Montag, 10. Juli 2017

Romantik ist was für Mädchen!

...ich mache den Fernseher an, und "Bääääm"!!!

Wieder einmal strecken mir in einem Musik-Clip Frauen, die statt einer Hose einen Strick zwischen den Beinen tragen, ihre gut gefüllten BH's entgegen, und räkeln sich so lasziv auf dem Boden, das man glauben könnte, sie wollen sich zum Orgasmus rutschen während sie ihr Lied trällern.
Als ich später den Computer starte, und mich mit dem www verbinde, werde ich auf der Startseite meines Email-Anbieters darüber informiert, das man als Mann länger mit seiner Freundin vögeln kann, wenn man nur oft genug Sport treibt, und ab und zu seinen Körper mit Ginseng füttert. Dazu noch die besten Tipps für einen Seitensprung, oder wie man am besten mit seiner Freundin Schluß macht.

...und wieder mal stelle ich mir die Frage: Was ist nur aus der Liebe geworden?



Komische Frage? Kommt auf die Perspektive an. Meine Perpektive scheint heute so wenig in das Weltbild zu passen, wie jemand, der von der Couch aufstehen muß, um bei seinem Fernseher das Programm zu wechseln. Dennoch halte ich an meinem Bild von der Liebe fest. Für mich hat Liebe nicht etwas mit Berechnung zu tun. Auch nicht mit Leistung. Nicht mit Ansehen, oder mit Vorgaben. Wie ich das meine?

In einem älteren Post habe ich mich ausgehend damit beschäftigt, warum wir auf der Suche nach der großen Liebe sind. Auch damit, daß die sog. "große Liebe" sich allzuoft als Trugbild darstellt, und somit eine Trennung von einem Partner leichter durchzuführen ist, als ein Spiegelei aus Chefkoch Tony's Superpfanne heraus zu blasen.
Dennoch sind wir alle auf der Suche - mehr, oder weniger.
In meinem Fall mehr. Aber ich suche nicht das, was offensichtlich zur Zeit alle zu suchen scheinen, da mein Verständnis von Liebe und Sex sich augenscheinlich nicht mehr mit der derzeitigen Realität zu decken scheint.

Ja, ich gebe zu: Ich bin wohl ein Romantiker im klassischen Sinne. Das scheint momentan jedoch nicht mehr gefragt zu sein. Gerade in der schwulen Welt scheint Leistung das Maß aller Dinge. Quantität erntet dabei Bonuspunkte. Ich kenne etliche Männer, denen es mehr Freude bereitet sich dabei zu erinnern, wie viele Freunde sie schon verschlissen haben, als sich über den aktuellen Freund zu erfreuen, der so austauschbar scheint, wie eine defekte Glühbirne. Beim Sex hast Du so perfekt zu sein wie der Mann, den Du bei Deinem letzten Besuch einer Pornoseite im Internet gesehen hast. Ungeschicklichkeit, Durchhänger, oder gar keine Lust auf eine der obligatorischen Praktiken werden von den schwulen Mainstream-Ratingagenturen mit Minuspunkten versehen, die Dich in Deiner Wertung als Musterschwuler ins bodenlose herab sinken lassen. Fortan wandelst Du als lebender Untoter durch die schwule Landschaft, ausgestoßen von der vermeintlichen Elite, da sich Deine Leistungsschwäche schnell herum gesprochen hat.

Warum machen wir uns selbst so einen Druck? Warum rennen wir einem Ideal nach, das uns nicht glücklich macht?

Wenn ich an Liebe, und Sex denke, habe ich Bilder im Kopf wie...
...das ich an einem vollen Bahnsteig Dein Gesicht suche, es in der Menge entdecke, und mich freue. Ich sehe, daß Du mich noch nicht entdeckt hast. Als Du dann Deinen Kopf drehst, und mich mit Deinen Augen erfaßt, verändert sich Dein Ausdruck auf Deinem Gesicht von besorgtem Suchen zu entspannten Entdecken. Besser gesagt, Du strahlst wie ein Kind, das sein liebstes Kuscheltier entdeckt hat. Erleichtert mich gefunden zu haben. Und dieses Lächeln läßt mein Herz schneller schlagen, und gibt mir das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, als ich mich für Dich entschieden habe. Ein Gefühl, daß nie zu Ende gehen wird.

