Erst vor kurzem war ich Spazieren. An einem sonnigen Frühlingstag bin ich auf der Hauptstraße einer mittlegroßen Kreisstadt entlang gebummelt. Vorbei an vielen Geschäften. Auch an einem Foto-Laden. Im Schaufenster wurden dort die Bilder von Kunden ausgestellt, die offensichtlich im Auge des Fotografen besonders ausstellungsbedürftig waren. Neben den Hochzeitsbildern, die ich überwiegend so authentisch finde wie die lila Kuh eines Schokoladenherstellers waren auch mal wieder Familien-Bilder zu bestaunen. Ein Bild fand ich dabei besonders nervig: Eine schwangere Frau hat sich wieder einmal dazu berufen gefühlt, ihre dicke Baby-Plauze nackt vor die Kamera-Linse zu halten. Das Gesicht, der Busen, und die Scham wurden dabei von ihren Armen, und dem gnädigen Schattenspiel verdeckt. Diese Frau habe ich in Schaufenstern von Foto-Shops wohl schon hundert mal gesehen. Immer wieder, wenn ich so ein Bild sehe, frage ich mich, was die Frau geritten hat, dieses intime Bild von sich machen zu lassen, und dann in die Öffentlichkeit zu tragen. Oder besser gesagt: Eigentlich weiß ich schon, was der Beweggrund für diese Meisterwerke sind. Und genau das macht die Sache so peinlich.Der Grund heißt Demi Moore. Meines Wissens war sie die erste Frau, die sich schwanger hat ablichten lassen. Das Bild kam auf´s Cover der Vanity Fair, und kurbelte vermutlich die Verkaufzahlen dieser Zeitung erheblich an. Denn dieses Bild war damals ein echter Reißer. So spektakulär, daß selbst andere Medien davon berichteten. Ein Hingucker. Ein No-Go. Eine Schwelle, die überschritten worden war.
Mit Stolz in den Augen präsentierte Demi sich selbst. Als eine selbstbewußte Frau, die zeigen wollte, wie schön ihr Körper auch, oder evtl. genau wegen ihres Baby-Bauchs war. Massen an Menschen waren entzückt von diesem Bild.
Viele Frauen eiferten dann leider auch Frau Moore nach. Doch ehrlich gesagt ist nicht jede Frau Demi Moore. Und ehrlich gesagt sieht auch nicht jede Frau nackt, und mit Baby-Bauch aus wie Demi Moore. Und ehrlich gesagt finde ich diese Tritt-Brett-Fahrer Aktion der anderen Frauen einfach nur peinlich. Peinlich deswegen, weil sie mir vor Augen führen, daß genau diese Plagiate auf den Fotos genau so cool, selbstsicher, schön, und souverän sein wollen wie Ihr Vorbild. Dabei jedoch ihre eigene Einfallslosigkeit zur Schau stellen. Ihre Gier danach, so zu sein, wie eine schöne, prominente Frau. Ich persönlich finde das irgendwie abstoßend!
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Man kann von dem Comidian Dieter Nuhr halten was mal will. Mir jedoch ist von seinem genialen Programm zum Jahreswechsel 2016 eine besondere Textpassage in Erinnerung geblieben, die, aus dem Gedächtnis heraus, in etwa so geklungen hat:
"...das Leben ist nichts "Großes". Nichts Spektakuläres. Das Leben von den meisten von uns ist klein. Aufstehen, in die Arbeit gehen, essen, Freizeit, schlafen. Das ist nichts Spektakuläres. Nichts Außergewöhnliches. Das ist jämmerlich. Und sich genau das bewußt zu machen, und das auszuhalten, macht die wirkliche Stärke eines Menschen aus."So stark sind die meisten Menschen nicht. Mich eingeschlossen. Wir alle streben danach, etwas besonderes zu sein. Insgeheim hoffen wir doch alle, das es uns ähnlich ergeht wie Danny DeVito. Der in einem Restaurant als Kellner gearbeitet hat, und dort, der Sage nach, von einem Filmemacher "entdeckt" worden ist.
