Jahrelang war ich mit meiner letzten Beziehung unzufrieden. Und jahrelang habe ich in stillen Momenten darüber gegrübelt, was mir in der Beziehung fehlt. Ich habe mich nach körperlicher Zuneigung und natürlich auch nach erfülltem Sex gesehnt, habe mir ausgemalt, wie es sein könnte, endlich "frei" zu sein.Ich wollte die Dinge machen, die ich schon so lange nicht mehr gemacht habe. Ich habe mich selbst gesehen, wie ich neue Freunde kennenlerne, und ich mit ihnen am Abend um die Häuser ziehe, ohne das ich mir dafür eine Gardinenpredigt anhören muß. Ich wollte trinken so viel, und so oft ich will, wollte rauchen, wenn ich Lust drauf hab. Wollte alte Bekannte besuchen, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Wollte weniger arbeiten, und mich mehr um meine Freunde, und meine Eltern kümmern, so wie früher. Evtl. auch mal alleine in den Urlaub, nach Gran Canaria vielleicht? Hauptsache raus aus dem ewigen Arbeitstrott, der mich schon seit so vielen Jahren begleitet.
...ja... und jetzt bin ich frei - zumindest nach außen hin.
Die, die durch Zufall tatsächlich hier mal rein gestolpert sind, werden sich jetzt wohl die Frage stellen, was ich mit meiner neuen Freiheit schon von den o. g. Punkten in Angriff genommen habe.
Und auch das ist komisch:
Okay, ich habe, eher durch Zufall und nicht gerade beabsichtigt, tatsächlich auch jemanden kennen gelernt, der für mich als neuer "Lebensabschnittsgefährte" in Frage zu kommen scheint. Und ich habe auch via Internet schon die eine oder andere neue Person kennen gelernt, mit der eine Freundschaft möglich wäre. Ab und zu rauche ich jetzt tatsächlich wieder eine Zigarette, und getrunken habe ich die letzten Monate reichlich - dies allerdings, um mein Gehirn auszuschalten. Hatte ich ja schon mal erwähnt.
Aber irgendwas ist anders! Anders als erwartet. Die neue Freiheit fühlt sich komisch an. Ich war so lange in festen Beziehungen, das mich langsam das Gefühl beschleicht, daß ich es verlernt habe, wieder an der Stelle anzuknüpfen, an der ich mich von meinen Partnern habe weg bewegen lassen.
Ja, ich habe mich verändert. Ich bin nicht mehr der gleiche Mensch, der ich vor 20 Jahren noch war!
Und genau das macht mein "Freisein" auch anders, als ich es mir vorgestellt habe.
Schon als ich in der späteren Pubertät zu der Einsicht gelangt bin, daß ich mich durch meine Homosexualität von 95% meiner Geschlechtsgenossen unterscheide, habe ich mich innerlich von der Gesellschaft distanziert, die ja sowieso mich, und den Rest der schwulen und lesbischen Welt, nie akzeptieren wird. Zu mühsam, zeit-, und nervenaufreibend schien mir damals auch schon die Vorstellung, andere Leute davon überzeugen zu müssen, daß schwulsein an und für sich nix schlimmes ist - ein Kampf gegen Windmühlen, nicht lohnenswert! Und je älter ich werde, desto weniger sinnvoll erscheint es mir, mich mit Leuten zu treffen, die nicht aus der schwulen Ecke stammen, die in meinem Alter natürlich verheiratet sind, Kinder haben, und sich mit ihren Bekannten im Wirtshaus, oder beim Fußballverein, oder beim Elternabend treffen.
Bleibt also noch die Möglichkeit, sich mit anderen schwulen Männern zu treffen. Ein Unterfangen, daß gerade hier auf dem Land auch nicht so einfach ist, wie man es meinen könnte. Denn potentielle Lebenspartner zu finden, ist für schwule Männer eh schon schwer genug, schon auf Grund der Tatsache, daß nur ein geringer Prozentsatz der männlichen Bevölkerung überhaupt schwul ist. Dieses Problem potenziert sich, wenn man in einer ländlichen Region lebt. Auf Grund dessen ist die, wenn man es so ausdrücken möchte "Gefahr" sehr groß, das ein anderer schwuler Mann, den man nur als Kumpel haben möchte, dann vielleicht doch evtl. mehr von einem will, als einen Nachmittags-Plausch bei Kaffee und Kuchen.
Auch die neue Liebe fühlt sich anders an. Ich gehe an die Sache nicht mehr so naiv, und unbeschwert ran, wie ich es noch vor 20 Jahren gemacht hätte. Und das nimmt der Verliebtheit, und der Zweisamkeit ein wenig den Zauber. Müßte ich diesbezüglich meine Gefühle beschreiben, so würde ich es so tun: Es ist so, wie wenn Du Dir einen Film ansiehst, der Dich als Teenager aus den Socken gehauen hat. Du hast Dir diesen Film in den letzten Jahren immer wieder angesehen. Und wenn Du Dir den Film jetzt ansiehst, findest Du ihn immer noch toll, aber zwischenzeitlich entdeckst Du auch Fehler, die Handlung des Filmes ist an manchen Stellen unlogisch, und gerade wenn ruhigere Szenen im Film vorkommen, zieht sich der Film ein wenig in die Länge. Du weißt schon, was in der nächsten Sequenz passieren wird, und wie der Film letztendlich ausgeht, weißt Du auch schon. Dieser Film wird Dich nie mehr so packen wie da, als Du ihn das erste mal als Teenager gesehen hast. Und je öfter Du Dir diesen Film ansiehst, desto mehr verliert er den Reiz, den er am Anfang einmal hatte.
Auf der einen Seite bereue ich meine Entscheidung nicht, mein Leben geändert zu haben. Hätte ich es nicht getan, wäre ich alt geworden, immer mit dem Gedanken daran, was hätte sein können, hätte ich nur den Mut gehabt, mein Leben zu ändern.
Dennoch bin ich momentan auch nicht da, wo ich eigentlich hin wollte - wo immer das auch ist. Und das ich dieses Ziel nicht erreichen könnte, macht mir auch ein wenig Sorgen. Das mag auch daran liegen, daß ich mein Ziel noch nicht genau erklären kann. Zu diffus ist momentan noch meine Gefühlslage, zu vage meine Vorstellung darüber, wie meine Zukunft aussehen soll.
Schade, daß es nicht so ist wie in einem Sciencefiction-Movie. Wo die Akteure durch die Nutzung einer Zeitmaschine die Vergangenheit ändern, und somit zwei gleichzeitig nebeneinander verlaufende, unterschiedliche Realitäten erschaffen, die sie beiden besuchen können, und somit auch sehen, wohin sich die jeweilige Realität bewegt.
Ich hab nur eine Realität, nur ein Leben. Und ich hoffe, das mich dieser von mir neu generierte "Zeitstrahl" dahin führt, wo ich hin will. Sollte mir zwischenzeitlich nicht die Lust am schreiben vergehen, werdet ihr es hier miterleben können. Seid ihr auch so gespannt wie ich?
Foto im Text:
| Lisa Speckelmeyer, "Links oder rechts?" |
Alle Bilder stammen aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de
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