...oder auch...
...als ich mit meiner Hand dicht über die Oberfläche Deiner Haut steichle, sehe ich unter meinen Fingern, wie sich die Härchen auf Deiner Haut aufstellen, und sich meinen Fingern entgegenstrecken, so als würden sie sagen wollen:

"Ja, berühre mich, denn ich gehöre jetzt ganz und gar Dir!"
Ich kann Dich spüren, riechen, und schmecken. Wir sind in einer zeitlosen Glücksblase, und unsere Körper scheinen hier drin so miteinander zu verschmelzen, wie es unser Geist bereits getan hat. Es erregt, und befriedigt mich zu sehen, wie sehr Du meine Berührungen aufnimmst, und Dich dabei fallen läßt, so wie ich mich bei Dir ohne Angst fallen lassen kann. Nichts ist uns beiden peinlich. Wir müssen uns nichts beweisen. Du begibst Dich in meine Obhut, und ich mich in Deine, da wir uns grenzenlos vertrauen. So, wie es nur zwei Menschen tun können, die sich lieben.

Zu kitschig? Nicht mehr zeitgemäß? Uncool? Überholt meint Ihr?

Erst vor kurzem bin ich in einem Chat mit den Worten...
"...Du bist aber romantisch..."
 ...beschrieben worden, und es hat sich dabei nicht wie ein Kompliment angefühlt, sondern so, als wäre es ein Makel. Oder so, als wäre es unmännlich, und in der heutigen Zeit eher ein wenig lächerlich.

Das war nicht das erste Mal, daß ich eine solche Reaktion auf meine romantische Ader bekommen habe. Als meine Mutter noch klarer im Geiste war, hatte ich mit Ihr ein Gespräch über ihre Ehe, und das, was ich mir von einer Partnerschaft erwarte. Ich sagte ihr damals, daß wenn ich am Morgen in meinem Bett die Augen aufschlage, ich in das liebste Gesicht auf der Welt blicken möchte, daß mich anlächelt, und meine tief
empfundene Liebe wiederspiegelt. Auch meine Mutter, die mir ihre zweckmäßige Ehe aus ihrer Sicht geschildert hatte, entfuhr der Satz "...na, Du bist aber romantisch...". Das mit einem Ausdruck im Gesicht, der ihr ungläubiges Erstaunen, und eine Prise leichte Enttäuschung offenbarte. So, als wenn man nach langer Zeit das erste Mal einen Charakterzug an einer vertrauten Person erkennt, den man dieser Person allerdings vorher nie zugetraut hätte. So, als hätte man gerade festgestellt, daß der Gesprächspartner sich auf einem absoluten Holzweg befindet, und man diese Person zu ihrem eigenen Schutz wieder zurück in die Realität holen müßte. Das hatte mich erstaunt, da ich davon ausgegangen bin, daß die meisten Menschen so denken wie ich.
Bisher dachte ich, daß sich alle Menschen danach sehnen, einen anderen Menschen zu treffen, ohne den man sich ein weiteres Leben nicht mehr vorstellen kann. Jemanden, der einen vervollständigt, und der dem eigenen Leben erst einen Sinn gibt. Wie viele Lieder, Gedichte, Bühnenprogramme, Kinofilme, und Hörbücher handeln genau von dieser Sehnsucht? Und dennoch will niemand sich die Blöße geben so zu empfinden. Zu groß scheint die Gefahr, daß man heutzutage dieses Verlangen nach Nähe als eine Schwäche ansieht. Was für ein Bullshit!


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