Freitag, 10. März 2017

Wie geht's ?

Wohl eine der meist gestellten Fragen weltweit. Du triffst Dich mit anderen Leuten, und schon wird einem diese Frage um die Ohren gehauen. Eigentlich ist diese Frage mehr als eine Floskel, und das, obwohl die meisten diese Frage als solche verwenden. Eigentlich interessiert es keine Sau wie's einem tatsächlich geht. Die meisten Leute haben mit ihrem eigenen Problemen genug Kacke am Hals, als das sie sich wirklich eingehend mit den Problemen anderer beschäftigen möchten. Ist ja auch verständlich. Warum also diese Frage?

Ich stelle mir vor, ich befinde mich auf einer imaginären Party. Ich stehe alleine mit einem Glas Sekt bewaffnet in einem Raum voller Leute, die locker im Raum verteilt sind. Kleine Grüppchen von Menschen, die sich angeregt miteinander unterhalten. Im Hintergrund läuft leise Jazz-Musik. Shade, oder irgendwas in der Art. Gerade als ich an meinem Glas nippe, treffe ich einen imaginären Freund. Der spricht mich unvorsichtigerweise an:




"..ja, servus alter Junge! Dich hab ich ja schon ewig nicht mehr gesehen. Na, wie geht's Dir? Alles waagrecht? Alles fit im Schritt?"
Seine Hand klopft freundschaftlich auf meine Schulter. Er lächelt mich an. Vertrauen schwebt zwischen uns - denkt er. Das würde ich antworten, wenn diese Situation real wäre:
"Servus Peter. Schön Dich auch mal wieder zu sehen. Du mir geht´s bestens. Und bei Dir auch alles paletti? Was macht denn die Ursula? Bestimmt ist die schon wieder schwanger! Habt ihr eigentlich keinen Fernseher daheim?"
Gelächter. Gute Stimmung. So wie ich es mag. So, wie es jeder mag. So, wie es die Etikette vorschreibt. Das es in mir ganz anders aussieht, würde Peter wohl nie erfahren. Wäre ich ehrlich würde ich so antworten:
 " Ist Deine Frage nur eine leere Worthülse, dann würde ich Dir sagen, das alles bestens ist. Ich habe einen tollen Job, verdiene genug Geld, hab ein funktionsfähiges Auto, eine tolle Wohnung, leide keinen Hunger, und hab keine schlimmen Krankheiten an der Backe.
Ist die Frage jedoch tatsächlich ernst gemeint, dann muß ich Dir leider sagen, daß es mir momentan einfach beschissen geht. Ich habe das Gefühl, daß mein Leben keinen Sinn hat. Ich lebe vor mich hin. Schlafen, aufstehen, grübeln, arbeiten, nach Hause kommen, Freizeitarbeit, grübeln, essen, grübeln, schlafen. Und warten bis die Jahre vergehen, und ich bestenfalls auf Grund eines Schlaganfalls Tod umfalle. Das kann doch nicht der Sinn des Lebens sein, oder?
Mal ehrlich: Bist Du denn glücklich mit Deinem Leben? Ist es bei Dir anders? Ich denke, uns unterscheidet, daß ich im Gegensatz zu Dir einfach zu viel alleine bin. Ich habe Zeit über mein Leben nach zu denken. Man sollte meinen, daß das im Grunde genommen gut ist. Das ich so zur Ruhe komme. Dinge der Vergangenheit reflektiere. Das ich weise "...aha, so ist das also..." sage. Das ich die richtigen Schlußfolgerungen für mein zukünftiges Leben ziehe, und alles besser wird. Klappt aber irgendwie nicht! Denken muß ich trotzdem.
Ablenkung scheint wohl ein Teil der menschlichen Verdrängungsmaschine zu sein, die das Leben erst erträglich macht. Sieht man ja bei Dir: Du bist ja andauernd unterwegs, hast Freunde, Deine Familie, Deine Kinder, Deine Karriere. Ich hingegen arbeite den ganzen Tag. Und wenn ich dann einmal in der Sonne sitze, und mein Gehirn wieder einmal damit anfängt nach dem Sinn meines Lebens zu fragen komme ich auf keine Antwort.


