Freitag, 11. August 2017

Der "perfekte Tag"

Die Frage war so simple, daß sie mich aus dem Konzept brachte:

"...und wie würde denn bei Ihnen ein perfekter Tag aussehen?"
Ein perfekter Tag? Echt jetzt? So eine Frage war mir bisher in meinem Leben noch nie gestellt worden. Nicht genug, daß ich diese Frage aus dem Stegreif nicht beantworten konnte. Ich sollte mir bis in zwei Wochen Gedanken machen, und diese zu Papier bringen. Ich war erleichtert. Schreiben kann ich, und ganz doof bin ich auch nicht. Also sollte es doch für mich das einfachste der Welt sein, heraus zu finden, was denn für mich ein "perfekter Tag" ist.

Seit der Fragestellung ist nun schon eine Woche vergangen. Einer Woche, in der ich mir in den freien Minuten die ich hatte, immer wieder diese Frage gestellt habe. Ich saß vor dem Rechner, ein leeres Dokument geöffnet, und war bereit, zu schreiben. Ich dachte, es würde mir so leicht von der Hand gehen, wie diese Zeilen. Das die Gedanken meine Finger nur so über die Tastatur gleiten lassen, und ich im Nu einen für mich perfekten Tag auf das imaginäre Papier gekritzelt hätte. Doch es passierte nichts. Zumindst nichts brauchbares. Das gibt´s doch nicht, oder? So fühlt sich vermutlich ein Autor, wenn er eine Schreibblockade hat. Das bin ich genau in diesem Momenten: Ein Schriftsteller, dem keine Story mehr einfällt.



Wäre es nur eine Geschichte, dann wäre es halb so wild. Das schwierige an der ganze Sache ist, daß ich mir eine Geschichte ausdenken muß, die für mich plausibel, nachvollziehbar, und einigermaßen realitätsnah ist. Ganz wichtig dabei: diese Geschichte sollte mein innerstes Freude-Zentrum zum glühen bringen.

Da ich vor dem leeren Blatt Papier saß wie ein Depp, habe ich wieder einmal meinen Freund Internet um Hilfe gebeten. Da diese Frage offensichtlich zum Standart-Repertoire eines jeden guten Therapeuten gehört, wurden mir über die Suchmaschine tatsächlich etliche Treffer geliefert. Nacheinander habe ich die Ergebnisse angeklickt, und beim Lesen festgestellt, daß ich die meisten dieser Beträge einfach nur lächerlich finde. Beispiele gefällig?

Bei simply feel it! fühl Dich einfach wohl, Artikel "6 Blogger verraten Ihren perfekten Tag" mußte ich schon beim lesen der Überschrift meine Augen nach oben vedrehen. Der Autor, der nebenbei praktischerweise Lebensweisheiten in Bücherform vertreibt, läßt einem an seinem reichen Wissenschatz teilhaben. Sein perfekter Tag sieht dann in etwas so aus, Zitat:
  • Ich wache ausgeschlafen und voller Energie auf. Im Halbschlaf erinnere ich mich gerade noch an meinen letzten wilden Traum – und schreibe ihn womöglich sogar auf.
  • Anschließend zwanzig Minuten stille Sitzmeditation.
  • Ich schreibe meine Morgenseiten (DIN-A4-Seite).
  • Ich entscheide mich zwischen einem grünen oder schwarzen Tee.
  • Ich bereite mir ein gesundes, veganes und reichhaltiges Frühstück zu (Müsli mit Obst & 2 Scheiben Vollkorntoast). 
Für den Autor, und auch den Bloggern, die danach ähnliche Tipps veröffentlicht haben, mag diese Art des perfekten Tages auch ganz in Ordnung sein. Das Problem dabei: Das bin nicht ich!
Ich bin keiner der Sitzmeditation macht, oder einen wilden Traum der letzten Nacht aufschreibt. Und ein gutes Frühstück ist bei mir normalerweise auch nicht vegan. Ich habe mit diesen super-gesunden, durchtrainierten, und mit-sich-im-Einklang-lebenden Menschen so viele Berührungspunkte, wie ein Vegetarier mit einem Schnitzel. Wenn ich solche Berichte lese, dann schüttelt es mich. Diese Menschen kommen mir vor wie Sekten-Mitglieder, die mich auf der Straße ansprechen, und mir sagen:
"...ja, mein Freund: Gott liebt auch Dich! Preiset den Herrn, denn er kümmert sich auch um Dich!"
Im realen Leben kümmert sich der liebe Gott nämlich einen alten Scheiß um mich. Wenn er sich um jeden von uns kümmern würde, gäbe es kein Leid mehr auf diesem Planeten, und alle würden glücklich in Frieden und Harmonie leben. Das mal nebenbei erwähnt.

...wo war ich? Ach ja, der beschissene, "perfekte Tag".

Glücklicherweise bin ich durch Zufall auch auf das hier gestossen, was mir nach all dem Müsli-Gelabber ein herzhaftes Lachen abgerungen hat. Das tat gut! Eine Lösung für mein Problem hatte ich allerdings durch das Internet immer noch nicht gefunden. Selbst die Forenbeiträte von anderen Lesern waren entweder einfallslos (ausschlafen, fernsehen, Buch lesen, kuscheln, schlafen), oder aber total abgedreht. Ich merkte schnell, daß diese "Tage" nicht meine "Tage" waren, und in meinen Augen schon gar nicht perfekt. Was also tun?

Ich habe versucht, mich auf die Ereignisse meiner Vergangenheit zu konzentrieren, die mir offensichtlich eine große Freude bereitet haben müssen. Das dies für jemanden mit einer Depression nicht besonders einfach ist, sollte einleuchten. Während ich also mein Gehirnschmalz zusammenlaufen ließ, hat sich in mir die Erkenntnis breit gemacht, daß die Dinge, die mich glücklich gemacht haben, im Vergleich mit anderen Ereignissen wohl in der Unterzahl liegen. Trotz dieser Einsicht habe ich versucht, mir eine fiktive Story aus den Fingern zu saugen. Heraus gekommen ist dabei ein Drehbuch für ein billiges, schwules F-Movie, daß vermutlich als Film nicht einmal auf Tele5 laufen würde.

Ich war unzufrieden. Deshalb, weil dieses Plastik-Meisterwerk genausowenig "ich" war, wie die Geschichten, die ich im Internet gefunden hatte. Ich stand also wieder am Anfang.
Aus Frust über mein Unvermögen, mir einen "perfekten Tag" für mich vorstellen zu können habe ich einfach angefangen zu schreiben. Unverkrampft habe ich einfach meine Gedanken fließen lassen, und diese nieder geschrieben. Genau so, wie ich es jetzt hier mache. Herausgekommen ist dabei ein "perfekter Tag", der vermutlich nicht die Erwartungen meines Therapeuten entsprechen wird, und den dieser vermutlich auch deswegen nie zu Gesicht bekommen wird. Dewegen, da meine Vorstellung eines "perfekten Tages" auf totale Gleichgültigkeit, und der Abschaltung meiner Gefühle basiert, welche mir endlich Ruhe, und Frieden vor dem ewigen "was wäre wenn" bescheren würde.

Wie ist es bei Euch? Wie sieht Euer "perfekter Tag" aus? Und bitte verschont mich jetzt mit dem üblichen New-Age-Geschwätz. Ach ja, sorry: Diesen Mist hier ließt ja kein Mensch. Da werden die Antworten natürlich ziemlich mager ausfallen. Ist ja auch egal. Ich übe mich in Gleichgültigkeit, in der Hoffnung, so meinen "perfekten Tag " doch noch einmal zu erreichen.  


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