Was für ein verdammtes, unverschämtes Glück!
Wir hoffen, das wir durch einen dummen Zufall zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Wir wissen, das wir eigentlich zu Größerem berufen sind, und daß das nur noch keiner entdeckt hat. Wir wissen auch, das dieser Entdecker schon irgendwo unterwegs ist, und nur drauf wartet, uns aus unserem langweiligen Leben zu picken. Wie ein Sandkorn, das am Strand von einem Vogel aus erwählt worden ist, aufgepickt, und verschluckt zu werden. Ein Sandkorn, daß nun als blinder Passagier mitgenommen wird, weg von dem langweiligen Alltags-Strand, hin zu einem neuen, aufregenden Ort, wo er dann von dem Vogel wieder ausgeschissen wird. Das ist unser Ziel: Schaut her: Ich bin da, und ich bin aufregend anders. Ich bin nicht so wie alle anderen. Also bewundert mich, denn ich bin außergewöhnlich, und deshalb stehe ich über Euch.
Wir alle sind auf der Suche nach Ruhm. Nach jemanden, der entdeckt, wie einzigartig wir sind, und uns dadurch aus der Masse der Mittelmäßigkeit errettet. Das ist der Grund, warum Facebook so viel Erfolg hat. Das ist der Grund, warum Leute auf Instagram Bilder aus ihrem Leben posten. Das ist der Grund warum wir Videos von uns in der Öffentlichkeit preis geben, die Menschen noch vor 40 Jahren never ever irgendwo außerhalb ihres engsten Familienkreises gezeigt hätten. Das ist der Grund, warum schwangere Frauen ihren dicken Bauch auf Papier verewigen, und öffentlich zeigen. Und sicherlich ist das auch einer der Gründe, warum Leute wie ich Blogs wie diesen hier veröffentlichen. Im Geiste sehe ich mich selbst schon, wie ich Markus Lanz gegenüber sitze, und er mich mit zusammen gekniffenen Augen, schief gehaltenem Kopf, und mit dem Zeigerfinger an seinen Lippen mustert, und mich fragt:
"...also: Wie ist denn dieser Blog entstanden? Du hast...entschuldige, aber wir können uns doch duzen, oder? (Lachen). Also DU hast erzählt, Du hast mit dem Schreiben in Deiner Midlife-Crises begonnen? Das ist ja interessant! Ich habe die Artikel von Dir gelesen, und kann viele Deiner angesprochenen Dinge unterschreiben. Was ich gar nicht glauben konnte ist, daß Du schwul bist! Da war ich wirklich sehr erstaunt. Ehrlich gesagt würde ich ja viel öfters Deinen Blog lesen, müßte ich mich nicht jeden Tag auf andere, viel langweiligere Gäste wie Dich vorbereiten..."Okay: Ich bin nicht blöd! Zumindest nicht so blöd. In Wirklichkeit interessiert es natürlich keinen Menschen, was ich schreibe. Ich weiß, daß ich nur meine Ergüsse hier verewige, weil ich mich selbst dadurch besser sortieren kann. Ich lese mir jetzt schon meine eigenen Threads von vor einem Jahr durch, und es hilft mir zu sehen, daß sich mein Gemütszustand zumindest zur Zeit ein wenig zu verbessern scheint. Einen Markus Lanz interesiert meine Schreiberei einen feuchten Furz. Das ist nicht verwunderlich. Und das ist auch nicht schlimm. Denn nicht jeder von uns ist geschaffen dazu, ein Star zu sein. Wäre jeder von uns prominent, wäre prominent zu sein nichts außergewöhnliches mehr.
Und das ist doch das, was uns alle vereint: Die schwangere Frau, den YouTuber, den Blogger, und mich. Wir alle wollen außergewöhnliche Menschen sein. Jemand, über den man redet. Auch wenn das nur in einen Zeitraum statt findet, in dem ein Foto in einem Schaufenster steht.
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