Mittwoch, 14. Juni 2017

Ein Kratzer auf der Oberfläche

Man könnte meinen, durch die neuen Medien, gerade durch soziale Netzwerke würden immer mehr Menschen zueinander finden. Das es leichter wäre, Kontakte zu anderen Menschen herzustellen, die halbwegs so ticken wie man selbst. Jeder ist erreichbar, auch wenn er noch so weit von einem entfernt wohnt. Unendliche Möglichkeiten der Kontaktaufnahme.
Und tatsächlich: Ich habe die Erfahrung gemacht, daß ich in kurzer Zeit eine Menge Leute kennenlernen kann, treibe ich mich nur oft genug auf Internetplattformen herum, auf denen ich Gleichgesinnte treffen kann. Ich müßte also einen ganzen Sack voll neuer Freunde haben, und meine komplette Freizeit damit verbringen, Freundschaften zu pflegen. Eigentlich. Denn ich habe den Eindruck, daß trotz, oder vielleicht auch genau wegen dieser Möglichkeiten Freundschaften, so wie ich sie noch kennen lernen durfte, zur Ausnahme werden. Denn meist bleibt es beim virtuellen Kontaktaufbau. Gerade auf schwulen Seiten im i-Net. Warum ist das so?



Anstatt Portale wie GayRoyal als einen Starter für ein weiteres Kennenlernen zu nutzen, verkümmern diese Service-Seiten zu einem Austauschort für nicht verpflichtendes, hohles Geschwätz - daher wohl auch der Name "Chat". Grundsätzlich wäre das ja auch richtig, wenn nach dem Kontaktaufbau über den Chat ein weiterer Schritt via Telefon, oder persönliches Treffen folgt. Sozusagen eine Art geschriebener Anrufbeantworter, der es einem ermöglicht, den ersten Kontakt herzustellen, und vorab abzuklopfen, ob es Sinn macht, weitere Arbeit in diese aufkeimende Freundschaft zu investieren. Kennt man sich besser, ist dieser Chat auch eine tolle Möglichkeit, um Kontakt zu halten, bzw. dem anderen Nachrichten zukommen zu lassen. So weit die Theorie.

Doch wir leben in der Zeit der Kurznachrichten. Persönlicher Kontakt, wie Telefonieren scheint ein aussterbendes Kommunikationsverhalten der zivilisierten Menschen zu sein. Bevor man telefoniert, was in der Regel schneller, und einfacher geht, schreibt man nun SMS, Whatapp, oder chattet in sozialen Netzwerken. Selbst vor augenscheinlich senilen 70-jährigen, die durch einen dummen Zufall eins der höchsten Ämter der Welt erschlichen haben, macht dieser Trend nicht halt. Verrrückt!

Meine Erfahrungen mit Chat´s: Hat man das Glück, das jemand sich traut einen als zunächst unbekannte Person "anzusprechen", geschieht das meist nicht in der Form, die mir in der Schule noch beigebracht worden ist. Eine Form, die gegliedert ist in Begrüßung - Text - Verabschiedung. Häufig beginnt ein Chat mit den Worten "Hi", oder einfach "Hallo", ohne einen weiteren Text. Die Steigerung dazu ist, daß man sofort mit Nacktfotos versorgt wird, oder einem die wohl wichtigste Frage aller Fragen um die Ohren gehauen wird, die da lautet: "Willst Du mit mir ficken?"
Immer wieder begegnen mir auch Menschen, die etwas schreiben wie...
"...schön mal jemanden zu treffen, der einfach mal ganz normal chatten will. Ich bin so froh, daß wir uns über den Weg gelaufen sind. Du gefällst mir..."
Das war´s dann. Die gleiche Person meldet sich nicht mehr, oder blockt Dich gleich auf dem Portal. Sozusagen Hardcore-Chat-Verweigerung. Das einem Chat dann ein Telefonat als nächster Step folgt ist so unwarscheinlich, als wenn Vladi Putin den Friedensnobelpreis bekommt.

Ich frage mich, was bei der sozialen Entwicklung von uns schief gelaufen ist. Oder bin ich vielleicht wieder der Nerd? Der angehende Rentner, der einfach mit der Zeit nicht Schritt halten kann? Warum muß ich beispielsweise nicht alle 5 Minuten mein Smartphone aus der Tasche zaubern, damit ich keine Kurznachricht verpasse? Normal nach den heutigen Maßstäben ist das nämlich nicht!

Wir  bewegen uns auf eine Zeit zu, die keine Tiefe mehr zuläßt. Man bewegt sich immer schön auf der matschigen Oberfläche menschlicher Beziehungen, und versucht, nicht mit den Füßen in ein Gefühlschaos einzusinken. Ganz nach dem amerikanischen Vorbild. Immer schön freundlich, aber unverbindlich bleiben. Niemanden mehr richtig kennenlernen, um sich nicht mit den Problemen der anderen Person belasten zu müssen. Man nimmt sich die Mitmenschen so, wie man sie braucht. Ist doch viel praktischer, oder?
Bist Du geil, suchst Du Dir jemanden auf einem Sexportal, poppst ein bißchen, und verabschiedest Dich wieder. Hast Du ein Problem bei der Erziehung, geh in ein Forum für Eltern, hol Dir ein wenig Rat & Tat, und wenn wieder alles paletti ist, melde Dich ab, und vergiß die Leute, die Du dort kennengelernt hast.
Beziehungsweise: Waren das überhaupt richtige Menschen, oder waren das nur Bots? Wer weiß...

Es lebe die Oberflächlichkeit! Ein Abfallprodukt der Konsumgesellschaft. Mitnehmen - verbrauchen - wegwerfen. Geht mit einem Joghurt. Geht aber auch mit Menschen, die sich hinter einem Pseudonym im Internet verstecken. Irgendwann werden wir so enden wie die Menschen in dem Film Surrogates. Wo wir nicht mehr selbst miteinander agieren, sondern nur noch als ein virtuelles Abbild, daß wir selbst von uns geschaffen haben. Irgendwie gruselig, oder?

Aber bestimmt sehe ich das zu eng. Liegt an meinem Alter. Ihr wißt ja: Der Generationen-Konflikt ist schuld. Bestimmt ist es gar nicht so, wie ich es empfinde, und meine Wahrnehmung spielt mir nur einen Streich. Bestimmt...

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