...geht es erneut um eine Kuriosität, die unentdeckt von den meisten heterosexuellen Männern viele schwule Männer ihr Leben lang begleitet. Wäre es nicht schon nervig genug, daß sich Schwule bei Bekanntwerden ihres Andersseins gegenüber anderen, ahnungslosen Menschen erklären müssen, gibt es auch noch eine andere Sache, die schon häufig automatisiert wie ein Mantra von homosexuellen Männern heruntergebetet werden muß.
Dazu folgende Situation:
Zwei Männer, die sich vorher noch nie gesehen haben, stehen nebeneinander an der Bar in einer Diskothek (...ja, ich weiß: das heißt jetzt "Club", aber ich bin halt alt!). Beide warten auf die Bedienung, die hinter der Bar versucht, dem Ansturm auf die Getränke Herr zu werden. Die beiden Männer müssen warten. Beide stehen mit den Körpern dicht an der Bar, und haben ihre Arme auf den Tresen gelegt, um ihrer Bestellung mit dem Geld, welches sie bereits in ihren Händen halten, Nachdruck verleihen zu können. Doch die Angestellte befriedigt zuerst die Wünsche an der anderen Seite der Bar. Da beide in der gleichen Situation gefangen zu sein scheinen bietet es sich an, sich miteinander auszutauschen, um die Wartezeit ein wenig weniger langweilig zu gestalten.
"Servus...und? Das erste Mal hier?"
"...öhm...nein, ich kenne den Laden schon länger. Hier wird wenigstens noch richtig gute Musik gespielt. Nicht nur der ewige Teenager-Dreck aus dem Radio."
"Ja, das habe ich auch schon gehört. Deswegen bin ich auch hier. Hab einen Tipp von einem Kollegen bekommen. Ich bin übrigens der Peter."
"Servus Peter. Was bestelltst Du Dir denn Schönes? Vorausgesetzt, die Schnarchtante kommt irgendwann einmal zu uns...Ich bin übrigens der Andi. Sers"
Die beiden schütteln sich die Hände.
"Ich muß heute leider fahren. Bin mit ein paar Kumpels da, die Junggesellenabschied feiern. Und ich Depp habe mich breit schlagen lassen, daß ich die Leute fahre. Deswegen heute nur alkoholfrei. Was für ein Mist eigentlich. Jetzt, wo ich wieder Single bin könnte ich es eigentlich krachen lassen, da ich zur Zeit niemanden Rechenschaft ablegen muß. Und ich Idiot lasse mich als Fahrer engagieren..."
"Ja, das war ja dann wirklich nicht besonders clever. Aber wenn Du schon frischer Single bist, kannst Du Dich ja mal an die Frau hinter den Tresen heranmachen. Dann bedient sie uns vielleicht schneller in den nächsten Stunden. Ich kann ja leider nicht. Bin heute mit meiner Freundin hier."
Andi zwinkert Peter zu. Vertrautheit macht sich zwischen den beiden breit - Männergespräche halt! So würde sich die beiden mit keiner Frau unterhalten. Peter hält kurz inne, bevor er sagt:
"Das mit der Bedienung anmachen wird leider nicht funktionieren, denn ich bin schwul."
Andi, der seinen Blick wieder in froher Hoffnung auf die Barkeeperin gerichtet hatte, riß seinen Kopf herum. Auf seinem Gesicht war Verwunderung abzulesen. Die Situation war Peter unangenehm. Er fühlte sich dazu genötigt, seine Ausasge zu ergänzen:
"...aber hey: Du mußt Dir keine Gedanken machen, okay? Du bist wirklich nicht mein Typ, und fällst auch nicht in mein Beuteschema."
" Na dann is ja gut..."
Andi schaute Peter unsicher an. An dieser Stelle endete das Gespräch der beiden.
Frage: Warum hatte Peter Andi erzählt, daß er nicht auf ihn stand?
Ähnliche Szenen habe ich bereits oft gesehen. In Filmen, aber auch im realen Leben. Dabei bin ich selbst oft wie Peter: Auch ich habe mich schon dabei ertappt, reflexartig diesen "Du-mußt-Dich-nicht-vor-dem-schwulen-Mann-fürchten"-Satz einem Gesprächspartner zu übermitteln, der nicht der Kaste der homosexuellen Männer angehört. Aber warum eigentlich? Ist es denn so schlimm für einen heterosexuellen Mann, wenn ein anderer Mann ihn attraktiv, und anziehend findet? Noch kurioser wird die Sache, wenn man sich die gleiche Szene bei einem gemischt-geschlechtlichen Paar vorstellt. Ich habe es noch nie erlebt, daß zum einen bei einem belanglosen Smalltalk einem sofort die sexuellen Präferenzen des Gegenübers um die Ohren gehauen werden. Noch weniger wahrscheinlich ist es, daß man seinem Gesprächspartner obendrein auch noch brühwarm die Erkenntniss anvertraut, daß man/man nicht in sie/ihn verliebt ist, oder mit ihr/ihm sexuellen Verkehr haben möchte.
Warum reagieren Schwule also oft in dieser Art & Weise?
Bei mir ist es vermutlich immer noch die uralte, mir anerzogene Scham, die mich dazu veranlasst, mein Gegenüber in Sicherheit zu wiegen. Deswegen, weil ich ja als schwuler Mann eigentlich "Pfui" bin, und mein vermeintlich heterosexuelles Gegenstück in der Hierachie der Menschen über mir steht. Dieses innerliche Zusammenzucken, dieses sich selber kleiner machen, stört mich an mir! Zeigt es mir doch, daß ich selbst nach vielen Jahre, die ich mit mir selbst im Reinen zu sein scheine, immer noch von den Geistern meiner Vergangenheit eingeholt werde.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Verhalten jemals ablegen werde. Gerade in den letzten Jahren jedoch bin ich mental gewachsen, und deswegen guter Dinge, daß ich auch das hinter mir lassen werde.

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