Freitag, 9. Juni 2023

Werbung als Bestrafung?

Bei Fernsehsendern beliebt sind Rückblenden in die vermeintlich gute, alte Zeit. Erst vor kurzem bin ich beim herumzappen auf den verschiedenen Kanälen an einer dieser Sendungen hängen geblieben. Diese beleuchtete die Entwicklung der Produkt-Werbung von den Vor-, und Nachkriegsjahren bis in die 90er. Auch ich kann mich an den Fernseh-Werbespots aus meine Kindheit und Jugend erfreuen. Wie unschuldig, und naiv manche dieser Produktpräsentationen heute erscheinen, und wie sehr sich der Zeitgeist, und der Geschmack über die Jahre verändert hat. Erstaunlich!

Das sich Werbung in den letzten Jahrzehnten immer wieder verändert hat ist kein Geheimnis. In der Gegenwart hat das Umgarnen kaufwilliger Menschen jedoch meiner Meinung nach kuriose Züge angenommen.


Fernsehwerbungen aus den 60er-Jahren sind aus dem Blickwinkel der heutigen Zeit skuril: Gemacht wie kleine Spielfilme streckten diese sich über Sendezeiten, die heute kein Unternehmen mehr bezahlen würde. Wenn ich mir diese Filme ansehe gewinne ich den Eindruck, daß der Auftrag der "Werbungshersteller" darauf abzielte, den Zuseher über das Produkt so gut als möglich zu informieren. Das in der Hoffnung, daß der Kunde durch die umfassenden Beschreibung des Produkts, die natürlich in erster Linie die Vorteile des Produkts herausstellen, so von dem angeboteten Artikel überzeugt sind, daß sie dieses Produkt kaufen. Haltet mich für naiv, aber ich denke, genau so sollte Werbung eigentlich sein.

Stellt man diese ehemalige Werbestrategie der Gegenwart gegenüber, wird man feststellen, daß von dem Informationsauftrag der Vergangenheit nicht mehr viel übrig geblieben ist. Werbung jetzt scheint darauf abzuzielen, den Kunden in erster Linie neugierig zu machen, oder ihm die Werbebotschaft so oft in das Hirn zu hämmern, bis sich diese dort festgesetzt hat.

Warum hat sich Werbung auf diese Art verändert?


Vermutlich beeinflussten mehreren Faktoren diese Entwicklung.
Zum einen ist Werbezeit in den Medien teuer. Wie oben schon erwähnt scheint der positive Effekt, den ein langer Werbefilm früher hatte, im Vergleich zu einem Mehrsekünder zu verpuffen.
Zum anderen sinkt mit jedem vergehenden Jahr die Zeit die  Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauer. Kein fern-Seher würde sich einen mehrere Minuten dauernden Werbefilm ansehen, der sich nur um ein einziges Produkt dreht - ausgenommen Shopping-TV, das in dieser Hinsicht ein Nischenbedürfnis zu befriedigen scheint.
Da ich selbst ungern "beworben" werde, wenn es um meinen Konsum geht, meide ich es, mich dieser Thematik auszusetzen. Doch das gelingt mir immer schlechter.

Als normaler, und auch aufgeschlossener Konsument dringt Werbung immer mehr in Bereiche ein, denen man oft nur mit viel Eigenintitiative aus dem Weg gehen kann.
Egal, ob ich gerade in einem Zug sitze, und mich die Reklamebildschirme in den Zügen daran erinnern, wie schön doch eine Reise mit der Bahn sein kann (...die Betonung liegt hierbei auf "kann"...), oder ob ich durch einen Baumarkt laufe, und mich aus jedem Regal Videobotschaften anschreien. Selbst die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten haben sich jetzt auf das Niveau von Privatsendern herunter gelassen. So streut die ARD vor den 20-Uhr-Nachrichten noch so viel Werbeinformationen unter das Volk, bis der berühmte Gong ertönt. Noch dreister ging das ZDF in der Vergangenheit vor, als dieses die ursprünglichen 30 Minuten für die Nachrichten kürzte, um zwischen den Nachrichten, und dem Wetter möglichst viel Werbebotschaften unterzubringen. Ob diese Nachrichten in der Zukunft noch weiter zum Wohle der Werbung schrumpfen werden, ist ungewiss.

Den Vogel beim Bewerben von allem Käuflichen hat jedoch meiner Meinung nach Youtube abgeschossen. Als selbst filmender Kanalbesitzer wurde mir neulich beim anklicken einer meiner eigenen Filme Werbung aufgetischt, obwohl ich dort angemeldet, und somit auch als "Erschaffer" des Films erkennbar war. Mir wird es immer ein Rätsel bleiben, welchen positiven Effekt dieses Vorgehen auf mich, oder jeden anderen Video-Ersteller haben soll.

Sollte YT an meiner Meinung diesbezüglich interessiert sein, folgendes:
Mich nervt diese Werbung - im Allgemeinen, und bei YT im Speziellen. Klar könnte ich ein kostenpflichtiges Abo bei YT abschließen, um der Berieselung mit Werbung aus dem Weg zu gehen.
Aber ehrlich: Fändet ihr es nicht auch gerechter, wenn einem die Plattform vor nerviger Werbung verschont, die man durch seine Arbeit mit Zuschauern versorgt?

Und da sind wir schon bei der nächsten Kuriosität, die ich bei dieser Werbestrategie nicht verstehe: Werbung wird offenbar nicht mehr wie früher als Information gesehen, sondern dient bei Internet-Plattformen wie YT auch als "Bestrafung" dafür, kein kostenpflichtiges Abo dort abzuschließen. Ganz davon abgesehen, daß ich mich als alter, weißer Mann oft frage, warum der Satz "die besten Dinge des Lebens sind kostenlos" immer mehr an Bedeutung verliert, ist mir auch Folgendes unverständlich:  
Anknüpfend an meine o. g. Einleitung in Bezug auf die Vermittlung von Informationen zu einem Produkt fällt auf, daß es die Hersteller einer Ware offenbar in Kauf nehmen, daß das beworbene Produkt in Gefahr gerät dem Konsumenten negativ in Erinnerung zu bleiben, da dieser durch den unfreiwilligen Beschuß mit der Werbung zu diesem Produkt eher genervt, als interessiert sind. Macht das Sinn?

Wahrscheinlich sehe ich das einfach zu eng. Bestimmt sogar. Ich komme mir deswegen manchmal vor, wie aus der Zeit gefallen. Manche Gegebenheiten der Gegenwart kann ich nicht mehr geistig nachvollziehen. Ich gehe davon aus, daß sich die meisten meiner Konsumenten-Brüder, und -Schwestern an dieses Werbe-Dauerfeuer gewöhnt haben, und es an ihnen abperlt wie ein fettiger Bratenrückstand in einer Teflonpfanne.
Eins ist mir jedoch klar: Ich werde mit dem Schreiben dieses Beitrags weder die Leute beeinflussen, die Werbung produzieren, und veröffentlichen, noch die Menschen, die diese Werbung unkommentiert konsumieren - was eigentlich schade ist. 

Keine Kommentare: