Samstag, 23. September 2017

Schwul auf dem Land - schlachtet die rosa Kuh!

Es stimmt tatsächlich: Die meisten schwulen Männer leben in größeren Städten. Nicht etwa, weil viele von Ihnen mit dem Leben auf dem Land nichts anfangen könnten. Vielmehr liegt es daran, daß Du als schwuler Mann in einer größeren Stadt in der Anonymität des Großstadtdschungels unsichtbar wirst. Ein schwuler Mann in einer Stadt wie Köln ist, glücklicherweise, in der Zwischenzeit so "normal" wie ein Hetero-Mann, und wird von dem überwiegenden Teil der dort lebenden Menschen akzeptiert. Aber wie sieht es aus, wenn man sich dazu entschließt, als schwuler Mann auf dem Land zu leben? Ist es wirklich notwendig, als Schwuler in eine größere Stadt zu ziehen, nur um akzeptiert zu werden?



Zu diesem Thema gibt es im Internet massenweise Futter zum lesen, oder Videos zum gucken. Bei vielen der gefundenen Berichte handelt es sich um Reportagen, die genau dieser Frage nachgehen: Ist ein anerkanntes Leben eines schwulen Mannes, oder einer lesbischen Frau überhaupt möglich? Die Antwort scheint, selbst jetzt im Jahr 2017 ernüchternd zu sein. Auch wenn die Gesellschaft immer offener zu werden scheint, so ist Tuscheln hinter dem Rücken eines Mannes, der öffentlich zugibt, nicht auf Frauen zu stehen, ein weit verbreitetes Phänomen. Was dieses hinterfotzige Getratsche mit jemanden macht, der über seinen Schatten gesprungen ist, allen Mut zusammen genommen hat, und sich in der Öffentlichkeit zu erkennen gibt, können sich viele Menschen nicht vorstellen. Diese beschissene Ignoranz mancher Leute macht mich traurig und wütend! Ich weiß, man kann andere Menschen nicht ändern, wenn sie nicht bereit dazu sind. Das einzige was man tatsächlich ändern kann, ist die Einstellung gegenüber seiner eigenen Person. Als betroffener, schwuler Mann ist es deshalb wichtig zu wissen, was man als queerer Landmensch mit seiner Zukunft anstellt.

Es gibt zwei Gründe, warum ich über dieses Thema lamentiere.

Grund 1:

Ich selbst habe zwei Jahre in München gelebt, bin aber wegen eines früheren Partners aufs Land gezogen. Ich gebe zu, daß eine Großstadt für einen schwulen Mann viele Vorteile bietet. Schon alleine die Möglichkeit, schwule Lokale vor der Haustür zu haben, ist ein nicht zu unterschätzender Gewinn an Lebensqualität. Da in einer Stadt wie München viele Leute wohnen, ist die Dichte an schwulen Männern natürlich größer, was die Kontaktaufnahme zu anderen schwulen Männer für das eine, aber auch das andere erheblich erleichtert.
Nachteile am Leben in der Großstadt: Es geht überall zu wie Sau. Menschenmassen über Menschenmassen überall. Verkehrskolaps auf den Straßen incl. Feinstaubbelastung, und Lärm. Wohnungen sind so teuer, daß WG´s aus dem Boden sprießen, in denen nicht nur Studenten ihr Dasein fristen. Nein, selbst ganz normale Verdiener sind in der misslichen Lage, sich nicht mehr alleine eine Wohnung leisten zu können. In Punkto Lebensqualität hat, zumindest aus meiner Sichtweise, ein Leben auf dem Land immer noch die Nase vorne. Das ich mit meiner Meinung nicht alleine dastehe beweist mir der Bauboom, der in meiner Gemeinde eingesetzt hat. Vor den neuen Doppelhaushälften stehen überwiegend Autos mit Münchner Kennzeichen auf den Parkplätzen. Zufall?

Grund 2:

Erst vor kurzem habe ich einen erstaunlichen Mann kennen lernen dürfen. Obwohl wir einen guten Draht zueinander haben, sind wir, obwohl wir beide Landeier sind, sehr verschieden. Das mag zum einen an unserem Altersunterschied von 15 Jahren liegen. Zum anderen aber auch an der Art, wie wir beide auf´s Land gekommen sind, und nun dort leben.
Ich bin in einem Hochhausblock in der Nähe von München aufgewachsen, habe in München gelebt, und bin dann aufs Land gezogen, wo ich seit nunmehr 25 Jahre lebe. Er ist auf einem Dorf im Osten Münchens zur Welt gekommen, und hat seine Heimat noch nie verlassen. Er ist vollkommen in seine Gemeinde integriert, Mitglied bei der Feuerwehr, im Schützenverein, oder in der Landjugend aktiv. Er hat einen großen Freundeskreis, und ist bekannt im ganzen Ort wie ein bunter Hund. Ich hingegen habe zum Hardcore meiner Gemeinde nur Berühungspunkte über meinen Brötchengeber. Ansonsten kennt man mich im Ort vermutlich nur vom Einkaufen, da ich weder in einem Verein bin, noch andere, außerberufliche Kontakte zu den Leuten im Ort habe. Ich habe soz. die Anonymität der Großstadt mit zu meinem jetzigen Wohnort mitgenommen.
Er ist vollkommen ungeoutet, auch nicht, bei seiner Familie. Ich bin, bis auf den größten Teil meiner Kollegen, geoutet, und werde mich vermutlich auch in naher Zukunft allen anderen Personen offenbaren, da mir dieses ewige herumgeeier auf die Nerven geht.

Anhand der Lebensumstände meines Freundes überlege ich, welche Möglichkeiten man als schwuler Mann hat, sein Leben auf dem Land zu verbringen, und welche Veränderungen zu erwarten sind, wenn man sich, aus verschiedenen Startpositionen heraus auf dem Land outet.

Zu mir:
Da ich wenig Kontakt zur Dorfgemeinschaft habe, kann es, und ist es mir grundsätzlich egal, ob die Leute im Ort Probleme mit meinem Schwulsein haben. Da sich mein Arbeitgeber allerdings unweit meines Wohnortes befindet, und viele meiner Kollegen aus dem besagten Ort kommen, wird meine Offenbarung früher oder später auch meinen Alltag im Beruf beeinflussen. Ich gehe davon aus, in der erster Linie anfänglich negativ, da mein Arbeitsumfeld sehr konservativ ist. Ansonsten denke ich, daß ich, da ich schon seit einiger Zeit im privaten offen lebe, wenig Auswirkungen zu befürchten haben werde.

