsbild), da ich schlichtweg Angst hatte...
  • ...davor, von Arbeitskollegen entdeckt, und erkannt zu werden, was dann in meinem Geiste unweigerlich zu einem unfreiwilligen Outing bei meinem Kollegen geführt hätte.
  • ...davor, daß mein damaliger Freund, mit dem ich noch eine Beziehung führte, mich dort finden würde. Ja ich weiß: Das ist verwerflich, weswegen ich das auch nicht mehr machen werde. Doch damals war die Neugier noch größer als meine Moralvorstellungen.
So verschwand ich, wie viele andere auch in der anonymen Masse der "Gesichtslosen", die als Profilbild mal mehr, oder weniger gut gefüllte Unterhosen, haarige Bäuche, Landschaftsbilder, oder einfach gar kein Bild auf Ihr Profil pinnen.
Und außerdem: Ich wollte mich nur umschauen! Nur kucken, nicht anfassen. Mann, was war ich damals naiv!
Die Aussage, Männer wären auf einer Dating-Seite nur angemeldet, um sich dort "umzusehen" hat so wenig Wahrheitsgehalt wie eine Zukunftvorhersage bei Astro-TV. Klar hat man ein Ziel vor Augen: Sei es, daß man sich nur an Bildern anderer User aufgeilt, chattet (mit, oder ohne Bildunterstützung), oder auf der Suche ist nach einem realen Partner für Sex, oder Beziehung. Ich muß mir eingestehen, daß es bei mir nicht anders war.

- Mein Fazit nach vielen Jahren im schwulen Netz ist gemischt -


Einge meine Erwartungen mußte ich nach unten korrigieren, denn es ist oft mehr Schein als sein. Wie bei allen anderen sozialen Netzwerken hat man auch auf diesen Portalen als User die Möglichkeit, sein eigenes "Ich" aufzuwerten. Davon machen nicht Wenige gebrauch, und malen dort ein Bild von sich, dem sie selber gerne entsprechen würden, sich jedoch davon so weit weg befinden, wie ein HIV-positiver Mann von einer Blutspende. Das dem so ist wird einem erst bewußt, wenn man bei einem Treffen im realen Leben unerwartet von einer Person angesprochen wird, die mit dem Bild des Mannes auf dem Profil, mit dem man gechattet hat, vom Aussehen her recht wenig gemein hat.
Schlimmer als das Tuning der Äußerlichkeiten finde ich es jedoch, wenn zwar der Auserwählte optisch genau dem angechatteten Profilersteller gleicht, sich jedoch im Laufe  mehrerer Gespräche herausstellt, daß von den gemachten Angaben zu seinen Pro´s & Contra´s der größte Teil nicht stimmt. Beispiel gefällig?
Ein User sucht einen Lebenspartner - schreibt er zumindest. Im Laufe eines Gesprächs kristallisiert sich heraus, daß er in Wahrheit einen Sexpartner für gelegentlichen Treffen haben möchte. Das hätte man sich anhand der Schwanzbilder auf dem Profil eigentlich auch denken können, oder? Aber die Hoffnung, das dieser Mann der Richtige ist, war größer. Gefühl schlägt Verstand, und die Enttäuschung ist groß. Wieder einmal! Kennt Ihr?

Was ich am meisten an diesen Seiten im i-Net verabscheue: Die Menschen hinter den Profilen werden von anderen nicht mehr als Menschen, sondern als virtueller Fake wahrgenommen, den man behandeln kann, wie ein Computerspiel, welches man, wenn man darauf keine Lust mehr hat, einfach ausknipst. Aus diesem Grund verhalten sich viele der User gegenüber ihren Chatpartner sehr unverbindlich. Das aus einem Chat ein reales Treffen resultiert kommt selten vor. Hingegen ist es einfach, das Gegenüber im Chat mit Sexfotos zu überhäufen, oder, im negativen Fall, mit Beleidigungen. Der auch in der wirklichen Welt immer weiter um sich greifende Werteverfall hat im Internet bereits weit größere Dimmensionen angenommen, während Ehrlichkeit oft zu einer Floskel aus einem Rosamunde-Pilcher-Film verkommt. Gerade für Neueinsteiger, und naive Newbies wie mich war das ein Schock, daß einen Menschen mit so einer Kaltschneuzigkeit behandeln können.

Das alles ist ärgerlich. Doch die Vorteile des Kennenlernens über diesen Weg überwiegen. Auch ein Grund, warum Datingportale im Internet einen regen Zulauf haben.
Einer der großen Vorteile, wenn man tatsächlich einen ehrlichen Kerl über diesen Weg gefunden hat: Im Gegensatz zu einem totalen Blind-Date weiß man eher, was auf einen zukommt. Schon alleine die Tatsache, daß man sein Gegenüber bereits in Form von Fotos gesehen hat, erspart einem oft sich endlos in die Länge ziehende Abende in einem Café, in denen man mehr damit beschäftigt ist, sich eine Ausrede für einen schnellen Rückzug zurecht zu legen, als sich mit dem anderen zu unterhalten. No-Go´s werden im Vorfeld abgeklärt, genauso wie Leidenschaften für bestimmte Dinge, oder Taten.

...und, sind wir mal ganz ehrlich: Was wäre denn die Alternative für uns schwule Männer? Das wir einen Traummann in einem Baumarkt über den Weg laufen? Oder im Supermarkt, wo wir zufällig mit unseren Einkaufswagen kollidieren, uns tief in die Augen schauen, und der Funke überspringt? In der Arbeit? Oder sich vielleicht doch lieber oft, und lange in schwulen Lokalen, oder an anderen schwulen Treffpunkten aufhalten, und dort nach geeignetem Männer-Material Ausschau halten?
Ich denke, für das sind die meisten Männer zu bequem, und zu lösungsorientiert geworden - mich eingeschlossen.

Wenn ich also hier mal aus dem Nähkästchen plaudern darf, komme ich zu folgenden Ergebnis:

Ich bereue es nicht, mich dort angemeldet zu haben. Durch diese Interaktion mit anderen, schwulen Männern habe ich bisher einige neue Freunde gewonnen, stellenweise sehr nette Chat-Kontakte gehabt, und auch Männer kennengelernt, die für mich als Partner in Frage gekommen sind. Ich hatte guten, sowie miesen Sex. Ich bin in Gegenden gekommen, die nie ein Mensch vorher erblickt hat (...okay: so schlimm war´s auch nicht...). Ich habe in das Loch menschlicher Abgründe geschaut, bin angelogen, ausgenutzt, und betrogen worden. Doch das wäre vermutlich auch passiert, wenn ich dort nicht angemeldet gewesen wäre, nur vielleicht nicht in dieser Intensität. Auch wenn es einige Vorfälle gab, die mich wirklich sehr negativ berührt haben, so bin ich dennoch dankbar, diese Erfahrungen gemacht zu haben. Im Nachhinein haben mich diese Erlebnisse stärker gemacht, und mir wichtige Infos für mein weiteres Leben geschenkt.
Alles, was ich durch diese Plattformen erlebt habe, gute, wie schlechte Dinge, haben mein Leben interessanter, und aufregender gemacht, mich sozial wachsen lassen, und haben meinen Horizont in vielen Facetten erweitert.
Abschließend kann ich sagen, daß, wenn man mit der richtigen Portion Vorsicht an die Sache herangeht, man durch die Anmeldung an einem Dating-Portal gewinnen wird. Ich würde es wieder tun.










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