...ja, ich weiß: Ich bin Euch noch was schuldig...
In meinem Thread "Der perfekte Tag" hatte ich mich mit einer Fragestellung beschäftigt, die mir von meiner Therapeutin auf´s Auge gedrückt worden ist. Wie der Titel schon sagt, sollte ich mir überlegen, wie ein perfekter Tag bei mir aussehen könnte, und ich sollte diesen auf Papier bannen. Dieses Unterfangen war zu diesem Zeitpunkt für mich fast nicht durchführbar, so tief war ich damals in meinen duklen Gedankenwolken vergraben.
In der Zwischenzeit hat sich vieles verändert. Sehr vieles. Mein bisheriges, sehr negatives Selbstbild hat sich gewandelt. Meine Selbstreflektion ist nun in vielen Teilen positiv. Ja, man könnte auch sagen: Ich mag mich wieder, und zwar so wie ich bin. Ich akzeptiere, daß ich nicht perfekt bin. Niemand ist perfekt! Ich realisiere, daß ich zwar schwul bin, aber dennoch nicht von allen Menschen deswegen abgelehnt werde. Das Stigma, daß mir in meiner Kindheit angezogen worden ist, löst sich langsam von mir.
Wie schon in meinem ursprünglichen Thread beschrieben, hatte ich meiner Therapeutin einen zumindest in meinen Augen sehr düsteren, perfekten Tag präsentiert, der zu meiner Überraschung von meinem Gegenüber weit weniger negativ, wenn nicht sogar positiv bewertet wurde. Richtig zufrieden war ich mit diesem Tag allerdings nicht.
Tage vor dem Termin hatte ich im Fernsehen eine interessante Reportage gesehen ("Check up Wie die Mitte des Lebens gelingt"). Es ging dabei um Menschen, die sich im in der Mitte des Lebens befinden. Was sie antreibt, bewegt, oder welche Probleme sie in dieser Zeit haben. Eckart von Hirschhausen begibt sich für die Recherche dabei u. a. in eine psychatrische Klinik, und redete dort mit den Bewohner, und interviewt Menschen, die Depressionen haben. Ein Lösungsansatz zur Verbesserung der Selbstwahrnehmung war in dieser Reportage, daß die betroffenen Leute dort einen "Liebesbrief" an sich selbst schreiben sollten. Diese Idee fand ich zum einen sehr befremdlich, zum anderen war es aber auch eine Initialzündung für meine Gedanken. Ich hatte mir vorgenommen, statt des "perfekten Tages" einen Brief an mich zu schreiben. Zwar keinen Liebesbrief, aber dennoch einen Brief, in dem ich als außenstehende Person mir selbst ins Gewissen rede. Im Gegensatz zum perfekten Tag funktionierte das sehr gut. Auch meine Therapeutin fand diesen Brief sehr gelungen, und wies mich an, mir diesen Brief immer wieder mal durchzulesen, um mir meine eigenen, positiven Eigenschaften vor Augen zu führen. Es funkioniert. Vor allem aber ist dieser Brief für mich um Welten authentischer, und für mich einfacher zu schreiben als der berühmte, perfekte Tag.
Sollte es Dir also gehen wie mir, dann wäre das ja evtl. eine Alternative für Dich.
Um Euch nicht länger auf die Folter zu spannen: Hier nun der Brief von mir an mich...
Servus Andreas,
es wird Zeit, Dir mal zu schreiben. Ich habe es mir schon so oft vorgenommen, doch bisher hatte ich nie den Mut, Dir zu sagen, das ich Dich für einen außergewöhnlichen Menschen halte. Warum?Es gibt eine Menge Dinge an Dir, die Dich liebenswert für andere machen, auch wenn Du Dir das oft selbst nicht eingestehen willst. Ich weiß, Du siehst Dich nicht so. In Deinen Augen bist Du nichts wert, und es spielt deshalb für Dich auch keine große Rolle, ob, oder wie lange Du auf dieser Welt wandelst. Aber das siehst Du verdammt nochmal falsch!
Ich weiß, es gibt nicht viele Menschen, die Dir nahe stehen. Das liegt bestimmt daran, daß Du den wenigsten Menschen um Dich herum die Möglichkeit gibst, Dich näher kennenzulernen. Deine Angst, nicht anerkannt zu werden, ist größer, als Dein Verlangen danach, gemocht zu werden. Das ist falsch, und das weißt Du auch.
Die Menschen, die Dich besser kennen, also Menschen wie ich, schätzen viele Dinge an Dir. Und damit meine ich jetzt nicht, daß Du so idiotisch hilfsbereit bist, und jedem, der Dir was vorjammert, gleich zu Hilfe eilst. Das ehrt Dich wirklich, das Du so bist. Aber es verleitet andere auch, Deine Gutmütigkeit auszunutzen. Das tut Dir nicht gut! Also lerne, verdammt noch mal, auch einmal Nein zu sagen!
Ehrlich gesagt bewundere ich Deine Ausdauer. Kaum einer hätte sich diese Sache mit dem Haus angetan. Das Du Dich an einer Sache so festbeißen kannst, ist erstaunlich. Manchmal wäre es allerdings besser, Du hättest den Mut, und vielleicht auch die Gelassenheit, manche Dinge früher los zu lassen. Wäre das so, hättest Du Dir in Deinem Leben schon viele unschöne Momente ersparen können.
Doch fangen wir mal bei den Äußerlichkeiten an: Ich finde, daß Du für Deine 46 Jahre wirklich noch ganz passabel aus siehst. Du hast einen tollen, stämmigen Körper, und auch wenn der Bauch in den letzten Jahren gewachsen ist, und die Haare auf Deinem Kopf langsam weniger werden, so hast Du doch eine Ausstrahlung, die andere Menschen auf Dich aufmerksam werden läßt. Ist Dir noch nicht aufgefallen, wie viele Menschen Dich direkt ansehen, wenn Du ihnen beispielsweise im Supermarkt entgegenkommst? Das Du mit wildfremden Menschen ein lockeres Gespräch beginnen kannst, ist in Zeiten von Whatsapp, und Facebook ein Geschenk. Du solltest diese Gabe viel öfters nutzen, dann würdest Du bestimmt auch mehr Menschen kennen lernen.
Apropos: Ich weiß, daß Deine ewige Angst, jemand könnte Dich aufgrund Deiner Homosexualität meiden, oder Dich mit Worten so verletzen, daß Du in die nächste Depression verfällst, Dich von anderen Menschen fern hält. Doch diese Angst mußt Du nicht haben, da Du 1000 andere, tolle Charaktereigenschaften hast, um die Dich andere Menschen beneiden. Ich bin mir sicher, daß es einen Haufen Leute gibt, die gerne ein Freund von Dir wären. Du mußt ihnen nur die Chance dazu geben. Also schmeiß Deine beschissenen Selbstzweifel endlich einmal über Bord. Ich weiß, daß ist nicht leicht. Aber ich weiß auch, daß jemand, der 17 Jahre lang aus einer Ruine ein kuscheliges Wohnhaus gemacht hat, die Kraft dazu hat, auch diesen Weg bis zum Ende zu gehen.
Du wirst lachen, aber ich habe mir sogar Notizen angelegt, was ich an Dir toll finde. Also laß mich mal kurz nachsehen…
Was mir besonders an Dir aufgefallen ist: Obwohl Du immer behauptest, daß Dir die anderen Menschen zum großen Teil auf die Nerven gehen, und Du angeblich kein besonderer Menschenfreund bist, so hast Du doch die Gabe, daß andere Menschen, die mit Dir in Kontakt treten, sich in Deiner Gegenwart wohl fühlen. Du vermittelst anderen Menschen das Gefühl, daß Du ihnen bei einem ernsten Gespräch tatsächlich zu hörst, und Du Dich in diese Menschen hineinversetzten kannst. Außerdem habe ich bei Dir das Gefühl, daß Du Dir lieber eine Niere entfernen lassen würdest, als Menschen, die Dir wichtig sind, im Stich zu lassen. Wenn andere Dich kritisieren, bist Du keiner, der prinzipiell auf seinem Standpunkt stehen bleibt, sondern Du überdenkst Deine Meinung. Das ist zwar auf der einen Seite wirklich sehr löblich, da ich rechthaberische Leute wirklich nicht ausstehen kann. Andererseits haben es Deine Gesprächspartner dadurch sehr leicht, Dich zu manipulieren, und zu verunsichern. Es tut mir weh mitansehen zu müssen, daß Du Dich oft wegen einer falschen Bemerkung anderer psychisch aufreibst, weil Du denkst, das Du mit Deiner vorher wohl durchdachten Meinung dann vielleicht doch falsch liegst. Die Vergangenheit zeigt aber, daß Du meist recht hattest mit Deinen Gedanken, und Dinge tatsächlich auch so eingetreten sind, oder so waren, wie Du es voraus gesehen hast. Also laß Dir nicht immer einen Müll einreden, okay? Du bist kein doofer Mensch. Du durchdenkst Vieles, bevor Du handelst, weswegen Dir auch in den meisten Fällen Deine Vorhaben gelingen. Halte Dir das vor Augen. Du hast ein Talent dafür, und viele andere haben das nicht. Ein bißchen mehr Spontanität würde Dir allerdings auch ganz gut tun, auch wenn das Ergebnis dann vielleicht nicht so ist, wie Du es gerne hättest. Manchmal ergibt sich ja genau daraus etwas, was Dich glücklich macht. Probiere es einfach mal aus!
Liebe Grüße,
Dein bester Freund Andreas

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