Es ist schon eine Weile her, als ich den letzten Post zu diesem Thema veröffentlicht habe. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. Oder besser gesagt: Meine Situation verändert sich zur Zeit positiv, und ich kann wieder optimistisch in die Zukunft blicken. Diejenigen, die meine Ausführungen lesen, werden nach diesen Zeilen die berühmten 3 Kreuze machen - endlich keine deprissiven Post mehr auf meiner Seite!
Wie schon geschrieben, habe ich gegen Depressionen von meinem Hausarzt Medikamente, und eine Überweisung zu einem Psychotherapeuten bekommen. Hier meine Erfahrungen damit...
Die Medikamente
Ich habe mir auf Grund des Rezeptes ein homäophatisches Mittel (Laif 900), sowie eine Chemie-Keule aus der Apotheke geholt. Zum Einsatz kam nur das homäophatische Präparat, welches auf Basis von Johanniskraut-Extrakt funktioniert. Dieses Mittel soll erst nach 3 Wochen der Einnahme seine Wirkung entfalten. Gleich mal vorne weg: Durch die Einnahme dieses Medikamentes wird man nicht "high". Ich selbst konnte auch nach mehreren Wochen der Einnahme nicht feststellen, daß sich mein Zustand radikal geändert hätte. Allerdings hatte ich schon das Gefühl, nicht mehr so extrem in meiner Schattenwelt gefangen zu sein. Ob das jedoch tatsächlich durch das Medikament hervorgerufen wurde, ein Placebo-Effekt ist, oder einfach der Tatsache geschuldet ist, daß ich synchron zur Einnnahme mit einer Gesprächstherapie begonnen habe, entzieht sich meiner Kenntnis. Nachteil dieser Tabletten: Meine Haut hat bei Berühung mit kalten Gegenständen, oder mit kaltem Wasser stark gekribbelt. Eine höhere Empfindlichkeit durch Sonneneinstrahlung konnte ich jedoch nicht feststellen. Da ich von der Wirkung dieses Medikamentes nicht überzeugt war, habe ich nach ca. 8 Wochen diese Tabletten abgesetzt. Es trat bis zum heutigen Tag kein Rückfall in eine Depression ein.
Das chemische Präparat kam bei mir nicht zum Einsatz. Es sollte als Notfall-Tablette gedacht sein, wenn für mich wirklich gar kein Land mehr zu sehen sein sollte. Dies war jedoch nicht der Fall. Meine Therapeutin hat mir außerdem von der Einnahme abgeraten. Ich bin froh, daß ich die Dinger nie benutzt habe.
Fazit: die Sache mit den Tabebletten hätte ich mir sparen können. Allerdings ist vermutlich der psychologische Effekt, etwas sofort gegen seine miese Stimmung machen zu können, nicht zu verachten.
Die Therapie
Rückblickend gesehen war es eine wirklich kluge Entscheidung, sich einer Psychotherapeutin anzuvertrauen. Vielleicht sogar eine der besten meines Lebens. Da ich bisher noch nie die Möglichkeit hatte, mein Herz ungefiltert jemanden anderen auszuschütten, war es eine Wohltat, mit einer anderen Person über meine Probleme zu reden.Ich gebe zu: bei den ersten 3 Sitzungen war ich sehr nervös. Ich kannte solche Szenen nur aus Hollywood-Filmen, und war aufgeregt. Ich hatte das Glück, gleich beim ersten Versuch eine Psychologin zu finden, bei der ich mich gut aufgehoben, und verstanden fühle. Ich hatte bei meiner ersten Sitzung mental eine Phase der tiefen Gleichgültigkeit erreicht. Deshalb erzählte ich ihr, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, warum mich vermutlich diese ewig andauernde Traurigkeit gefangen nimmt. Schön an diesen Gesprächen ist, daß ich einer Person gegenüber sitze, die tatsächlich aufmerksam zuhört, und offenkundig die richtigen Schlußfolgerung aus dem Gehörten zieht. Der Dialog zwischen uns hilft mir, manche Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Dieser Input hat mir die ganze Zeit gefehlt.
