In meiner Schulzeit hatte ich eine Englischlehrerin, die immer am Anfang jeder Stunde einen der Schüler an die Tafel holte, um diesen/diese dann über die vorhergehende Schulstunde zu befragen - auf Englisch versteht sich. Ich weiß noch, das ich versucht habe, mich hinter meinem Vordermann in der Klasse zu verstecken, wenn meine Lehrerin am Stundenbeginn ihre Blicke über die Köpfe der Kinder schweifen ließ, um einen Deliquenten auszusuchen.Ich denke, jeder von Euch kennt dieses ungute Gefühl, in eine Situation gebracht zu werden, in der die Gefahr besteht, daß man vor anderen Menschen bloßgestellt wird. Bei mir war, und ist das natürlich genau so. Vermutlich ist das auch der Grund, warum ich mich damals so gut es ging versteckt habe.
Kennt ihr auch diese Situation? Ich denke, dieses ungute Gefühl wird umgangssprachlich mit dem Wort "Lampenfieder" definiert. Man bekommt Schweißausbrüche. Das Herz rast, und, falls etwas unvorhergesehenes passiert, schießt einem das Blut ins Gesicht, was die ganze Situation noch unangenehmer macht. Man vergißt, was man sagen wollte, während einen die Augen der anderen anstarren. Fordernd, erwartend, und unbarmherzig. Manche kichern, und ergötzen sich an dem Schauspiel, das sich vor ihnen abspielt.
Ich denke, jeder von uns kennt diese Angst. Und jeder von uns hat Strategien entwickelt, mit dieser Angst umzugehen. In der Regel wird man mit steigendem Alter vor solchen Ereignissen gelassener. Man weiß, daß man nicht sterben wird, wenn einem bei einem öffentlichen Vortrag ein Fehler unterläuft. Man weiß, den anderen würde es genauso gehen, wenn sie, statt einem selbst, plötzlich vor einer Menge Unbekannter reden müßten. Man bekommt Routine, wenn man öfters in solche Situationen gerät. Vermutlich deswegen, weil man sich durch das immer wieder erleben einer solchen Situation ein Verhalten zurecht legen konnte, das einem hilft, eine solche Situation unbeschadet durch zu stehen.
Das beängstigende an solchen Erlebnissen ist nicht die Situation an sich. Das was mir Angst macht, ist die Ungewissheit, was passieren könnte. Ungefähr so, als wenn der Moderator in einem Fernsehstudio plötzlich auf die Idee kommt, einen Zuschauer auf die Bühne zu holen. Man hat keine Möglichkeit, sich auf so eine Situation vorzubereiten. Es passiert einfach.
Schon als Kind war es mir unangenehm in Situationen gebracht zu werden, bei denen ich nicht weiß, was als nächstes passieren wird. Vermutlich ist das auch der Grund, warum ich nie in einem Verein angemeldet war. Oder der Grund, warum mich meine Mutter noch in die Schule gebracht hat, als andere Kinder schon selbstständig alleine dorthin gegangen sind. Das ist auch der Grund, warum ich selbst heute nicht alleine in eine Kneipe gehe. Wäre die besuchte Kneipe menschenleer, wäre es kein Problem. Wären nur ein paar wenige Leute da, wäre es auch noch okay. Wäre die Kneipe allerdings voll mit Leuten die sich untereinander gut kennen, alle wären schon angetrunken, und hätten einen Mords-Spaß, und ich würde als einziger Unbekannter dazu kommen, dann hätte ich ein sehr ungutes Gefühl dabei in der Magengegend. Deswegen, weil ich mich erst einmal "behaupten" müßte. Zeigen müßte, daß ich dazu passe, und nicht der Freak bin, der ich offenbar zu sein scheine.
Die Unberechenbarkeit anderer Menschen macht mir Angst. Die Ungewißheit, wie sie auf mich, auf meine Person, auf mein Auftreten, auf meine Art reagieren werden. Plötzlich in einer Szene zu landen, auf die ich nicht routiniert reagieren kann, verängstigt mich. Deswegen gehe ich solchen Situationen meistens aus dem Weg. Es ist eine Angst vor Kontrollverlust. Eine Angst, die es beispielsweise auch verhindert, daß ich ungehemmt Alkohol, oder sonstige Drogen konsumiere, da ich auch hier nicht die Folgen meines Handels unter Kontrolle habe. Kontrolle zu haben ist für mich offensichtlich ein extenzielles Gut.
Als junger Heranwachsender, wurde mir irgendwann einmal bewußt, daß ich anders bin. Schwul zu sein, aber auch hier nicht den schwulen Kriterien zu entsprechen, die ich von außerhalb suggeriert bekam, hat mich verändert. Ich habe ich mich von den anderen gleichaltrigen Menschen in meinem Umfeld abgekapselt. Das passierte nicht schlagartig, sondern war ein schleichender Prozess, ähnlich dem, der Alkoholiker ereilt. Ich wurde zu dem, der ich noch heute noch bin: Ein Außenseiter. Ein Einzelgänger.
Es hat viele Nachteile so zu leben. Kein Freundeskreis ist wohl das größte Manko dabei. Krankhafterweise schmeichelt es mir aber sogar, daß mich niemand kennt. Wie bei einem Western, wo ein unbekannter, mysteriöser Mann eine fremde Stadt betritt, und die Menschen im Ort hinter den Vorhängen hervor spähen, und über den geheimnisvollen Fremden tuscheln. Wäre er nicht mehr geheimnisvoll, und fremd, würde seine magische Aura, die ihn jetzt noch umgibt, verschwinden. Er wäre ein Mensch wie jeder andere. Mit seinen Fehlern, und seinen Fähigkeiten. Die Magie wäre verblaßt. Ist total krank, ich weiß! Keine Ahnung, was in meiner Birne vorgeht...
Was ich jedoch weiß, ist, daß ich getrieben durch meine Angst, vereinsame - mysteriöser Einzelgänger hin-, oder her. Das ist mir erst bewußt geworden, seit dem ich wieder alleine mein Leben meistern muß. Die Erkenntnis, daß es zwar schön ist, alleine zu sein, man aber dennoch Menschen in seinem Umfeld braucht, die auf der gleichen Wellenlänge senden, hat mich in den letzten Monaten immer mehr zum nachdenken angeregt. Dieses Klicken in meinem Kopf war auch der Grund, warum ich nun aktiv versuche, meine Probleme anzugehen. Wenn ihr mich also mal alleine in einer Kneipe seht, dann wißt ihr, ich habe die Englischlehrerin in meinem Kopf besiegt - zumindest teilweise!
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