Zu meinem Freund:
Er ist nicht geoutet. Er ist fester Bestandteil einer Dorfgemeinschaft, seiner Heimat. Welche Möglichkeiten bieten sich ihm für das Ausleben seines zukünftigen, schwulen Lebens?
  1. Er zieht weg
    Das ist die Variante, die nach meiner Internet-Recherche von vielen Schwulen, bzw. Lesben praktiziert wird. Entweder, sie wollen sich erst gar nicht in die unangenehme Situation bringen, in ihrem Heimathafen wie ein Aussetziger behandelt zu werden, und ändern ihren Wohnort. Oder sie haben sich bereits mit negativen Auswirkungen geoutet, und ziehen nun weg, weil ein Leben in ihrem Heimatort wegen Mobbing für sie nicht mehr erträglich ist. Viele Schwule und Lesben machen diesen Schritt, weil sie sich in ihrem Heimatort wie ein Fremdkörper fühlen, und sich mental eher zu einem Ort, der sie freier Leben läßt, hingezogen fühlen. Wie muß es aber für jemanden sein, wenn der Betroffene alles ihm Bekannte, und Geliebte hinter sich lassen muß, nur um schwul leben zu können? Falls man tatsächlich diesen Schritt in Erwägung zieht, würde ich persönlich zuerst Punkt 2 ausprobieren, da es dann sowieso egal ist, ob einen die Leute im Heimatort noch mögen, oder nicht. Zumindest gibt man den Vertrauten in seiner Heimat eine Chance auszuprobieren, ob das schwule Leben in diesem Ort funktioniert, oder nicht.
  2. Er outet sich kompromisslos
    Das wäre zumindest die ehrlichste aller Möglichkeiten, denn er würde voll und ganz zu seiner sexuellen Einstellung stehen. Großer, großer Nachteil dieser Vorgehensweise: Keiner kann einem sagen, wie die Sache ausgehen wird.
    Im besten Fall sind alle so aufgeschlossen, und wissen, daß sich mein Freund durch das Outing nicht ändert, nicht plötzlich AIDS bekommt, oder im Fummel durch das Dorf rennt. Er wird akzeptiert, so wie er ist (und so, wie er auch schon immer war!), und nur ganz, wenige, unbedeutende Menschen wenden sich von ihm ab. Alle leben auf einer Insel der Glückseeligkeit bis zum Ende ihrer Tage. Okay, das ist jetzt ein wenig naiv...
    Im schlimmsten Fall verschlechtert sich die Stimmung ihm gegenüber so grundlegend ins Negative, daß er als Konsequenz seine Heimat, seine Freunde, und sein bisher gekanntes Leben komplett aufgeben muß. Diese Möglichkeit halte ich jedoch für eher unwarscheinlich, da viele Menschen auch auf dem Land tatsächlich sehr aufgeschlossen sind, und sämtliche Freunde meines Bekannten ihn seit Kindertagen kennen. Der Großteil seiner Bekannten wird ihn weiterhin schätzen wie er ist, und einen Scheiß drauf geben, ob er schwul ist, oder nicht.
  3. Er outet sich nicht, und lebt seine Neigung nicht, oder im Verborgenen aus.
    Das es jemand schafft, seinen sexuellen Wünschen gar nicht nachzugeben, ist für mich unvorstellbar. Ich gehe davon aus, daß es bei 98% aller Männer so ist, weswegen ich diese Möglichkeit für nicht durchführbar halte.
    Bleibt also noch die Variante, seinen Neigungen im verborgenen nachzugeben, was vermutlich von den meisten Schwulen in einer solchen Situation praktiziert werden wird. Vor allem verheirateten Männern bleibt schon alleine aus finanziellem Aspekten keine andere Möglichkeit, als ihre Neigungen bestenfalls weit weg von zu Hause auszuleben. Doch auch, wenn man nicht verheiratet ist, wie mein Bekannter, wäre das für ihn eine Möglichkeit, seine Homosexualität mit seinem konservativen Leben in seiner Heimat unter einen Hut zu bringen. Als auf die Dauer befriedigend stelle ich mir das allerdings nicht vor, da sich diese Art des "Auslebens" einzig und alleine auf den sexuellen Aspekt beschränkt. Wer sich jedoch verliebt, oder eine Beziehung anstrebt, wird auf diese Weise nicht glücklich werden.
Ob, wann, und wie man sich als Schwuler auf dem Land outet, bleibt jedem selbst überlassen, und ist Ermessenssache jedes Einzelnen. Meinem Freund würde ich wünschen, daß er sich outet, und alles gut wird. Sollte er diesen Schritt durchführen, werde ich ihm soviel seelischen Beistand leisten, wie mir möglich ist, und drücke ihm dafür die Daumen. Ich werde aber weder ihn, noch irgendjemand anderen dafür verurteilen, sich gerade als Schwuler auf dem Land nicht zu outen, da die Folgen, mit dieser Sache an die Öffentlichkeit zu gehen, einfach sehr schwer absehbar sind.

Allerdings: Je mehr Menschen sich in der Öffentlichkeit als homosexuell zu erkennen geben, desto breiter wird zukünftig auch auf dem Land die Akzeptanz werden. Da bin ich mir sicher.

1 Kommentar:

toolboxxblogger hat gesagt…

Dazu ein kleines Update von mir: Schon vor ein paar Jahren hat sich mein Bekannter tatsächlich geoutet, ist jedoch meines Wissens immer noch in seiner Heimat ansässig, und hatte dort offenbar keine besonders einschneidende Nachteile aufgrund des Coming-Outs. Wir haben keinen Kontakt mehr zueinander. Über die Status-Bilder von What-App habe allerdings mitbekommen, daß er jetzt einen Freund hat, und offenkundig mit ihm eine tolle Partnerschaft führt. Das freut mich sehr für ihn, und ich wünsche ihm eine sorglose, und glückliche Zukunft auf dem Land.