Schon nach kurzer Zeit traten meine eigentlichen Probleme ans Tageslicht:
Ich habe Minderwertigkeits-Komplexe, die mir zum Teil schon in meiner meiner Kindheit anerzogen worden sind. Zum einen rede ich mir ein, wegen meiner Homosexualität ein schlechterer Mensch zu sein, der von allen anderen Menschen grundsätzlich abgelehnt wird. Zum anderen giere ich jedoch nach positiven Feedback anderer Leute, habe aber oft den Eindruck, daß ich deren Erwartungen nicht erfüllen kann. Ich mache mich "kleiner als ich bin", was auch der Grund dafür ist, warum ich beim Infight mit einem, in meinen Augen sehr attraktiven Mann, Erektionsprobleme habe. Zudem hält mich eine Angst umklammert, die mir einredet, daß durch mein Handeln anderen Menschen etwas nachteiliges widerfahren könnte. Wie ihr seht, eine ganzes Potpourri an Selbstzeifeln. Kein Wunder, daß das Lachen auf meinem Gesicht verschwunden ist.
In den Gesprächen versuchen wir nun gemeinsam, mein Selbstwertgefühl auf Vordermann zu bringen. Ihr werdet lachen: Ich habe sogar einen Brief an mich selbst geschrieben, in dem ich als eine andere, außenstehende Person meine positiven Charakterzüge aufliste - noch vor eltlicher Zeit hätte ich das nie getan. Es hat einen Anstoß von außen gebraucht, mich diesen Brief schreiben zu lassen. Alleine das Lesen dieses Briefs hilft mir, mich nicht mehr nur von einer negativen Seite zu sehen. Vielmehr führt mir dieser Brief vor Augen, daß ich bei weitem ein nicht so schlechter Mensch bin, wie ich es mir jahrelang selbst vorgehalten habe. So wie es aussieht, tragen unsere Sitzungen also die ersten Früchte, was mich wirklich sehr freut.
Du hast ähnliche Probleme, überlegst aber noch, ob Du auch diesen Schritt gehen sollst? Aus meiner jetzigen Erfahrung kann ich Dir nur raten: Tu es!
Du wirst Dir nicht vorstellen können, wie gut es mir getan hat, ohne zu lügen, ohne Dinge zu beschönigen, auszusprechen, was mir auf der Seele lag. Ich habe durch diese Therapie ein Ventil gefunden, den ganzen Mist, der sich in meinem Kopf angesammelt hat, wieder in die Freiheit zu entlassen. Ich habe viel über die Fragen nachgedacht, die mir von meiner Therapeutin gestellt worden sind, und das hat meine Einstellungen zu zwischenmenschlichen Beziehungen positiv verändert.
Beispiele gefällig? Ich habe wieder Kontakt zu Freunden aufgenommen, die ich schon seit 20 Jahren nicht mehr getroffen habe. Zu meinem Erstaunen war bisher keiner von Ihnen sauer, daß ich mich schon so lange nicht mehr gemeldet habe. Vielmehr haben sich alle gefreut, wieder etwas von mir zu hören. Meine Therapeutin hatte also recht: Ich war also gegen meiner bisherigen Annahme doch ein liebenswürdiger Kerl, den andere gerne um sich haben. Freude!
Auch die Beziehungen zu meinem langjährigen Lebenspartner, und zu meinem neuen Freund verändern sich. Ich sehe auch diese beiden Freundschaften in einem anderen Licht. Das hilft mir sehr, mir klar zu werden, was ich will, anstatt mir einen Kopf darüber zu machen, was andere von mir wollen.
Dieses Umdenken passiert nicht plötzlich. Vielmehr ist es ein fortlaufender, langwieriger Prozeß. Verhaltensweisen, die ich mir jahrzehnte lang angeeignet habe, brauchen einfach eine gewisse Zeit, bis ich sie ändere. Das ist laut Aussage meiner Ärztin auch vollkommen in Ordnung. Jetzt, wo ich meine Probleme kenne, fühle ich mich auch im Stande, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Das macht mich sehr glücklich!
So, daß war´s mal für´s erste. Fühl Dich frei, mir auf diesen Thread zu antworten. Falls Du Fragen hast, her damit.
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