Was? Dir geht´s auch oft so? Du verarscht mich! Na da hab ich auch eine tolle Floskel für Dich auf Lager. Fast so gut wie "Wie geht´s Dir". Nur solltest Du nicht auf diesen Spruch hereinfallen wie ich.

"...das wird schon wieder, denn die Zeit heilt alle Wunden..."


Supi, oder?Aus eigener Erfahrung verrate ich Dir dazu ein Geheimnis: Einen Scheiß heilt die Zeit! Wenn Du einmal etwas wirklich Schlimmes erlebt hast wie ich, dann läuft das nämlich so ab:
Am Anfang läßt Dich das Grauen nicht los - Tag und Nacht. Nach einem Monat denkst Du vielleicht nur noch 100 Mal am Tag an die Sache, nach 6 Monaten vielleicht nur noch 50 Mal am Tag. Und irgendwann denkst Du nur noch alle paar Tage an dieses Ereignis. Du fühlst Dich sicher. Du denkst, Du bist drüber hinweg. Aber in Wirklichkeit bleibt dieses Erlebnis in Dir wie ein beschissener Herpes-Virus.
Und irgendwann einmal, egal, ob etwas Einschneidendes in Deinem Leben passiert, oder Du Dir nur gerade ein Wurstbrot schmierst, kommt der ganze Mist wieder an die Oberfläche, und trifft Dich wie ein Hammer. Das passiert mir zur Zeit fast täglich
. Von wegen, die Zeit heilt alle Wunden! Das können nur Leute behaupten, die entweder in einer Blase der Glückseeligkeit leben, oder so einfach gestrickt sind, daß sie nicht über Vergangenes nachdenken.
Da ich auch immer davon aus gegangen bin, das die Scheiß-Zeit alle beschissenen Wunden heilt, habe ich mein Leben umgekrempelt. Warum auch nicht. Schlimmes Dinge heilt ja die Zeit. Bei mir, und bei anderen. Total naiv.
Ich habe mein Leben auf links gedreht. Das Innerste nach außen gestülpt. Ein Neustart, bei dem bisher etliche wichtigen Personen meines Lebens als Kollateralschaden auf der Strecke geblieben sind. Ich bin davon ausgegangen, daß die Drecks-Zeit alle Schäden beseitigt, die ich bisher angerichtet habe, oder die ich in näherer Zukunft anrichten werde. Aber nein, mein Freund, so wie es scheint macht das die Zeit leider eben nicht! Vielmehr versteckt sich "Die Zeit" vermutlich irgendwo hinter einer Ecke, beobachtet, wie naive Menschen wie ich den Deckel von Pandoras Dose öffnen, und lacht sich dann ins Fäustchen, wenn das Elend seinen Lauf nimmt.
Die Wahrheit ist nämlich: Die Zeit ist ein Arschloch, das offensichtlich immer gegen mich arbeitet. Brauchst Du sie, ist sie nicht da. Brauchst Du sie nicht, ist sie im Überfluß vorhanden. Naiv wie ich bin, habe ich diesen Kampf gegen die Zeit aufgenommen. Letztendlich werde ich ihn verlieren. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Vermutlich wird die Zeit nicht gnädig mit mir sein, und mich alt werden lassen. So alt wie meine Eltern zum Beispiel. Ich werde dann spätestens mit 80 an einer Alzheimer-Demenz erkranken wie mein Mutter. Im Unterschied zu ihr werde ich aber auf Grund der Scheiße, die ich die letzten 2 Jahre losgetreten habe, und auf Grund meines Lebenswandels, der keine Zeit für Freund vorgesehen hat, alleine sein. Ohne Partner. Ohne Personen, die ich auch dann noch als vertrauensvolle Menschen erkennen kann, wenn sich mein Gehirn schon in meinem Kopf zu einem reinen Füllstoff verwandelt hat.
Nicht so wie bei Dir. Du hast Deine Frau, Deine Kinder, Deine Familie. Ich habe einen alten Scheiß! Und wenn es so weit mit mir gekommen ist, wird mich die Zeit ansehen, dreckig lachen, und wieder mal eine Kerbe in das Zifferblatt ihrer Uhr kratzen, auf der man schon vor lauter Kerben die Zahlen nicht mehr ablesen kann. Jede Kerbe ein vergeudetes Leben wie meins.

Aber ich kann der Zeit ein Schnippchen schlagen. Im Gegensatz zu Dir, und den ganzen anderen Freaks achte einfach nicht mehr auf meine Gesundheit. Scheiß auf Jogging, Fitness-Studio, und Nicht-Rauchen! Warum sollte ich so lange leben wollen wie möglich, wenn das Ende nicht so ablaufen wird, wie in einem Werbeclip der privaten Rentenversicherungen? Ich möchte genießen, leben, lieben. Und das möglichst ohne schlechtes Gewissen. Am liebsten würde ich wie eine Sylvester-Rakete mit einem lauten Knall im Himmel verglühen. Ich möchte nicht als Schwelbrand vor mich hinglimmen, bis ich irgendwann einmal von selbst ausgehe. Aber wer will das schon.
Das umzusetzten ist jedoch schwierig. Es gibt keine Anleitung dafür. Schon gar nicht für einen im Körper eines armseeligen Spießers gefangenen Rebells wie mich.


(Luft hol!)
....ähhm...

(räusper)

....habe ich Deine Frage damit beantwortet?"
Ich gehe mal davon aus, daß der imaginäre Freund, der sich unbedarft an mich gewandt hat, nun mit offenem Mund vor mir stehen würde, erstaunt davon, was seine kleine, höfliche Frage angerichtet hat.

...und abschließend, weil ihm nichts anderes dazu einfallen würde, weil ihm die ganze Situation eigentlich auch peinlich ist, er dann so etwas von sich geben würde, wie...
"Kopf hoch, alter Junge. Das wird schon wieder! Ist bestimmt nur so eine Phase. Das haben schon ganz andere vor Dir durchgestanden. Wirst sehen, morgen schaut die Welt schon wieder ganz anders aus."
In meinem Geiste sehe ich meinen imaginären Freund, wie er Augenkontakt zu anderen, ihm bekannten Leuten herstellt - erleichtert, da er nun dieser für ihn unangenehmen Situation mit einem Spruch ála...
"...Du, ich muß Dich mal kurz alleine lassen. Da hinten ist die Susi. Die hab ich ja schon seit Jahren nicht mehr gesehen... "
...elegant entrinnen kann. Schnell, bevor er sich tatsächlich mit meinen Problemen auseinander setzten müßte. Bevor er über das Gesprochene nachdenken muß. Bevor er sich in meine Situation hineindenken muß, und im schlechtesten Fall sogar sich in mich hinein-"fühlen" muß. Und bevor er merken würde, das es auch mir peinlich ist, jemanden anderen mit meinen Upper-Class-Problemen auf den Sack zu gehen.

Aber wer weiß. Vielleicht hat er ja recht. Vielleicht sieht die Welt morgen tatsächlich wieder ganz anders aus? Vielleicht treffe ich morgen jemanden, der sich tatsächlich dafür interessiert, wie es mir geht? Jemanden, der vielleicht sogar dafür sorgt, daß es mir wieder besser geht - deswegen, weil er/sie mich versteht.

. . . vielleicht . . .



Foto im Text:
Gideon , "Yes or No"
http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
Alle Bilder stammen aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de


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